Fehlende Grenzen bei #MeToo Das Chaos will uns etwas sagen

Bericht eines Opfers oder Rache-Geschreibsel? Nach Vorwürfen gegen den US-Comedystar Aziz Ansari zeigt sich, wie wichtig die Diskussion um den Graubereich zwischen schlechtem Sex und Nötigung ist.

Femen-Protest bei einer Werkschau von Roman Polanski in der Cinemathèque Française in Paris
REUTERS

Femen-Protest bei einer Werkschau von Roman Polanski in der Cinemathèque Française in Paris

Eine Kolumne von


In fast jeder Kritik zur derzeitigen Debatte über sexuelle Übergriffe findet sich die Bemerkung, dass in der #MeToo-Diskussion zu viel durcheinander geworfen werde: Manche Frauen würden sich über eine dumme Anmache genauso aufregen wie über eine Vergewaltigung und damit den Opfern tatsächlicher Straftaten schaden. In guter, alter Tradition wird das Bild der irrationalen, hysterischen Frau aufgerufen, die jeden Kleinquatsch zum Drama erklärt.

Häufig sind es gerade Frauen, die sich von diesem Bild abgrenzen wollen. In der "Welt" schrieb Redakteurin Kathrin Spoerr von einer "Meinungsdiktatur", die sich als Frauensolidarität tarne, nur um jedes noch so harmlose Kompliment zum Übergriff zu erklären. Und die Rechtswissenschaftlerin Monika Frommel erklärte: "Niemand trennt mehr zwischen Rüpelhaftigkeit, verbalen Übergriffen, Machogehabe und eindeutig krimineller brachialer und sexualisierter Gewalt."

Ihm schien alles einvernehmlich

Es ist sehr eigenartig, solche Kommentare zu lesen. Einerseits sind sie deplatziert und hetzerisch, und andererseits kann man wohl nicht einfach sagen, dass sie offensichtlicher Bullshit sind, zumindest nicht so offensichtlich, dass sich erwachsene Menschen nicht trauen würden, sie auf halbwegs seriösen Nachrichtenseiten zu veröffentlichen.

Natürlich stimmt es nicht, dass alle, die sich an der #MeToo-Debatte beteiligen, alle Fälle von Übergriffigkeit miteinander gleichsetzen. Was stimmt: dass zurzeit sehr unterschiedliche Fälle diskutiert werden. Seit dem Weinstein-Skandal haben wir von Vergewaltigungen gehört, von Nötigung und Belästigung, von unerwünschten Handgriffen und Küssen, von billigen Sprüchen und schlechten Witzen, aber auch von schlechtem Sex bei schiefgelaufenen Dates.

Nun ist vor ein paar Tagen im Onlinemagazin "Babe" ein Text über den US-amerikanischen Schauspieler und Comedian Aziz Ansari erschienen. Eine Frau, die "Grace" genannt wird, berichtet ausführlich von einem Date mit Ansari. Es kommt zu unterschiedlichen sexuellen Handlungen, von denen Ansari heute sagt: Mir schien das alles einvernehmlich. Und die Autorin sagt: Es war die schlimmste Nacht meines Lebens. Sie habe auf unterschiedliche nonverbale Arten versucht, deutlich zu machen, dass sie das nicht will, aber Ansari habe nicht nachgelassen und es immer wieder versucht.

Lieber Rotwein

Die Geschichte wurde zum Teil sehr kritisch aufgenommen. Während einige enttäuscht waren, dass ein so harmlos und sympathisch wirkender Typ wie Ansari sich im Privaten so daneben benimmt, fanden andere, es war ein Fehler, das alles zu erzählen. Die Geschichte schade der #MeToo-Bewegung, stand in der "New York Times", denn es gehe um schlechten Sex und nicht um Gewalt. Ansari sei schuldig, aber nur, dass er keine Gedanken lesen könne.

In der "Washington Post" war zu lesen, die Geschichte sei mit gutem Grund nicht in einem großen Medium erschienen. Allein schon die Stelle, in der "Grace" sich beschwert, dass sie bei Ansari Weißwein bekam, obwohl sie lieber Rotwein möge (und dies nicht sagte), könne man wie eine Parodie lesen. Und ein Kommentar im "The Atlantic" nennt die Geschichte "3,000 words of revenge porn" und bringt den Vorwurf des Rassismus auf ("I thought it would take a little longer for the hit squad of privileged young white women to open fire on brown-skinned men"). Diese Geschichte habe einen Mann "zerstört", der es nicht verdient.

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Diese Bemerkung zeigt vieles von dem, was schief läuft. Denn Aziz Ansari ist nicht zerstört. Er wäre es, wenn man annimmt, dass jede Erwähnung eines männlichen Namens in der #MeToo-Debatte einer öffentlichen Hinrichtung gleicht. Aber Ansari lebt und nimmt Stellung und hat sich entschuldigt und bekommt viel Zuspruch.

Es gibt immer ein Ungleichgewicht

Alle, die ihre Geschichte erzählen, geben im Moment der Veröffentlichung einen Großteil der Kontrolle darüber ab. Gerade der aktuelle Fall Ansari zeigt, dass Leute durchaus noch differenzieren und sich ihre eigene Meinung zu Einzelfällen bilden. Keine einzelne Frau kann mit einer Geschichte von einer Vergewaltigung oder einem schlechten Date einen Mann zu Fall bringen. Sie braucht immer die Öffentlichkeit, die auf ihre Geschichte reagiert, und manchmal wird sie so reagieren, dass sie sagt: Komm mal klar und lern nein zu sagen.

Die Geschichte von Aziz Ansari bewegt sich in exakt jenem Graubereich, der vor Kurzem am Beispiel von Schweden diskutiert wurde: Ist es für Sex notwendig, sich vorher zu versichern, dass es die andere Person auch will? Was wurde gelacht über das Einvernehmens-Gesetz - und genau jetzt sehen wir einen Fall, in dem es sehr hilfreich gewesen wäre, wenn die beiden Beteiligten klarer kommuniziert hätten: Wenn sie deutlicher gesagt hätte, dass sie nicht will, und wenn er gefragt hätte, bevor er sie fingert oder leckt.

Die Tatsache, dass einige Leute das Gefühl haben, hier laufe zu vieles durcheinander, kann man nicht einfach wegdiskutieren. Allerdings kann die Lösung nicht sein, dass bestimmte Erlebnisse nicht erzählt werden sollten. Denn erstens hängen all die Geschichten, die wir heute hören, zusammen. Manche handeln von eindeutigem und gewalttätigem Machtmissbrauch und manche nur von schlechtem Sex, aber immer gibt es ein Ungleichgewicht und jemanden, der das Bedürfnis hat, etwas zu erzählen, was schiefgegangen ist. Und zweitens: Auch Chaos will uns etwas sagen.

Die Verantwortung des Zuhörens

Es läuft in sehr vielen Bereichen sehr viel falsch, wenn Frauen und Männer zusammenkommen. Es gibt offensichtlich extremen Redebedarf: über Machtmissbrauch und Sex. Es ist nicht möglich und nicht sinnvoll zu sagen, wir hören nur die härtesten Fälle an und verschieben die anderen Fragen auf später. Wenn wir verstehen wollen, warum Übergriffe passieren, und verhindern wollen, dass noch mehr geschieht, dann müssen wir auch über die Grenzfälle reden, in denen einfach nur irgendwas schlecht läuft. Es ist gut, dass es diese Erzählungen gibt, weil man aus ihnen lernen kann - außer man hört sie mit der Einstellung: "Okay, erzähl, wer ist der Nächste, der abgeschossen wird? Ah, der jetzt also auch."

Es gibt eine Verantwortung des Erzählens und eine Verantwortung des Zuhörens. Die eine betrifft diejenigen, die ihre Erlebnisse mitteilen und die andere diejenigen, die sie hören oder lesen, diskutieren und beurteilen. In der Schnittstelle beider Arten von Verantwortung liegt die Aufgabe der Medien, sorgfältig zu recherchieren und angemessen zu berichten. Es ist ähnlich wie mit Büchern: Es ist nicht nur ein Handwerk, sie zu schreiben, sondern auch, sie zu verlegen und zu lesen und zu kritisieren.

Es wäre ein elendes Urteil über die aktuelle Debatte zu sexualisierter Gewalt, wenn rauskäme, dass es besser für sie wäre, wenn bestimmte Fälle verschwiegen würden. Denn tatsächlich haben wir schon viele Geschichten gehört, aber immer noch nicht genug.

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insgesamt 70 Beiträge
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ruhepuls 16.01.2018
1. Irgendwann hört niemand mehr zu...
Generell führen "zu viele" Geschichten dazu, dass niemand mehr hinhört. Es wird einfach irgendwann langweilig. Aber besonders schnell passiert das, wenn auch noch "lasche Geschichten" erzählt werden. Derzeit hat man (und frau?) den Eindruck, dass alle möglichen Menschen auch noch "ihre" Geschichte loswerden müssen. Ist in den USA offensichtlich gerade auch ein Mittel, mal wieder ins Gespräch zu kommen. Schaden tut das denjenigen, die wirklich etwas zu sagen haben - und ein Recht darauf hätten, gehört zu werden. Die verschwinden nun in der Masse der "Geschichtchen".
Planquadrat 16.01.2018
2. Das große
Problem dieser Diskussion besteht einfach darin, dass jeder Vorwurf sofort von der Presse veröffentlicht wird, zum Schaden der Betroffenen. Denn deren Leben ist, egal ob der Vorwurf einer juristischen Überprüfung stand hält oder nicht, nicht mehr das Alte. Solche Vorwürfe dürften nicht einfach in die Öffentlichkeit gelangen, bevor Gerichte sich damit befassen. Aber leider ist es ein leichtes dank moderner Medien aller Art, auch vollkommen unschuldige Menschen warum auch immer an den Pranger zu stellen. Etwas bleibt immer hängen. Letztendlich schadet das auch den wirklichen Opfern, denn die Glaubwürdigkeit sinkt in der öffentlichen Wahrnehmung.
hambas 16.01.2018
3. Dann lasst uns die Debatte endlich auf Augenhöhe führen.
"Es gibt offensichtlich extremen Redebedarf: über Machtmissbrauch und Sex. Es ist nicht möglich und nicht sinnvoll zu sagen, wir hören nur die härtesten Fälle an und verschieben die anderen Fragen auf später." Stimmt: Ich, als Mann, hatte aber an anderer Stelle zu diesem Thema kurz beschrieben, wie ich auf einem Konzert Opfer eines sexuellen Übergriffs einer Frau wurde. Zumindest würde es als solcher gewertet, wäre ich eine Frau. Allerdings wäre der Beitrag dann auch erschienen und von der Kommentarredaktion nicht gestrichen worden. Also gleichberechtigte Wahrnehmung und Beitragsrechte für alle.
der_gezeichnete 16.01.2018
4. Mir sind Fakten deutlich wichtiger
"Denn tatsächlich haben wir schon viele Geschichten gehört, aber immer noch nicht genug." Wenn ich Geschichten lesen möchte, halte ich mich an Belletristik. Wenn es um Straftaten geht, doch eher an die Gewaltenteilung und Unschuldsvermutung. Das soll nicht das Leid der wirklichen Opfer herabsetzten, der Ruck der durch #metoo durch die Gesellschaft ging, war notwendig. Die Aufarbeitung gleicht aber doch eher einem hysterischen Mob. Die Täter müssen nach geltenden Gesetzten bestraft werden, aber dazu ist eben ein Gerichtsverfahren notwendig, kein virtueller Pranger für die Vorveruteilung. Ich hoffe das viele Opfer die bisher geschwiegen haben, durch die Debatte an Mut gewinnen, die Täter zur Rechenschaft ziehen zu lassen - durch die Justiz! Wird dagegen die ganze Debatte instrumentalisiert um unliebsamen Verflossenen zu schaden, endet das am Ende wie bei der Geschichte mit dem Der Hirtenjunge und der Wolf.
held_der_arbeit! 16.01.2018
5. Umdenken auf beiden Seiten?
Das war ein - für eine Stokowski Kolumne - verhältnismäßig ausgewogener Text. Der Gedanke, in der Debatte könne vieles durcheinander gebracht, teils auch falsch berichtet und/oder gelogen werden kam der Autorin zumindest bei #TeamGinaLisa noch nicht. Da hieß es bedingungslose Solidarität aufgrund geteilter primärer Geschlechtsmerkmale, auch wenn relativ schnell klar war, dass die Story der Frau Lohfink, bei aller Zwielichtigkeit der beteiligten Herren, so nicht stimmen konnte. Oder kürzlich der Fall von Lena Dunham, die einen befreundeten, in der #metoo Debatte beschuldigten Regisseur mit der Begründung fallen ließ, als Feministin sei es ihre Pflicht(!) Frauen immer(!!) zu glauben, selbst in einem Fall, in dem Sie Insiderwissen hatte, nach dem die Anschuldigungen erfunden waren. Da war ich schon sprachlos. Nachdem derartig radikale Feministinnen jetzt aber eine Weile uneingeschränkt die Diskurshoheit hatten, regt sich langsam gut begründeter Widerstand (erst durch Männer, später dann, schwerer zu ignorieren, auch immer mehr durch andere Frauen) und es scheint eine stärkere Differenzierung einzusetzen. Ich hege mittlerweile die leise Hoffnung das sich durch #metoo auf BEIDEN Seiten etwas ändert. Also eine Sensibilisierung mancher Männer für die Grenzen der Frauen, aber auch eine Emanzipierung mancher Frauen im Hinblick auf die Selbstverantwortung beim Sex, sowohl was dessen Anbahnung als auch dessen Durchführung betrifft ("Mancher", da sowohl die meisten Männer als auch die meisten Frauen das ganze durchaus bereits jetzt Verantwortungsvoll- und Verantwortungsbewusst regeln). Die radikalfeministische Erzählung, wonach Frauen im Zweifel immer Opfer sind mag als Verteidigung gedacht sein, aber schadet allen Beteiligten mehr, als dass Sie nützt.
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