Familienmodelle "Vater ist man nicht. Vater kann man werden"

Zwischen Patchworkfamilie und Scheidungsrate: Die Verwandtschaftsforscherin Christina von Braun erklärt, warum schwule Väter wie Mütter denken und warum Donald Trump so gerne auf sein "deutsches Blut" verweist.

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Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau von Braun, im vergangenen Sommer wurde die Ehe für alle beschlossen. Wie prägen solche Veränderungen unsere Gesellschaft?

von Braun: Das spricht nicht dafür, dass die Heirat ein Auslaufmodell ist. Es bedeutet nur, dass Familie heute anders definiert wird als früher: als soziale Verantwortungsgemeinschaft, die nicht mehr nur exklusiv heterosexuellen Menschen vorbehalten ist. Solche Modifizierungen der Ehe sind aber nichts Neues.

SPIEGEL ONLINE: Nein?

von Braun: Das Prinzip Ehe wurde durch die Scheidung, die sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert in fast allen bürgerlichen Gesetzbüchern durchsetzte, schon erheblich verändert. Sie verlor ihren sakralen Status. Aktuell führt die Ehe für alle dazu, dass homosexuelle Beziehungen nicht nur entkriminalisiert, sondern auch gesellschaftlich anerkannt werden: Behörden etwa geben Pflegekinder inzwischen gerne an homosexuelle Paare.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

von Braun: Weil sich deren Beziehungen oft als sehr stabil erweisen. Seit einigen Jahren vollzieht sich aber auch bei heterosexuellen Partnerschaften ein ähnlicher Wandel hin zu längerfristiger Bindung: Die Scheidungsrate in Deutschland sank zwischen 2005 und 2014 von fast 52 auf 43 Prozent. Im Durchschnitt halten Ehen heute drei Jahre länger als vor 20 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es dazu?

von Braun: Ich vermute, dass dahinter die zunehmende Autonomie von Frauen steckt. Bisher wurde die Emanzipation häufig für die hohen Scheidungsraten verantwortlich gemacht. Rückblickend könnte es sich erweisen, dass die Autonomie ein stabilisierender Faktor ist: Wer über die Freiheit verfügt, sich unabhängig zu machen, kann auch darauf verzichten, diese Unabhängigkeit umzusetzen.

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Verwandtschaft: Vom alten Rom zur Ehe für alle

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie indigene Kulturen, in denen Verwandtschaft ganz anders gedacht wird als bei uns. Einer, der mit mir denselben Boden bearbeitet oder die gleiche Nahrung zu sich nimmt, ist mein Bruder, Vater oder meine Mutter. Das sind nicht biologische, sondern soziale Verwandtschaftsdefinitionen. Wieso haben sie sich bei uns nie durchgesetzt?

von Braun: Sie sind in einem historischen Prozess, der von Theologie über den Adel bis zum Bürgertum führte, zunehmend von der Idee der Blutsverwandtschaft verdrängt worden.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

von Braun: Das antike Griechenland und auch das alte Rom waren patrilinear organisiert, folgten also einer Vaterlinie, die biologisch nicht nachweisbar war, sondern als eine geistige Art von Erbschaft gedacht wurde. In Rom führte das etwa dazu, dass der adoptierte Sohn wichtiger war als die leiblichen Kinder. Das Christentum übernahm diese geistige Patrilinearität, entwickelte daraus aber eine Blutslinie, um sich vom Judentum abzugrenzen. Denn im ersten Jahrhundert, mit dem Beginn der Diaspora, definierten die Rabbiner die Zugehörigkeit zum Judentum neu: Jude ist, wer eine Jüdin zur Mutter hat. Der mütterliche Körper wurde zum neuen Heimatland. Deshalb wollte auch die christliche Religion eine Gemeinschaft des Bluts entwickeln: Sie basierte auf dem sakralen Blut Christi.

SPIEGEL ONLINE: Christus hat demnach zwei Naturen: eine göttliche und eine menschliche.

von Braun: Richtig, und von dieser Vorstellung leitete sich später das Adelsprinzip ab. Der König hat zwei Körper: einen unsterblichen, der das Reich repräsentiert und auf seinen Nachfolger übergeht, und einen sterblichen, wie seine Untertanen. Das ging über auf den Adel, dessen Blut nun eine besondere Klasse repräsentierte: das "blaue Blut". Eine theologische Vorstellung wurde hier zu einer sozialen Kategorie - wobei beides natürlich reine Fiktion war.

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Christina von Braun:
Blutsbande

Aufbau Verlag, 537 Seiten, 30 Euro

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

von Braun: Die väterliche Abstammung war biologisch nicht nachweisbar; erst seit 1984 gibt es dank des genetischen Fingerabdrucks den sicheren Vaterschaftsnachweis. Die Idee der Blutsverwandtschaft stützte sich nicht auf einen Nachweis, sondern auf Gesetze, Verträge, Stammbäume, Archive, aus denen hervorging, wer wessen Sohn war. Die monetäre Erbschaft und erbliche Ämter trugen dazu bei, dieses Konstrukt in der sozialen Realität zu verankern.

SPIEGEL ONLINE: Wie änderte denn der genetische Fingerabdruck unsere Vorstellung von Verwandtschaft?

von Braun: Das DNA-Profil erlaubt es, den Vaterschaftsnachweis zu erbringen, und ist gleichzeitig Beleg, dass Erblinien bilinear sind, ein Kind von Mutter und Vater gleichermaßen geprägt ist. Aber bereits vor 200 Jahren schuf die Zeugungsforschung, später die Reproduktionsmedizin und Genetik, neue Definitionen von Vaterschaft und Mutterschaft, indem sie den biologischen Anteil beider Geschlechter bei der Zeugung zeigten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkungen hatte das?

von Braun: Der Beweis, dass die Mutter genauso viel an ihre Kinder weitergibt wie der Vater, war einer der Gründe für die allmähliche Durchsetzung der Frauenrechte: das Wahlrecht, die Zulassung zur akademischen Ausbildung. Er entpolarisierte auch die Geschlechterordnung: Die sozialen Rollen von Männlichkeit und Weiblichkeit liegen nicht mehr so extrem auseinander. Heute gibt es kaum mehr einen reinen Männerberuf, auch in den sogenannten Frauenberufen finden sich Männer. Die Geschlechtergrenzen wurden fließend.

SPIEGEL ONLINE: Wo stehen wir heute?

von Braun: In unserer Gesellschaft konkurrieren derzeit zwei Definitionen von Verwandtschaft miteinander: soziale und biologische. Einerseits gibt es zunehmend neue Familienmodelle, Patchwork- und Regenbogenfamilien. Andererseits erklärt jemand wie Donald Trump seine Erfolge als Geschäftsmann mit seinen "winning genes", also "gewinnenden Genen", oder mit seinem "good german blood", dem "guten deutschen Blut" - und er ist nicht der Einzige.

SPIEGEL ONLINE: In welchen Teilen der Gesellschaft sind solche Annahmen denn noch verbreitet?

von Braun: Der Soziologe Michael Hartmann hat nachgewiesen, wie stark diese Vorstellungen zum Beispiel auch in der Finanzelite vorherrschen: dass das, was ich bin, nicht so sehr mit Leistung zusammenhängt, sondern in erster Linie durch meine Gene festgelegt ist. Da entsteht ein neuer Klassendiskurs, jetzt aber auf Kapital und Genetik bezogen: Eine Einkommensschicht wird als etwas Natürliches, in der Biologie Verankertes erklärt, damit ihr Status nicht infrage gestellt wird. Dies ist einer der Diskurse, die zur Stagnation sozialer Mobilität beitragen.

SPIEGEL ONLINE: Bahnt sich ein Clash zwischen diesen zwei Verwandtschaftsdefinitionen an?

von Braun: Durchaus. Trump und seine Leute wollen soziale Mobilität verhindern, indem sie etwa Bildungs- und Gesundheitspolitik herunterfahren - es sind dieselben Leute, die auf Feminismus, auf die Homo-Ehe schimpfen und zu den Vorstellungen einer patrilinearen Blutslinie zurückkehren wollen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird sich das Verständnis von Verwandtschaft in den kommenden Jahren wandeln?

von Braun: Wir unterschätzen noch, wie stark soziale Realität die Biologie verändert. Neurobiologische Forschungen zeigen, dass bei schwulen Vätern, die ein Kind großziehen, ganz ähnliche Zentren im Gehirn aktiviert werden wie bei Müttern. Bei denen herrscht im Hirn eine gewisse Wachsamkeit vor, wenn ein Kleinkind in ihrer Verantwortung ist - egal, ob sie gerade mit dem Kind zusammen sind oder nicht. Da, wo weit und breit keine Mutter ist, dafür aber zwei Väter, werden die gleichen Hirnregionen aktiv, von denen man bisher glaubte, sie würden durch Schwangerschaft, Geburt und Stillen aktiviert. Auch verändert sich durch diese Fürsorgetätigkeiten einiges beim hormonellen Ausstoß des Mannes.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beweis für die Macht sozialer Realitäten?

von Braun: Als eine Frau, die nach ihrem leiblichen Vater suchte - er war anonymer Samenspender -, von dieser Studie erfuhr, sagte sie: "Ich habe zum ersten Mal begriffen, dass mein Adoptivvater zu meinem biologischen Vater werden kann." Eine wunderbare Formulierung: Vater ist man nicht. Vater kann man werden.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
ansv 01.04.2018
1.
Die sinkende Scheidungsrate kann man durchaus auch anders interpretieren: man muss heute nicht mehr heiraten, selbst eine Schwangerschaft zwingt niemanden mehr zur Ehe mit einem Menschen, mit dem man sich ein Leben dauerhaft gar nicht vorstellen kann.
lobivia 01.04.2018
2. Moment mal
Bei indigenen Völkern ist das Konzept auch eines der Ressource (Boden, Territorium ) und der biologischen Verwandtschaft (Familie, Clan). Der Artikel ist eine Mischung aus soziologischer Nabelbeschau, sozialromantischem Wunschdenken und Ignoranz soziobiologischer Erkenntnisse. Dieser Artikel könnte 35Jahre alt sein. Unabhängig davon bin ich der Meinung, dass die sexuelle Orientierung kein Kriterium ist, das definiert, ob Menschen Kinder erziehen können. Das ist eine Frage der Menschlichkeit.
dasfred 01.04.2018
3. Ich habe schon vor 30 Jahren schwule Väter kennengelernt
Damals war es noch so, dass im Falle der Scheidung eines Homosexuellen von seiner Frau und eingehen einer gleichgeschlechtlichen Beziehung, die Kinder nur in Ausnahmefällen zum Vater kamen. In allen Fällen waren die Kinder ausgeglichen, zufrieden und fühlten sich bei Vater und neuem Vater geborgen. Auch in ihrem schulischen Umfeld waren sie voll akzeptiert und haben sich ebenso entwickelt, wie Kinder aus klassischen Familien in ihrer Umgebung. Dabei half aber nicht zuletzt auch der Freundeskreis der Väter sowie ihre Familie. Für Kinder sind gefestigte Strukturen wichtiger als das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung ihrer Eltern.
Lykanthrop_ 01.04.2018
4.
Die vorigen Kommentare kann ich alle samt unterschreiben. Hinzufügen sollte man noch die Gender-Diskrepanz. Soziale Bindungen entstehen bei Mutter wie Vater ähnlich, allerdings suggeriert der Artikel Väter seien in ihrer Elternkompetenz leicht lernbehindert, entgegen der mütterlichen Elternkompetenz, die naturgegeben erscheint. Es gibt gute und schlechte Väter, ebenso wie gute und schlechte Mütter. Im Ganzen wirken die Zusammenhänge leicht konstruiert, so als hätte jemand sich eine Erklärung nach seiner Zielvorgabe zusammengebastelt, Frau gut - Mann Problembär mit Potenzial. Vielleicht gibt es auch weniger Scheidungen weil die Anzahl der Singles größer geworden ist. Wer will findet da viele mögliche Gründe, ganz nach seinem Geschmack. Ein weiterer Blick wäre schön gewesen, so ist es ein Schmalspurinterview, mit schiefem Blick.
m.m.s. 02.04.2018
5. Gender-Debatte und das reale Leben
Ein schön durchkomponierter Artikel der Gender-Ideologie, wonach das biologische Geschlecht angeblich sozial anerzogen sein soll. Noch nicht sozialisierte Säuglinge bevorzugen jedoch bereits geschlechtstypisches Spielzeug, womit diese Gender-Sozialisierungs-Theorie seit Jahren widerlegt ist. Damit kann sich diese ideologische wissenschaftsferne Erzählungsendmoräne nicht mehr durchsetzen, unabhängig von der steten Wiederholung und den Kreiszitaten von einem Genderanhänger zum nächsten. Nur zur Information, da die Debatte damit bereits abgeschlossen wurde.
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