Feminismus 2067 Männerminister fordert Soforthilfe für Matriarchats-Opfer

2067 - das Matriarchat herrscht, Frauen führen Staat und Wirtschaft. Männer? Unbedeutend. Sie müssen es schon als Erfolg feiern, dass immerhin wieder 80 Prozent von ihnen Alphabeten sind. So denkt sich die Autorin Thea Dorn die Welt in 60 Jahren.


Wenn die Zeichen nicht trügen, verspricht das Jahr 2067 ein gutes Jahr für die Männer zu werden. Die männliche Alphabetisierungsquote, die 2056 den spätneuzeitlichen Tiefstand von 65,8 Prozent erreicht hatte, konnte in den vergangenen Jahren sukzessive gesteigert werden, so dass berechtigter Anlass zu der Hoffnung besteht, dass in diesem Jahr erstmals wieder mehr als 80 Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung in Deutschland des Lesens und Schreibens mächtig sein werden.

Schülerinnen und Schüler in Berlin: Wie männlich ist die Zukunft?
DDP

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"Die kontinuierlich steigenden Zahlen bei der Alphabetisierungsquote zeigen, dass wir mit unseren Förderprogrammen auf dem richtigen Weg sind", zieht Wilhelm Humpe optimistisch Bilanz. "Ich bin zuversichtlich, dass es uns 2067 gelingen wird, den Anteil der Jungen unter den Abiturienten erstmals wieder auf 20 Prozent plus x zu erhöhen", sagt der Bundesminister für Männer, Integration und Prekariat.

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Als eine der Ursachen für die Erfolge bei der Reintegration der deutschen Jungen und Männer in die Wissensgesellschaft nennt Wilhelm Humpe die steigende Zahl von männlichen Mitgliedern im Lehrkörper, und zwar auf allen Ausbildungsstufen. Der engagierte Männerminister sieht damit die umstrittene Gesetzesentscheidung von 2064, männliche Universitätsprofessoren zu vier Jahren Grundschuldienst zu verpflichten, gerechtfertigt.

"Ich habe immer gesagt: Wir müssen an der Basis beginnen. Es kann nicht sein, dass sich ein Professor der Metakybernetik zu schade ist, unserer Jugend das Rechnen beizubringen", sagte Humpe in einer Ansprache vor der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Autos ohne Einparkhilfe - Bonus für die männlichen Kunden

Dem Urteil im so genannten Grundschullehrerinnen-Prozess, das spätestens im März erwartet wird, sieht der Minister gelassen entgegen. "Ich kann persönlich nachempfinden, dass sich einzelne Grundschullehrerinnen durch unser Gesetz benachteiligt fühlen. Aber die Geschichte hat doch gezeigt, welche gesamtgesellschaftlichen Kosten es hat, wenn das eine Geschlecht von der Früherziehung unserer Jugend komplett ausgeschlossen wird. Jungen waren jahrhundertelang schulische Leistungsträger. Ich sehe nicht ein, warum sie das nicht wieder werden können."

Versöhnliche Worte findet Arbeitgeberpräsidentin Elsa-Sophie von der Leyen. "Ich begrüße es, dass die Zahl von Männern in den Vorstandsetagen der deutschen Unternehmen wieder steigt. Eine Weile war ja der Eindruck entstanden, als Mann habe man in diesem Land ohnehin keine Chance, es bis ganz nach oben zu schaffen. Ich kann verstehen, dass sich viele Männer frustriert zurückgezogen haben."

Auch Pauline Sommerfeld, Chefin des VW-BMW-Konzerns, verspricht, dass der Autogigant 2067 mehr für die Gleichstellung von Männern tun will. "Historisch gesehen ist die Automobil-Industrie ja eine ausgesprochen männerdominierte Domäne gewesen. Vielleicht sind wir Frauen in den vergangenen 20 Jahren das Ganze ein wenig zu schnell angegangen. Deshalb betone ich ausdrücklich, dass bei VW-BMW Männer stets willkommen sind. Und", fügt die Managerin des Jahres 2066 verschmitzt hinzu, "als besondere Geste in Richtung unserer männlichen Kunden werden wir im kommenden Jahr die Zwölfer-Serie auch ohne vollautomatische Einparkhilfe auf den Markt bringen."

Das Männliche bleibt auf der Strecke

Ob diese Nachricht reichen wird, Manfred Schnalz glücklich zu machen? Der umtriebige Chef von "It’s a man's World" steht vor dem wirtschaftlichen Aus. "2066 war ein besch... Jahr", sagt der gebürtige Potsdamer, der noch vor wenigen Jahren mit seiner Kette für männeraffine Freizeitgestaltung Milliardenumsätze erzielte. "Ich finde es ja okay, dass die Männer wieder arbeiten wollen und Verantwortung übernehmen und so. Aber ein Stück weit ist das auch eine Kapitulation. Ich meine – irgendwann bleibt das Männliche ganz auf der Strecke."

Doch der Geschäftsmann hat schon Pläne für den Fall, dass er 2067 seinen letzten "Naturschutzpark für Männlichkeit" in Leipzig/Halle tatsächlich schließen muss. Manfred Schnalz spielt mit dem Gedanken, nach Saudi-Arabien auszuwandern: "Ich kann mir vorstellen, dass es da bald ein ziemliches Interesse an männeraffiner Freizeitgestaltung geben wird. Jetzt, wo die Frauen da sogar den Führerschein machen dürfen – da geht es doch auch bald los wie hier."

"Die Männerheit nähert sich einem Scheidepunkt"

Einen vorsichtigen Trend weg vom vir ludens hin zum vir sustinens erkennt auch Professor Gérard Stötzel, Inhaber des Lehrstuhls für Maskulinismus-Studien an der Ludwig-Maximilians-Universität in München: "Die Männerheit nähert sich einem Scheidepunkt. Viel wird davon abhängen, ob es dem reflexiv-virilen Typus gelingt, Leitbilder gegen den regressiv-virilen Mainstream zu etablieren."

Vor ganz anderen Sorgen steht Josefine Müller, die Geschäftsführerin der "Plazenta-Parks". Wirtschaftlich geht es den "Zentren für die Auslagerung von Schwangerschaft" so gut wie nie – doch nichts deutet daraufhin, dass der spirituell-religiös motivierte Widerstand gegen die Zentren, der zunehmend militante Formen angenommen hat, in diesem Jahr abflauen wird.

Rückendeckung erhält Müller aus dem Bundesministerium für Familie, demografischen Wandel, Reproduktions- und Graviditätstechnologie. "Wir werden nicht zulassen, dass einige wenige reaktionäre Zellen Deutschland in die reproduktionstechnologische Steinzeit zurückbomben", sagt ein Sprecher des Ministeriums. "Die künstliche Gebärmutter ist eine Errungenschaft, hinter die es kein Zurück mehr gibt. Es würde ja auch keiner ernsthaft von den Menschen verlangen, auf das Kunstherz oder die Kunstleber zu verzichten."

Protest vom Bund bauchtreuer Mütter

Naturgemäß ganz anders sieht Ava Hamann die Lage. Die prominenteste Gegnerin der künstlichen Gravidität erklärt: "Es kann doch nicht sein, dass wir Frauen es widerstandslos hinnehmen, wie wir unserer ursprünglichsten Bestimmung beraubt werden, damit wir als Arbeitsmaschinen die Weltwirtschaft am Laufen halten, während wir das Austragen unserer Embryonen dann tatsächlich Maschinen überlassen."

Hamanns Organisation, der "Bund bauchtreuer Mütter" (BBM), wird mittlerweile vom Verfassungsschutz beobachtet, dennoch verzeichnet er eine stetig wachsende Zahl von Anhängern. Nach wie vor unklar ist, ob der BBM hinter den jüngsten Anschlägen auf die Plazenta-Parks in Berlin und Frankfurt am Main steht. Unklar ist ebenfalls, ob das Innenministerium in diesem Jahr ein Verbotsverfahren gegen den BBM anstreben wird.

Wenig Verständnis für die Aufregung um die Reproduktions- und Graviditätstechnologie hat Sonja Stubenraither, die dreifache Weltmeisterin im Skispringen, die sich in diesen Tagen anschickt, zum fünften Mal die Sieben-Schanzen-Tournee zu gewinnen. "I woaß net, wos die für a Problem ham", sagt die Spitzenathletin kurz vor dem entscheidenden Wettkampf in Scotttown, Antarktis. "I bin 24, und i hob drei Buam, die g'sunde Racker san. Drei Bauchschwongerschoftn – dös hätt si nia net aussigange mit all die Wettkämpf, wo i hob."

Was wohl Lourdes Maria Ciccone zu all dem Gendertrouble sagen würde? Wir wissen es nicht. Die selbst ernannte "Göttin der Alters-, Schwere- und Geschlechtslosigkeit" hat in der Silvesternacht angekündigt, auch 2067 auf der von ihr gegründeten Raumstation "Herma 1" im Kreise ihrer Jünger verbringen zu wollen. Ihre vorläufig letzte Botschaft an uns arme Erdlinge: "Jedes Ding hat zwei Seiten. Und die eine muss nicht unbedingt besser sein als die andere."



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