Faust I und II in Salzburg Goethe als Sprechmaschine

Um 17 Uhr öffnet sich der Vorhang und er schließt sich erst um 2 Uhr: Nicolas Stemann inszeniert Goethes Faust I und II bei den Salzburger Festspielen. Für die über 200 Rollen will er nur sechs Schauspieler auf die Bühne stellen. Regietheater? Experiment? Der Vorverkauf brummt trotzdem.

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Es war ein Wahnsinns-Projekt, 15 Millionen Euro teuer, 22 Stunden lang, besetzt mit 35 Schauspielern: Bei der Expo in Hannover hat sich die Regielegende Peter Stein, Jahrgang 1937, vor ziemlich genau elf Jahren am kompletten Faust versucht - und ist grandios, nun ja, gescheitert. So jedenfalls sieht es sein Kollege Nicolas Stemann, Jahrgang 1968: "Es war konventionelles Theater mit einem unkonventionellen Text." Bei den Salzburger Festspielen nimmt Stemann nun einen neuen Anlauf - und will sich mit acht bis neun Stunden bescheiden, bestritten von sechs Schauspielern.

Ein Wahnsinns-Projekt jedoch ist auch dieses. Eines, dem man den Wahnsinn des wuchernden Sprachkonglomerats noch anmerken soll. Eines, das gar nicht erst den Versuch unternehmen will, das Textmonster zu zähmen. Eines, das bis zur Premiere noch alles und nichts werden kann, nur das nicht: konventionell.

Der Hauptdarsteller ist die Sprache

Stemann steht für einen gewitzten Umgang mit Texten, die das Theater herausfordern, wenn nicht überfordern. Bekannt ist er vor allem für seine kongenialen Inszenierungen der Textflächen Elfriede Jelineks, mit denen er bereits drei Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, der jährlichen Bestenschau der deutschsprachigen Bühnen. In seiner Inszenierung der Krisenkomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" zum Beispiel, einer Koproduktion des Schauspiels Köln mit dem Thalia Theater Hamburg, spielte und sang und schrie Stemann gemeinsam mit seinen Schauspielern vier Stunden lang, ohne Pause, während ein Display die noch zu absolvierende Seitenzahl von 99 bis 0 runterzählte; er ließ den jelinekschen Textstrom den Saal fluten, war aber immerhin so fair, die Saaltüren offen zu lassen, so dass die Zuschauer im Foyer Luft schnappen konnten, essen und trinken. In seiner Wiener Inszenierung von "Das Werk", einer der besten Theaterarbeiten der vergangenen Jahre, begegnete Stemann der Assoziationsmaschine Jelinek mit Sprechmaschinen - mit Akteuren, die den Text nicht darstellten, sondern ihn ausstellten. Der Hauptdarsteller war die Sprache.

Die soll nun auch der Hauptdarsteller bei seinem Faust-Projekt sein, einer Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Hamburger Thalia Theater. Am 28. Juli ist Premiere in Salzburg, am 30. September eröffnet die Inszenierung die Thalia-Saison in Hamburg. Wer Karten will, muss sich ranhalten: In Salzburg gibt es nur noch einzelne Plätze, auch in Hamburg läuft der Vorverkauf schon. Da sage noch einer, experimentelle Regiekonzepte vergrätzten die Zuschauer.

Sechs Schauspieler für 205 Figuren

Gereizt hat Stemann nicht so sehr Faust I, "fast ein well-made-play", vielmehr Faust II, ein "wucherndes Textkonglomerat", das das Theater überfordert, unter anderem weil in ihm vieles "nur dadurch zusammengehalten" werde, "dass es sich reimt", weil in ihm "viel heiße Luft" stecke, weil es "mit Privatscherzen gespickt" sei, die vermutlich schon Goethes Zeitgenossen nicht verstanden hätten. "Ich dachte zunächst, dass Goethe versucht zu schreiben wie Jelinek", sagt Stemann und schmunzelt. "Beiden gemeinsam ist der Überfluss an Text und Ideen." Aber natürlich schreibe Goethe viel dialogischer: "Bei ihm ist es nicht egal, wer spricht. Man muss seinem Text anders helfen."

In Faust I setzt Stemann auf nur drei Schauspieler (Sebastian Rudolph, Philipp Hochmair und Patrycia Ziolkowska), in Faust II erhalten sie Unterstützung von immerhin drei weiteren (Barbara Nüsse, Birte Schnöink, Josef Ostendorf). Viel ist auch das nicht angesichts von 205 Figuren in Goethes Vorlage. Keiner der Schauspieler wird eine feste Rolle übernehmen, sie werden hin und her wechseln, vor und zurück, ihre Bühnen-Ichs werden miteinander verschwimmen. Nicht etwa, weil Stemann beim Renommier-Festival in Salzburg an den Gagen sparen muss, natürlich nicht. Sondern weil es sein Konzept ist: Er liest das ganze Stück als eine Art inneren Monolog. Faust und Mephisto etwa sind seiner Meinung nach nicht voneinander zu trennen, sie sind keine verschiedenen Personen, sondern stehen für Handlungsoptionen ein und derselben Person - zwei Seelen in einer Brust.

Karg wird's dennoch nicht zugehen in Salzburg: Drei Live-Musiker werden ständig auf der Bühne stehen; es gibt einen Tänzer, eine Sängerin und mehrere Puppenspieler; viele Videos werden eingebaut. Und dann ist da ja auch noch Stemanns Theater-Philosophie, die einem zur Not über neun Stunden hinweghilft: "Man muss nicht immer alles verstehen. Man kann dem Text auch mal als musikalisch-poetischem Werk lauschen."


Faust I und II. Premiere am 28. Juli bei den Salzburger Festspielen, Perner-Insel in Hallein, weitere Vorstellungen am 30. Juli, 6., 7., 14., 15., 20. und 21. August, Kartentelefon 0043/662/804 55 00 (nur noch Restkarten erhältlich).

Hamburger Premiere am 30. September im Thalia Theater, weitere Vorstellungen am 1. und 3. Oktober, Kartentelefon 040/32 81 44 44.



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Koltschak 28.07.2011
1. Wers denn mag
Ich empfehle allen nur den Gustav Gründgens-Film "Faust". Da hat man Alles, in einer wunderbaren komprimierten form. Ohne jegliche Abstriche am Werk. Naja, wers mag, guckt sich auch 22 Stunden Faust I und Faust II an. Jedem nach seiner Facon. Nichts für mich. Dann schon eher der "Jedermann"!
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