Familienmagazin "Wir" Wenn Väter sich feiern

Wenn Mann und Frau zu Papa und Mama werden, ändert sich so einiges. Da trifft es sich gut, dass das neue Familienmagazin "wir" den jungen Eltern lifestyle- und gefühlsmäßig unter die Arme greift. Schade nur, dass das Heft als nabelbeschauliche Papi-Postille daherkommt.

Von Silke Burmester


Na, das ist doch mal Journalismus aus dem Lehrbuch: Schon mit den Titelzeilen versprechen die Macher des neuen Magazins, die sieben W-Fragen der seriösen Berichterstattung energisch anzugehen. Wie Sex nach der Geburt wirklich ist, wird in "wir" verhandelt, wo junge Familien am besten leben, was Kinder ihren prominenten Eltern beibringen, worüber Mütter nur heimlich klagen und warum Familienmenschen wie Lukas Podolski mehr vom Leben haben.

Noch dazu werden auf dem Cover diejenigen beruhigt, die bei so viel Familiensinn außen vor bleiben: "Okay! Es ist völlig in Ordnung, kein Kind zu haben." Allerdings muss diese Spezies, die Kinderlosen, dann auch ohne W auskommen.

"wir" heißt der neue Kiosknachwuchs des Süddeutschen Verlages, der unter der Federführung des "SZ-Magazin"-Chefredakteurs Dominik Wichmann, 37, aus der "SZ"-Beilage "Familienleben" erwachsen ist. Ein "Familienmagazin", das Menschen, die Eltern sind, ermutigen möchte, trotz ständig plärrender, alles einsauender und die Nerven blankscheuernder Kinderschar auch ein individuelles Leben zu führen.

Das heißt, die Wünsche und Ziele jenseits des Papa- oder Mamaseins, nicht aufzugeben. Ein Magazin, das auch eine politische Haltung einnehmen möchte. Eines, das deutlich machen will, dass es mit einem halb gelungenen Gesetz zur Elternzeit nicht getan ist. "Wir wollen die veränderten Rahmenbedingungen abbilden, in denen Familie heute stattfindet", sagt Dominik Wichmann.

So ist es Ziel der Münchner, eine moderne Lebenswelt widerzuspiegeln, "eine Stimme der Veränderung" in einer Gesellschaft zu sein, die erst eine Kanzlerin und eine vom Polit-Vater gestählte Tochter als Familienminsterin brauchte, um den Schafsköpfen in Politik und Wirtschaft klarzumachen, dass "Familie" weder ein Orchideenthema noch "Gedöns" ist.

Konkrete Ratschläge will das elfköpfige Redaktionsteam der ersten Ausgabe aber nicht erteilen. Infos zu Breichenzeiten, Popo-Aua und Schulbroten überlässt man den etwa 30 Titeln auf dem Markt, die sich dem Kindswohl widmen, nicht ohne weiterhin die klassische Rollenzuschreibung der liebevollen Mutter zu manifestieren, wie Wichmann beobachtet hat.

Dass man mit dieser Service-Haltung eine vor allem für den Anzeigenmarkt relevante Zielgruppe vernachlässigt, ist auch den Herren im Vorstand von Gruner + Jahr aufgefallen. Immerhin gibt es laut einer Studie des Allensbacher Institutes für Demoskopie in Deutschland etwa 5,5 Millionen Haushalte mit Kindern unter sechs Jahren. 2,6 Millionen verfügen über ein Nettoeinkommen über 2000 Euro, die Zielgruppe gilt als gebildet und kaufkräftig.

Lebensqualität jenseits des Ellenbogens

So wurde Timm Klotzek, der Chefredakteur des Befindlichkeitsmagazins "Neon" beauftragt, für das neue Lieblingskind der Werbeindustrie, die Lohas, ein Magazin rund um das Thema Familie zu entwickeln. An dem Vorhaben, "Nest" im April auf den Markt zu bringen, hält Gruner + Jahr fest, selbst, wenn man aktuell etwa der "Financial Times Deutschland" ihr Lifestyle-Herz entreißt und andere Objekte einstampfen will.

Ein wenig mutet es an, als hätte die Gesellschaft – und damit auch die Zeitschriftenmacher – zu ihrer Überraschung festgestellt, dass auch Väter Teil einer Familie sind, dass der männliche Beitrag nicht mit der Samenspende endet. Während die Frauenzeitschriften seit Jahrzehnten bemüht sind, durch Abbildung von Frauen außerhalb des familiären Umfeldes ein Wirkungsfeld jenseits von Heim und Herd zu ermöglichen, sind Väter das neue Einstiegsloch für Zeitschriftenmacher. Für Geschichten und Befindlichkeitsbeschreibungen.

Das liegt auch daran, dass die junge Generation erfolgreicher Blattmacher, Journalisten und Autoren sich einigermaßen ausgetobt hat, nun, mit Mitte 30 Vater wird, und eine Lebensqualität jenseits des Ellenbogens entdeckt. Und das unbedingt aufschreiben muss. Ist ja neu, stammt ja schließlich direkt aus dem Privatleben der jungen, dynamischen Papa-Redakteure.

Dass die erste Ausgabe von "wir" wie ein nabelbeschauliches Sonderheft "Väter" eines Männermagazins daherkommt, "ist nicht beabsichtigt", sagt Dominik Wichmann.

Hedonismus, der auch für die zwei bis drei Liebsten gilt

Zwar wollte man mit Lukas Podolskis charmantem Vaterbekenntnis, einer Geschichte über Männer in der Auszeit und einem Gespräch über das Für und Wider des Papaseins dem veränderten Familienbild Raum geben, doch gerät der Stoff, der ohne Mann im Mittelpunkt auskommt, etwas knapp. Ebenso die Bildauswahl. Unter den fünf "Mitarbeitern des Monats" wird nur eine Frau gezeigt, von 18 "Promis" sind gerade sechs weiblich. Die Experten sind ebenso männlich wie die Kinder, mit denen die Strecken illustriert werden, auch kommt die Definition von Familie nicht über das klassische Mama-Papa-zwei-Kinder hinaus. Was bleibt, ist der Eindruck, ein gut gemeintes Jungsmagazin in der Hand zu halten, "Familie" ist das nicht.

Auch gelingt es dieser ersten, mit 100 Seiten eher schlanken Ausgabe noch nicht, eine breite Realität abzubilden. "wir" ist das Heft einer Generation von gut situierten Hedonisten, die den Begriff des Egoismus auf ihre zwei bis drei Liebsten erweitert haben. Menschen, die mitspielen dürfen. Die spannendste Geschichte, das journalistisch sehr gelungene Stück über eine Frau, die ihr Neugeborenes fast weggegeben hätte, wirkt da wie der voyeuristische Blick ins RTL-II-Programm.

Für Dominik Wichmann und sein Team ist es der erste Titel, der sich am Kiosk behaupten muss – das unter den "SZ"-Lesern beliebte "Familienleben" lag der Zeitung bei. Willkommenes Signal für den Verlag und sicher auch für die Hamburger G+J-Herren: Die Anzeigenkunden haben sich wie die Geier auf das "SZ"-Baby gestürzt und es mit ihren bunten Bildern von Kindern in teurer Kleidung, Kindern beim Kochkurs im Fünf-Sterne-Hotel und glücklichen Familien am Computer eingedeckt.

Mit 130.000 Exemplaren geht "wir" auf den Markt, 3,50 Euro kostet das Heft. Vom Verkauf wird abhängen, ob es weitere Ausgaben geben wird. Wünschenswert wäre es. Dann könnte man die Frauen zu Wort kommen lassen, die mit den viel beschworenen "neuen Vätern" leben. Die könnten dann mal erzählen, dass selbst, wenn auch sie eine volle Stelle haben, die Familienarbeit komischerweise immer an ihnen hängenbleibt.



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