S.P.O.N. - Oben und unten Nichtig? Wichtig!

Feministinnen regen sich über alles auf und gern auch über Nichtigkeiten - so der Vorwurf. Doch auch Kleinigkeiten sind wichtig, denn sie sind Bausteine der großen Ungerechtigkeit.

Eine Kolumne von


Das Geilste, was Antifeministen sich in ihren feuchtesten Träumen ausdenken können, sind Frauen, die sich gegenseitig bekämpfen und beschimpfen. Männer, die Feminismus kritisieren, okay - das ist wenig faszinierend. Umso enthusiastischer werden Frauen beklatscht, die es ihren, ähm, Geschlechtsgenossinnen mal so richtig zeigen: Es wirkt wie der Super-GAU des Feminismus, wenn nicht mehr nur Männer ihm vorwerfen zu übertreiben, sondern auch Frauen. Am besten: zum Frauentag. Woohooo.

Pünktlich zum 8. März erschien also auf "Zeit Online" der Text einer Bloggerin, die erklärte, was Feministinnen ihrer Ansicht nach alles falsch machen. Kurzgefasst: sehr viel. Die Ziele des Feminismus - Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und so weiter - seien okay und wichtig, das Benehmen derer, die sich dafür einsetzen, aber mehrheitlich sehr schlecht: Der derzeitige Feminismus bestehe hauptsächlich aus "grellen Stimmen", die einen "wütenden Mob" und eine "kreischende Masse" bildeten. Dieses "hysterische Lager" sei den ganzen Tag mit "Empörung" und "lautstarkem Zetern über die Zumutungen der Männerwelt" zugange, was doch bitte wirklich "unreif" und "paranoid" sei.

Das ist natürlich sehr unangenehm, so ein Vorwurf. Wie bei so vielen unangenehmen Dingen lohnt es sich aber hinzugucken. Der Kern ihrer Kritik, so hat die Autorin noch einmal hinterhergebloggt, sei die These gewesen, dass Feminismus zwar "laut und wütend" sein dürfe, "aber laut und wütend für wichtige Dinge einzustehen, ist nun einmal etwas anderes, als laut und wütend für nichtige Dinge einzustehen."

Ein Feminismus reicht nicht

Es stimmt, dass diese These ein bisschen unterging, weil die Bloggerin in ihrem Text Feministinnen gleichzeitig noch vorwarf, passiv, paranoid, privilegiert, gelangweilt, aggressiv, bevormundend und verantwortungslos zu sein, "schwarze Listen mit unerwünschten Personen" rumzureichen, mit Kritik nicht umgehen zu können, männliche Wissenschaftler zum Weinen zu bringen, keine Analysen zu betreiben und bei all der Ekelhaftigkeit aber allein sein zu wollen und deswegen männliche Mitstreiter abzulehnen. (Lustigerweise waren dann mehrere Repliken von Männern geschrieben - zum Beispiel hier oder hier.)

"Man muss sich viel anhören, bevor einem die Ohren abfallen", hat Pippi Langstrumpf einmal gesagt. Wie recht sie hatte.

Nun könnte man ein Schlammcatchen daraus machen und auf das "Ihr regt euch immer voll auf" antworten mit "Tun wir gar nicht" und dann käme ein "doch" und dann ein "gar nicht" und nach einem "seht ihr" ein "fick dich" und dann ein "q.e.d." und so weiter. Aber es wäre schade drum.

Interessanterweise ging die Kritik an Feministinnen ja einher mit der Forderung nach "einem Feminismus", den es dringend brauche, denn das hätten "spätestens die Ereignisse von Köln [...] gezeigt". Was für eine skurrile Einsicht. Denn erstens zeigt es sich jeden einzelnen Tag, wie notwendig Feminismus ist, und zweitens zeigt es sich in so vielfältiger Weise, dass ein Feminismus nicht reicht. Der Duden mag den Plural des Wortes nicht kennen, aber es gibt tatsächlich verschiedene Feminismen, was unter anderem daran liegt, dass es verschiedene Frauen gibt.

Frauen müssen lernen, wütend zu sein

Es stimmt, dass es Leute gibt, die sich vom Begriff "Feminismus" abschrecken lassen. Allein, es scheint nicht der richtige Weg, diese Leute rumzukriegen und für einen "neuen" Feminismus zu plädieren, indem man den momentanen Feminismus als hassenden Haufen Scheiße darstellt. Es wirkt ungeschickt.

Aber geschenkt. Die Kritik war also die, dass Feministinnen nicht zwischen "wichtigen" und "nichtigen" Dingen unterscheiden können. Jemand, der "ein Shirt mit Pin-up-Motiven trägt" sei für sie "praktisch das Gleiche wie jemand, der eine Frau vergewaltigt".

Apropos praktisch: In der Praxis ist es so, dass das Wichtige mit dem Nichtigen zusammenhängt.

Es hängt miteinander zusammen, dass Frauenkörper als Deko für beliebige Themen angesehen werden und zugleich als verfügbare Masse, an die man in der vollen U-Bahn mal eben seinen Schwanz drücken kann.

Es hängt miteinander zusammen, wenn Politikerinnen Malu, Julia und Hillary genannt werden - statt mit vollem Namen - oder als "frech" bezeichnet werden, und dass Frauen für ihre Arbeit brutto 21,6 Prozent weniger Geld kriegen.

Es hängt miteinander zusammen, dass Frauen immer wieder gesagt wird, sie sollen doch mal lächeln, und dass Frauen immer noch die allermeiste Care-Arbeit erledigen, das heißt diejenigen Tätigkeiten, die mit Fürsorge und Pflege anderer Menschen zu tun haben.

Seit ich mich als Feministin äußere, nennt man mich hysterisch

Es ist nicht dasselbe, aber es hängt zusammen, weil es Symptome einer Gesellschaftsordnung sind. Macht ist etwas, das im Kleinen und im Großen wirken kann. Wie Ibuprofen. Geschlechteridentitäten und die damit verbundene Machtverteilung sind so grundlegend strukturierend für unsere Gesellschaft, dass sie sich im gesamten Alltag auswirken. Daraus ergibt sich Kleinkram, der nervt, und Großkram, in dem es um Leben und Tod geht. Es ist blöd, zu viel Zeit mit dem vermeintlich Nichtigen zu verschwenden, aber das Praktische ist, dass das Kleine sich am einfachsten ändern lässt.

Das ist nicht unbedingt eine Frage von "Übererregbarkeit", sondern auch eine Frage der Haltung, mit der man Kritik von Feministinnen liest. Ich zum Beispiel neige zu Melancholie und Mittagsschlaf, aber seit ich mich öffentlich als Feministin äußere, nennen mich Leute "hysterisch".

Oft wird behauptet, Frauen müssten sich doch nur noch nehmen, was ihnen zusteht und lernen, ihre Wut nach außen und nicht nach innen zu kehren. Es stimmt, dass viele Frauen sich nicht trauen, wütend zu sein und stattdessen die Schuld für alles bei sich suchen. Mindestens die Hälfte der Frauen, die ich kenne, würden sich auch noch entschuldigen, wenn sie von einem Meteoriten getroffen werden.

Aber genauso wichtig wie Frauen, die lernen müssen, wütend zu sein, sind Menschen, die mit dieser Wut klarkommen und sie nicht als "Kreischen" und "Hysterie" wegdissen. Und bevor Sie fragen: Nein, es gibt keine spezifisch weibliche Wut. Es gibt die Wut von Menschen, die sich gegen Ungerechtigkeit einsetzen. Feministinnen und Feministen sind letztlich nichts anderes als Menschen, die für ein paar Rechte kämpfen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Deswegen sind sie manchmal auch so schlecht gelaunt. Aber nicht immer.

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insgesamt 302 Beiträge
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Seite 1
Kaian 10.03.2016
1. Feminismus?
Am besten gleiches Recht für alle fordern, dann braucht man den Feminismus nicht mehr.
MatthiasPetersbach 10.03.2016
2.
Bei uns hier gibts keine Feministinnen. Sondern selbstverständliche Gleichberechtigung. Schon Generationenlang. Im REAL LIFE. Das gibts nämlich, da draussen. Völlig unabhängig von Gesetzen und Vorschriften. Und wenns da mal hapert, ist das mit dem Eintreten von GERECHTIGKEIT zur Zufriedenheit behoben. Meines Erachtens gibts garkeine Geschlechterproblematik, sondern nur einige Gerechtigkeitsdefizite. Das ist eben für manche nicht das, was sie hören wollen. Weil man sich da selbst ins eigene Fleisch schneidet.
turnus 10.03.2016
3. Gääähhhhn
Ist es nicht ermüdend und frustrierend, immer nur EIN Thema zu haben und ständig so zu tun, als ob das Glück der ganzen Welt davon abhinge? Und ganz ehrlich: Hat die Welt wirklich momentan keine anderen Sorgen? Aber die Frage ist rein rhetorisch, und so wird weiterhin Woche für Woche der immmergleiche Kaffe wieder aufgewärmt.
santoku03 10.03.2016
4.
Sicher, es ist langweilig, das immer wieder wiederholen zu müssen, aber die Ansage, dass "Frauen für ihre Arbeit brutto 21,6 Prozent weniger Geld kriegen" ist ebenso sinnfrei wie eine Klage, dass manche Männer weniger verdienen als andere Männer. Bitte doch nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen, sondern wenigstens gleiche Qualifikationen und Jobs.
marcw 10.03.2016
5.
Ah, sieh an: Eine Feministin regt sich auf. Noch ein paar Feministenmythen von ungerechter Bezahlung (ergreift halt lukrativere Berufe) und ungerechter Arbeitsverteilung (ergreift halt andere Berufe. Im Baugewerbe, in der Müll- und Abwasserentsorgung habt ihr noch Nachholbedarf) und fertig ist der Feministenartikel.
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