S.P.O.N. - Oben und unten Heute ein Opfer

Sich als Opfer zu bezeichnen und eine Tat anzuzeigen oder eine Diskriminierung zu benennen, kann der Beginn einer Befreiungsgeschichte sein - allerdings nie ihr Ende.

Eine Kolumne von


Beim Karneval sind dieses Jahr, "nach Köln", mehr Sexualdelikte angezeigt worden als im letzten Jahr: 66 diesmal, im Vergleich zu 18 im Vorjahr (in Köln und Leverkusen). Irgendwie sind sich alle einig, dass das gut ist: Taten, die sonst vielleicht nicht angezeigt worden wären, kommen jetzt ans Licht. Die Kölner Polizei hatte mehrfach dazu aufgefordert, "bei allen sexuellen Übergriffen Anzeige zu erstatten".

Aber warum ist das gut? Ist es nicht genau so schlimm wie im letzten Jahr und im Jahr davor und davor und davor, wo wahrscheinlich ähnlich viel passiert ist? Hilft es den Betroffenen, dass sie als Fälle in der Statistik auftauchen?

Bei so konkreten Fällen wie Belästigung oder Vergewaltigung scheint die Lage klar: Natürlich ist es gut, dass die Taten angezeigt werden. Nicht nur, weil es dadurch überhaupt erst möglich wird, die Täter zu finden und zu bestrafen. Sondern auch, weil die Opfer damit zeigen, dass sie nicht jeden Scheiß mit sich machen lassen.

Fröhlich grüßt das "Opfer-Abo"

Bei komplexeren und weniger greifbaren Sachverhalten wird es - kein großes Wunder - umständlicher. Letzte Woche schrieb Sabine Rückert in der "Zeit" "zehn Wahrheiten für junge Frauen" auf, damit diese so cool werden können wie sie ("stellvertretende Chefredakteurin, hat eine Familie und ist erstaunlich gut gelaunt"). Die meisten Tipps waren sinnvoll und hätten von der "Neon" kaum besser formuliert werden können: Vertrau auf dich selbst, such nicht dein Leben lang nach dem richtigen Mann und der wahren Liebe, mach dich nicht abhängig, verdien dein eigenes Geld und so weiter. Aber auch: Tappe nicht in die Falle des Feminismus.

"Der gegenwärtige Feminismus", so erklärte Rückert, führe Frauen "nicht unbedingt in die Freiheit und zu mehr Selbstbewusstsein, sondern oft in den dauerhaften Opferstatus." (Das "Opfer-Abo" grüßt fröhlich aus der Wetterstation.) Frauen müssten, so Rückert, auch mal hart zu sich sein und sich selbst von widrigen Umständen befreien, anstatt immer nur Männer zu beschuldigen, aber der Feminismus verhindere das irgendwie. Nicht so bei ihrer Mutter, die sich "kraft ihrer Persönlichkeit" durchsetzte. Gratulation.

Es wird immer interessant, wenn Leute teilweise feministische Positionen vertreten - denn nichts anderes ist die Forderung, Frauen sollten selbstständig und unabhängig sein - und sich dann aber unbedingt vom Feminismus abgrenzen wollen. (Umso lustiger, wenn solche Leute, die mit dem falschen Label nichts zu tun haben wollen, sich auf Twitter "alphahuhn" nennen.)

Feministinnen wird oft vorgeworfen, sie würden sich - und andere Frauen gleich mit - zu bloßen Opfern machen: Opfer der Umstände, des Patriarchats, einzelner Männer, egal. Natürlich ist kaum eine Frau und überhaupt kaum ein Mensch ein komplettes Leben hindurch passiv und hilflos in diesem Sinne.

Nicht ohne Grund stellt Simone de Beauvoir dem zweiten Teil des Anderen Geschlechts das Zitat von Sartre voran: "Halb Opfer, halb Mitschuldige, wie wir alle." Ein Satz, der nicht für alle Menschen in allen Fällen gilt, der aber Beauvoirs Sichtweise von Menschen als Subjekt und Objekt gleichermaßen darstellt. Diese Ambivalenz findet sich auch in der feministischen Literatur der 67 Jahre, die seitdem vergangen sind, aber das kann man mit viel gutem Willen kraft seiner Persönlichkeit auch überlesen. (Es gibt diesen Witz unter Feministinnen, dass zum Beispiel das Shampoo leer ist oder ein Glas umfällt und man sagt "Scheiß Patriarchat!", aber das ist dann eben ein Witz.)

Es scheint verlockend zu sein, Frauen, die über ihr Leid sprechen, komplettes Opfertum zuzuschreiben und dann "dem Feminismus" vorzuwerfen, er forciere das. Das Frauenbild, das dahintersteckt, ist vielleicht nicht das frischeste. Leslie Jamison schreibt in ihrem Essay-Band "Die Empathie-Tests": "Wann immer wir über verwundete Frauen sprechen, laufen wir Gefahr, ihr Leiden nicht als einen Aspekt weiblicher Erfahrung, sondern als konstitutiven Bestandteil von Weiblichkeit an sich zu betrachten - möglicherweise sogar als das raffinierte Moment ihrer Vollendung." Jamison schreibt auch über die Angst einiger Frauen, "unter keinen Umständen Opfer zu sein". Das kann es doch aber auch nicht sein, erklärt sie, denn die strikte Abgrenzung von Opfern und Nichtopfern funktioniert am Ende nie: "als wären wir nicht alle komplizierte Mischwesen aus Wunden, von denen wir nicht lassen können, und anderen, die wir eben haben".

Ein Schritt aus der Ohnmacht

Sich trotz aller Ambivalenzen, die es so gibt, als Opfer zu bezeichnen und eine Tat anzuzeigen oder eine Diskriminierung zu benennen, kann der notwendige Schritt einer Befreiungsgeschichte sein - nie der letzte, aber oft ein sehr wichtiger. Es kann genau die richtige Handlung sein, um wieder Kontrolle über eine Situation zu erlangen. Insofern kann es etwas sehr Aktives sein, von einem "nein, alles okay" zu einem "mir ist etwas passiert" zu gelangen. Es ist dann ein Schritt aus der Ohnmacht und dem Schweigen.

Es ist aber auch, wie so vieles, verzwickt. Denn es kann auch schiefgehen. Sich in einer Machtposition als gefühltes Opfer einer hingezwinkerten, vermeintlichen Diskriminierung zu inszenieren, kann schnell peinlich werden. (Die Hälfte aller Martenstein-Kolumnen funktioniert so.) "Das Opfer ist der Held unserer Zeit", schreibt Daniele Giglioli in seinem lesenswerten Essay "Die Opferfalle - Wie die Vergangenheit die Zukunft fesselt". Giglioli kritisiert die Opferrolle als Machtposition: "Das Argument des Opfers hat immer das Pathos des Unanfechtbaren auf seiner Seite." Denn: "Das Opfer ist unverantwortlich, muss niemandem Rede und Antwort stehen, muss sich nicht rechtfertigen: Wunschtraum einer jeden Macht."

Der Unterschied zwischen dem tatsächlichen und dem gespielten Opfer zeigt sich dann vielleicht am ehesten in der "Vision der Zukunft", wie Giglioli es nennt. Wer in der Opferposition bleibt, schließt diese Zukunft aus. Doch schon ein Dreh in der Selbstbezeichnung kann daran etwas ändern: Aus Opfern werden dann zum Beispiel Überlebende - und die machen weiter.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
cato. 11.02.2016
1.
Der Feminismus ist seit Jahrzehnten schon über die Forderung der Gleichberechtigung hinaus, insofern hat Sabine Rückert vollkommen recht, wenn sie vorm heutigen Feminismus warnt und klar die Problematik der Opferhaltung kritisiert. Gerade in den USA sehen wir, dass der Feminismus nicht an der Emanzipation von Frauen gelegen ist, sondern dass es darum geht Frauen zu einer politischen Verfügungsmasse zu machen, so müssen sich gerade Linksliberale Frauen als Verräterinnen beschimpfen lassen, weil sie nicht den Interessen der Altfeministinnen folgen und Hillary Clinton wählen wollen, sondern stattdessen mit Bernie Sanders sympathisieren, der ihnen politisch anscheinend näher steht. Antisexismus statt Feminismus muss die heutige Losung sein, wer für die Diskriminierung von Männern ist, ist nicht besser als die Sexisten früherer Zeiten, die in Deutschland Frauen das Wahlrecht nicht zugestehen wollten. Gesetzliche Quoten, strukturelle gesetzliche Diskriminierung etc. haben in einer freien Gesellschaft keinen Platz.
TLB 11.02.2016
2.
Ich denke, wenn man 10 Feministinnen bittet, Feminismus zu definieren, bekommt man mindestens 11 Antworten. Insofern ist es leicht, die Auffassung von Feminismus, die Frau Rückert hat, nicht zu teilen. Aber bevor man eben die Auffassung von Frau Stokowski teilt, wäre eine Begriffsdefinition sinnvoll. (Ich bspw würde mich nicht darüber echauffieren, dass sich jemand „alphahuhn“ nennt)
Spiegelwahr 11.02.2016
3. Ihr steht euch selbst im Weg
Wer seine Chancen nicht sehen will, nicht wahrnehmen will der ist selber schuld. Was machen die Feministen eigendlich, wenn sie keinen Mann mehr die Schuld geben können. Ihr fühlt euch schon diskriminiert, wenn ihr nicht bevorzugbehandelt werdet. Nicht Blabla sondern anpacken und machen.
TLB 11.02.2016
4.
Zitat: "Es wird immer interessant, wenn Leute teilweise feministische Positionen vertreten......sich dann aber unbedingt vom Feminismus abgrenzen wollen." Was genau ist den daran interessant? Das ist doch nichts anderes, als ob jemand teilweise mit den Positionen einer politischen Partei übereinstimmt und trotzdem dieser Partei nicht beitritt. Was "wird inner interessant" daran?
ThoBetz 11.02.2016
5.
cato: Haben Sie den Text eigentlich gelesen?
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