Soziale Netzwerke Warum ich gestern einen Wutanfall hatte und jetzt "offiziell" Feministin bin

Was für eine Woche: Felix Baumgartner twittert sexistisch, der Frauengipfel ist Anlass, über Blümchenkleider zu schwafeln, und das Alter von Brigitte Macron ist ein ganz großes Thema. Das reicht jetzt.

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Warum ich mich denn so aufregen würde, fragte mich gestern jemand, als ich mich bei Twitter über Blumenkleider und ältere Ehefrauen aufregte. Ja, warum eigentlich? Weil in den vergangenen Tagen ein Feuerwerk an Sexismus durch meine Timeline knallte, das mich völlig fassungslos gemacht hat. Hier ein kleiner Ausschnitt aus den vergangenen drei (!) Tagen. Die damit endeten, dass ich meine Kurzbiografie bei Twitter angepasst habe. Ich bin jetzt "offiziell" Feministin. Wurde auch Zeit.

24. April: Die österreichische Journalistin Corinna Milborn muss sich gegen Sportler Felix Baumgartner wehren. Sie hatte eine Unterwäschewerbung kritisiert, Baumgartner fand: "bei der Figur auch kein Wunder". Sexismuskritik mit Sexismus kontern. Brillant. Baumgartner jedenfalls findet es "grenzwertig, ja fast pervers", ihm Sexismus zu unterstellen. Sexisten, die sich nicht sexistisch finden, sind übrigens eines der größten Probleme im Sexismus.

24. April: Kim Kardashian. Wer sich aufreizend kleidet, muss sich nicht wundern, wenn er überfallen wird. Sagt die Zeitung "Österreich". Und wer einen kurzen Rock trägt, ist vermutlich selbst schuld, wenn er vergewaltigt wird. Das nennt man Victim Blaming: die Schuld beim Opfer suchen. Eine wiederkehrende Mechanik, vor allem bei den Themen Rape Culture und Rassismus. Indiskutabel.

24. April: "Flinkster" wollte wohl mal ganz flippig und witzig sein. Frau freut sich, weil sie Geld spart und damit Schuhe kaufen kann. Frauen lieben Schuhe und Männer Bier, und Frauen sind halt nicht gut in Mathe und Männer nicht gut im Haushalt und deshalb kriegen Männer auch andere Jobs, in denen sie mehr Geld verdienen, und irgendwer muss sich ja auch um die Kinder kümmern. Auch das kleinste "witzige" Klischee, das wir bedienen, stärkt die gesamtgesellschaftliche Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Lasst das einfach.

Ein Mann aus Brandenburg vergewaltigt eine Frau. Obwohl sie Nein sagt. Er klemmt ihren Kopf zwischen die Metallstäbe des Bettes und vergewaltigt sie. Vier Stunden lang. Die Richterin spricht ihn frei. Die sexuellen Handlungen "seien zwar nicht im Sinne des Opfers gewesen und der Angeklagte habe sie sich mit Gewalt genommen. Doch der 23-Jährige habe wahrscheinlich nicht gewusst, was er seiner Bekannten antat" so die Urteilsbegründung. Kopfschütteln.

25. April: Nochmal Kim Kardashian. Sie ist eine ganz normale Frau, stellt der "Stern" überrascht fest. Hurra. Und warum ist Kim eine ganz normale Frau? Weil sie Cellulitis hat. Ganz ehrlich: Das Vorhanden- oder Nichtvorhandensein von Cellulitis sollte nicht Grundlage für die Einschätzung sein, ob eine Frau eine ganz normale Frau ist oder nicht.

25. April: Betrifft nicht nur "Focus Online", betrifft nicht nur gestern. Aber die Aufregung über das Alter von Brigitte Macron nervt mich. Warum? Weil bei einer deutlich älteren Ehefrau mehr gestaunt und gelästert und analysiert wird als bei einem deutlich älteren Ehemann. Es ärgert mich, weil dem die Annahme zu Grunde liegt, dass Frauen jung und schön sein müssen, um für einen Mann begehrenswert zu sein.

26. April: Auf der W-20-Konferenz in Berlin tragen Ivanka Trump, Christine Lagarde und Máxima der Niederlande Kleider mit Blumen. Frau kann also mächtig sein UND Blumenkleider tragen, freut sich die "Süddeutsche". Fairerweise sei gesagt: Die Stilkritik der "Süddeutschen" beschäftigt sich auch mit der Mode von männlichen Spitzenpolitikern, zum Beispiel hier und hier. Ich habe mich trotzdem über den Teaser bei Facebook geärgert. Seit wann müssen Frauen keine Hosenanzüge mehr tragen? Wann wurde das beschlossen? Von wem? Wird uns das noch offiziell mitgeteilt, damit alle Bescheid wissen? Was, wenn Frauen gerne Hosenanzüge tragen MÖCHTEN? Und: Wäre es nicht schön, wenn wir gar nicht mehr über Blumenkleider sprechen würden, sondern nur noch über das, was die Frauen gesagt haben? Ansonsten ist die Stilkritik übrigens ganz witzig und weist darauf hin, dass die bloße Existenz des "Women 20 Summit" der Beleg dafür ist, dass die Emanzipation eher noch nicht vollendet ist.

26. April: Und dann ist da noch Angela Merkel, die bei der W-20-Konferenz in Berlin gefragt wurde, ob sie Feministin sei. Sie hat nicht so richtig Ja gesagt. Zwischen ihr und der Geschichte des Feminismus gebe es "Gemeinsamkeiten und Unterschiede". Ja, so ist das. Wie mit den meisten Dingen im Leben. Merkel ist auch Christdemokratin, obwohl es da, sagen wir, durchaus Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt. Jedenfalls habe ich gestern meine Biografie bei Twitter geändert. Warum? Darum.

Herzlich, eure Feministin Carline



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Seite 1
andropoli 26.04.2017
1. Vollstes Verständnis
das ist ein sehr schöner, nachvollziehbarer Kommentar. Vielen dank dafür. Bald habt ihr mich überzeugt und ich (männlich), werde auch Feministin. Jawohl, Feminstin...Feminist reicht nicht. P.S: der Artikel über das Urteil hat mich besonders erschütttert.
sonntag500 26.04.2017
2. Nun, ...
... der Felix ist aus einer sehr, sehr hohen Höhe gesprungen, Wo Sauerstoffmangel herrscht. Wer das als sportliche Herausforderung hin stellt, hat ein ganz anderes Problem. Und ich schließe mich #andropoli an: ich, männlich, werde auch Feministin, weil Feminist allein wohl nicht mehr reicht.
A.Stark 26.04.2017
3.
Ein typischer Wohlfühl-Pseudofeminismus Kommentar. Zweimal wird die arme, arme Multimillionärin Kim Kardashian erwähnt. Für die Frauen in Saudi-Arabien, die wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs inhaftiert und gefoltert werden, weil sie ihre Vergewaltigung zur Anzeige gebracht haben, ist leider kein Platz. Kim Kardashian macht sich aber einfach besser als Clickbait und in den Google-Suchanfragen. Liebe Spiegel-Redaktion, bitte lagert solche "Kommentare" doch bitte dorthin aus, wo sie hingehören: Zu Bento.
radioactiveman80 26.04.2017
4. Liebe Carline...
...Dein Engagement in allen Ehren - aber drei Sachen gebe ich zu bedenken. Erstens hast Du lang und Breit über Beispiele empfundenem oder tatsächlichem Sexismus berichtet, den ANDERE Frauen erlebten. Meinst Du nicht dass diese Damen selbst entscheiden können ob Ihnen Unrecht getan wurde und ob bzw in welcher Form sie sich dagegen wehren sollten? Es fällt auf, dass der grösste Aufschrei immer von anderen Frauen kommt... zweitens: sich einen Twitteraccount zuzulegen und jeden Tag in die Netzwelt rausposaunen, welche Lady denn jetzt schon wieder Opfer von irgendwas/irgendwem wurde, wird m.E. einem richtigen feministischen Kanpf nicht gerecht - das kann nämlich jeder. Und drittens: die Beurteilung und Bewertung von juristischen Urteilen sollte man - auch wenn es emotional verständlicherweise schwerfällt - den Fachleuten überlassen. Im Fall Gina-Lisa haben sich die Amazonen nämlich gewaltig verzockt, man sollte daraus was lernen.
CobCom 26.04.2017
5.
Zitat von andropolidas ist ein sehr schöner, nachvollziehbarer Kommentar. Vielen dank dafür. Bald habt ihr mich überzeugt und ich (männlich), werde auch Feministin. Jawohl, Feminstin...Feminist reicht nicht. P.S: der Artikel über das Urteil hat mich besonders erschütttert.
Sie meinen den, wo steht, dass das Opfer selbst ausgesagt hat, der Sex hätte als einvernehmlich wahrgenommen werden können? Und da fällt Ihnen in Verbindung mit den Aussagen weiter vorne im Artikel keine Ungereimtheit auf? Mal im Ernst, da fehlt doch jede Menge in der Schilderung, was die Infos vorne und hinten in einen vernünftigen Bezug bringen könnte. Der ganze Artikel ist in sich nicht stimmig. Am Ende läuft es darauf hinaus: Kann man keinen tatbestandlichen Vorwurf nachweisen, kann man nicht verurteilen. Und anhand dieses Lückentextes kann man sich kein Urteil bilden... auf Grundlage des schriftlichen Urteils ginge das vielleicht. Aber genau diese Quelle fehlt (noch). Hier sind Hörensagen wiedergegeben und wiedergekäut, weiter nichts. Und wenn eine Staatsanwaltschaft von "anklagen" auf "Freispruch" umschwenkt, ist meist etwas Neues und Gravierendes ans Licht gekommen. Die Freispruchquote bei Anklage ist im Schnitt bei ca. 3% (bei Sexualdelikten wegen der schwierigen Beweislage zwar höher, aber immer noch unter einem Viertel).
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