Battersea Power Station in London: Bälle statt Schweine

Von , London

Pink Floyd und Hollywood nutzten das Battersea-Kraftwerk in London als spektakuläre Kulisse, nun gibt es einen neuen ambitionierten Plan: Der FC Chelsea will die Industrieruine in ein Fußballstadion umwandeln. Roman Abramowitsch wäre nicht der erste Investor, der mit dem Wahrzeichen Geld versenkt.

Battersea Power Station: Der Friedhof der Architekten Fotos
Corbis

"Location, location, location" - für die Battersea Power Station scheint diese alte Immobilienregel, nach der es allein auf den Standort eines Objektes ankommt, außer Kraft gesetzt. Die denkmalgeschützte Kraftwerksruine liegt in bester Flusslage mitten in London. Doch seit drei Jahrzehnten versagt ein Investor nach dem anderen bei dem Versuch, das Potential dieses einmaligen Standorts zu nutzen.

Egal ob Freizeitpark, Einkaufszentrum oder Kulturtempel - die Bauherren und Architekten kommen und gehen. Die Umbaupläne werden immer extravaganter, der Preis des begehrten Grundstücks am Südufer der Themse wird immer höher. Doch fertiggestellt wurde seit dem Abschalten des Kohlekraftwerks 1983 nichts, die Ruine gammelt vor sich hin.

Nun will Roman Abramowitsch es versuchen. Der russische Milliardär hat ein Kaufangebot für das 16 Hektar große Gelände abgegeben, um ein neues Stadion für seinenFC Chelsea zu errichten. Die Pläne sind spektakulär: Die Arena mit 60.000 Plätzen soll in die Ziegelsteinhülle des ehemaligen Kraftwerks hineingebaut werden. Statt Scheinwerfermasten würden an den vier Ecken die 103 Meter hohen Industrie-Schornsteine in den Himmel ragen. Battersea habe "das Potential, zu einem der legendärsten Fußballstadien der Welt zu werden", schwärmt der Club.

Es wäre tatsächlich ein Coup, die Battersea Power Station ist schließlich eins der Wahrzeichen von London. Die unverkennbare Silhouette wurde weltberühmt, als die Rockband Pink Floyd das Kraftwerk 1977 auf dem Cover des Albums "Animals" abbildete - mit einem fliegenden Schwein zwischen zwei Schornsteinen. Auch für Filme, Modefotos und Musikvideos wird es gern als Kulisse genommen. Entworfen wurde das massige Bauwerk 1929 von Giles Gilbert Scott, dem Designer der roten Telefonzelle. So ein Stadion hat nicht jeder.

Die Londoner bleiben aber vorsichtig. Im Laufe der Jahrzehnte ist viel versprochen und verkündet worden. Abramowitsch wäre nicht der erste Investor, der an dem Koloss an der Themse scheitert. Die Ausmaße des Bauwerks sind mit einer Grundfläche von 160 mal 170 Metern gewaltig, und die Kosten der Grundsanierung werden immer wieder unterschätzt. Abreißen darf man das Denkmal nicht.

Viele geplatzte Träume

Der Erste, der sein Glück versuchte, war der britische Freizeitparkunternehmer John Broome. Er kaufte das Gelände 1987 für 1,5 Millionen Pfund und wollte einen Indoor-Vergnügungspark errichten, komplett mit Achterbahn und Riesenrad. Premierministerin Margaret Thatcher persönlich gab den Startschuss. Doch die Baukosten gerieten schnell außer Kontrolle, und zwei Jahre später stoppte Broome die Maschinen. Noch nie habe jemand so viel Geld in einem denkmalgeschützten Bau versenkt, schimpfte er später.

Broome verkaufte das Gelände 1993 für zehn Millionen Pfund an den Immobilien-Tycoon Victor Hwang aus Hongkong. Dessen Firma Parkview International gab das Einkaufszentrum The Power Station mit Restaurants, Shops, Kinos und Nachtclubs in Auftrag. Auch die Akrobaten des Cirque du Soleil sollten hier ein neues Zuhause finden. Über eine Milliarde Pfund war für den Plan des Architekten Nicholas Grimshaw veranschlagt. Bald jedoch zerstritt man sich mit Denkmalschützern um die Substanz der Schornsteine, einzelne Partner stiegen aus, gebaut wurde nie.

2006 erwarben die irischen Immobilienunternehmer Richard Barrett und Johnny Ronan das Prestigeprojekt. Der Preis war inzwischen auf stolze 532 Millionen Euro geklettert. Der amerikanische Stararchitekt Rafael Viñoly entwarf ein überdimensionales "Öko-Zelt" aus Kunststoff mit einem 300 Meter hohen transparenten Turm. Über 3000 Wohnungen, ein Einkaufszentrum und ein Park im alten Kesselhaus sollten entstehen - sowie ein unterirdisches Biomasse-Kraftwerk.

Ronan wird in Dublin nur "der Freibeuter" genannt - sowohl wegen seines Aussehens (Vollbart und Pferdeschwanz) als auch wegen seiner Geschäftsmethoden. Mit dem 5,5-Milliarden-Pfund-Projekt hatte er sich jedoch übernommen. Im Herbst 2011 - er hatte über 500 Millionen Pfund Schulden angehäuft - drehten ihm die Gläubigerbanken den Geldhahn zu.

Fußballstadion - oder doch nur ein Park?

Seitdem gehört die Battersea Power Station der britischen Bank Lloyds und der irischen Bad Bank Nama. Sie suchen nun einen neuen Käufer, der bereit ist, 500 Millionen Pfund zu zahlen. Der FC Chelsea ist nur einer von mehreren Interessenten, die anderen Namen sind geheim.

Ob der Club den Zuschlag bekommt, ist ungewiss. Edward Lister, stellvertretender Londoner Bürgermeister, der für Planungsfragen zuständig ist, äußerte bereits Zweifel: Der Standort sei für ein Stadion nicht geeignet, weil die Infrastruktur nicht auf die Anreise von 60.000 Fans ausgelegt sei. Ein eigener U-Bahnanschluss ist allerdings im Masterplan vorgesehen, er könnte Abhilfe schaffen.

Sollte Chelsea die Planungshürden nehmen, wäre das Südufer der Themse um eine Attraktion reicher. Vorbild für die Renovierung ist die Tate Modern einige Kilometer flussabwärts. Das frühere Kraftwerk, ebenfalls von Architekt Scott, wurde zur Jahrtausendwende von den Schweizer Architekten Herzog und de Meuron entkernt. Das Museum für moderne Kunst wurde umgehend zum Symbol von "Cool Britannia", dem Aufbruch des Landes in Musik, Kunst, Architektur und Politik. Heute ist es ein Touristenmagnet auf der South Bank.

Für den Fall, dass auch der nächste Eigentümer der Battersea Power Station sich verrechnet und vorzeitig aufgibt, gäbe es immer noch Terry Farrells Plan. Der Architekt legte im Februar seine Vision eines urbanen Parks vor: Die Kopfseiten des Kraftwerks mit den markanten weißen Betonschornsteinen würde er stehen lassen, die Längsseiten zu Durchgängen umbauen. Besucher könnten durch die Ruine spazieren, die wie eine Skulptur im Park stünde. Diese Variante hätte einen entscheidenden Vorteil: Sie wäre mit Abstand am günstigsten.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Korrektur...
lsch 09.05.2012
Rafael Viñoly ist weder Spanier, noch hat er sein Büro in Spanien. Er kommt vielmehr aus Uruguay und hat sein Büro in den USA.
2. Battersea, Art déco und der Umgang mit einem architektonischem Erbe
Chrau 18.06.2012
Zitat von sysopPink Floyd und Hollywood nutzten das Battersea-Kraftwerk in London als spektakuläre Kulisse, nun gibt es einen neuen ambitionierten Plan: Der FC Chelsea will die bröckelnde Industrieruine in ein Fußballstadion umwandeln. Roman Abramowitsch wäre nicht der erste Investor, der sein Geld in dem Wahrzeichen versenkt. FC Chelsea will Stadion in Battersea Power Station bauen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,831862,00.html)
In zugegeben auch eigener Sache darf hier auf einen Aspekt hingewiesen werden: Die Battersea Power Station gehört zum architektonischem Erbe der Londoner Art déco Zeit – eine bauliche Ära voller äusserest qualitätvoller Bauten, mit denen man heute aber sehr äquivalent umzugehen scheint. Die Art der Diskussion um die Powerstation scheint hier symptomatisch! In Kürze wird ein Buch zur Londoner Art déco Architektur erscheinen, mehr Infos (und die Möglichkeit der Vorbestellung als Unterstützung) gibt es hier: Modernism London Style - startnext.de (http://www.startnext.de/modernism-london-style)
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