Feminismus Frauen, rechte

Rechte können sich nicht glaubhaft für Frauen einsetzen. Sie tun nur so, wenn sie zum Widerstand gegen sexuelle Gewalt aufrufen. Wer rechts ist, kann kein Feminist sein - so viel Grenze muss sein.

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Eine Kolumne von


Es hört nicht auf: Zur Zeit vergeht kein einziger Tag, an dem man nicht von neu aufgedeckter sexualisierter Gewalt hört. Es gibt Übergriffsvorwürfe in der Filmbranche, in der Modewelt, im Sport, bei den Vereinten Nationen, im EU-Parlament, in politischen Parteien, in der Bundeswehr, in Familien, Schulen und kirchlichen Einrichtungen. Und mitten in dieser Flut von aufgedeckten Skandalen steht ein Grüppchen weit rechts stehender Frauen und verkündet tapfer, dass die eigentliche Bedrohung für die europäische Frau vom männlichen Migranten ausgeht.

Die Initiative "120db" wurde aus dem Umfeld der Identitären Bewegung gestartet und will im Namen an die Lautstärke von Alarmgeräten erinnern, die manche Frauen bei sich tragen, um im Falle eines Übergriffs einen Signalton auszulösen. In einem YouTube-Video erklären verschiedene junge Frauen: "Die Täter lauern überall", und meinen damit "junge Männer aus archaischen, frauenfeindlichen Gesellschaften". Die Frauen rufen zum Widerstand "gegen importierte Gewalt" auf, es sei "der wahre Aufschrei", "von Frauen für Frauen". Eines der Ziele der Kampagne ist, dass andere Frauen ihre Erfahrungen mit "Überfremdung, Gewalt und Missbrauch" unter dem Hashtag #120db teilen - ähnlich wie bei #Aufschrei oder #MeToo, aber inklusive Rassismus. Es soll weitere Aktionen geben.

Es ist eigentlich ein maximal schlecht gewählter Zeitpunkt für diese Art von Hetze, denn allein schon in Anbetracht der akuten Nachrichtenlage ist offensichtlich, dass Übergriffe nicht hauptsächlich von Flüchtlingen verübt werden. Studien und Kriminalstatistiken belegen das: Sexualisierte Gewalt und generell Gewalt gegen Frauen sind weit verbreitet, in allen sozialen Schichten.

Einige Gruppen sind besonders gefährdet, zum Beispiel behinderte oder psychisch kranke Frauen, Transfrauen, Prostituierte, Frauen auf der Flucht, in Trennungs- und Scheidungssituationen. Die allermeisten Fälle von sexualisierter Gewalt passieren im sozialen Nahbereich, das heißt Opfer und Täter kennen sich. Wer aus der Vielzahl von Taten ausgerechnet nur diejenigen herauspickt, in denen die Opfer weiße Frauen sind und die Täter zum Beispiel Flüchtlinge, und so tut, als sei das die Hauptgefahr, verdreht die Realität und lässt die Mehrzahl der Fälle aus. Es gibt Fälle von Gewalt durch männliche Flüchtlinge gegen weiße Frauen, aber diese Fälle bedrohen nicht die europäische oder jeweils nationale Kultur oder Ehre oder was auch immer, weil in diesen Gesellschaften - auch jenseits aller Migration - Gewalt gegen Frauen alltäglich passiert.

Grüße an Ivanka Trump

Aber offenbar wirkt die Idee eines völkischen oder nationalistischen Feminismus nicht für alle direkt absurd. In der "Zeit" gab es neulich eine ausführliche Homestory über Ellen Kositza, die mit Götz Kubitschek verheiratet ist. Dort hieß es: "Ellen Kositza lebt auf einem Rittergut, hat sieben Kinder und gilt als Frontfrau der neuen Rechten. Sieht so ein nationalistischer Feminismus aus?" Das ist beachtlich angesichts der Tatsache, dass Kositza selbst sich in ihren Schriften explizit gegen Feministinnen richtet. Im "Zeit"-Text heißt es dann auch weiter, Kositzas Haltung könne man nicht Feminismus nennen, weil - ausgerechnet - die "Differenzen zu Schwarzer und Co. zu groß" seien, aber sie sei doch "eine stramm rechte Stimme auch und gerade für Frauen".

Aber wie glaubhaft können Rechte sich für Frauenrechte einsetzen? Es mag für manche Leute auf den allerersten Blick feministisch erscheinen, wenn Rechte so tun, als wenn sie sich für Frauen engagieren, und bisweilen ist an den Sätzen, die sie dabei verwenden, alles richtig: "Die Freiheit der Frau ist nicht verhandelbar!", stand auf einem AfD-Plakat zur letzten Bundestagswahl. Stimmt so. Aber ist das feministisch?

Die Antwort steht und fällt natürlich mit der Definition von Feminismus. Wenn Feminismus heißt, sich ab und zu irgendwie für irgendwelche Frauen einzusetzen, dann kann es rechten Feminismus geben, Grüße an Ivanka Trump, aber ansonsten nicht. Wenn Feminismus bedeutet - meine Definition -, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten haben sollten, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper, dann ist diese Haltung unvereinbar mit rechtem Denken.

Und das ist nicht mal nur deswegen so, weil es nur einen wahren Feminismus geben könnte. Aber Feminismus, der nicht auch antirassistisch und antiklassistisch ist, ist widersprüchlich und unglaubwürdig. Es gibt sehr unterschiedliche feministische Strömungen, manche sind marxistisch und manche öko, andere religiös oder hedonistisch oder ganz anders.

Die Frauenquote in der AfD

Das wird in öffentlichen Debatten selten so wahrgenommen, weil Differenzierungen hier häufig entlang der Form verlaufen und nicht an Inhalte gebunden sind: Dann wird von "Netzfeminismus", "Popfeminismus" oder "akademischem Feminismus" geredet, aber das sind äußerst fragwürdige Kategorien, weil sie oberflächlich bleiben, und auch niemand von "Papierfeminismus" redet, wenn es um Bücher geht.

Die Gesellschaft, die Feministinnen und Feministen wollen, kann eine parlamentarische Demokratie sein oder anarchistische Kollektive, aber sie kann nie völkisch, nationalistisch, rechtsextrem sein. Das ist einfach logisch nicht möglich, weil diese Haltungen auf Ausschluss basieren und auf der Diskriminierung oder noch härteren Bekämpfung von Minderheiten und allen, die als Fremdkörper wahrgenommen werden - und Feminismus das Gegenteil will.

Auch unter Rechten gibt es verschiedene Strömungen und bisweilen verschiedene Frauenbilder, aber immer basiert ihr Denken auch auf konkreten Vorstellungen davon, was sich für welches Geschlecht gehört (und wer sich mit wem fortpflanzen soll). Man könnte es sich leicht machen und sagen: Wie attraktiv rechte Positionen für Frauen im Allgemeinen sind, kann man schon erahnen, wenn man sieht, wie viele Frauen in den Reihen der AfD zu finden sind (16 Prozent der Mitglieder, 9,2 Prozent ihrer Bundestagsabgeordneten). Aber das reicht nicht.

Es gibt offensichtlich rechte Frauen (und Männer, ab und zu), die behaupten, sich für Frauen einzusetzen. Würden sie sich #MeToo oder dem Women's March anschließen, müssten sie zugeben, dass Gewalt auch von weißen Männern kommt. Aber das ist längst nicht der einzige Konflikt: Die Liste von Gründen, warum Rechte nicht feministisch oder auch nur "für Frauenrechte" sein können, ist lang.

Rechte und Rechtsextreme wollen, dass Lesben, Schwule und Bisexuelle weniger Rechte haben als Heterosexuelle. Sie erkennen Inter- und Transsexuelle nicht an. Viele von ihnen wollen Abtreibungen, Trennungen, Scheidungen erschweren. Sie wettern gegen Patchwork-Familien, auch wenn sie selbst in solchen Konstellationen leben. Sie kämpfen gegen Aufklärung in der Schule. Sie sprechen von "Gender-Wahn" und "Homo-Lobby", wenn es um Gleichstellungspolitik und Mitbestimmung geht.

Und nicht zuletzt haben sie oft klare Ideen davon, welche unterschiedlichen Aufgaben Männern und Frauen zukommen: Jedes völkische Denken beschränkt sexuelle und politische Freiheit. Wer vom Erhalt der "Volksgemeinschaft" spricht, kann nicht anders, als Frauen aufs Kinderkriegen (mit weißen Männern) festzulegen.

Und wenn es bei Björn Höcke heißt "Wir müssen unsere Männlichkeit wieder entdecken!" , dann heißt das nicht: wir müssen unsere Potenzprobleme klarkriegen, sondern: Männlichkeit ist Kampf. "Nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft", hieß es in einer Höcke-Rede, und das heißt im Umkehrschluss: Weiblichkeit muss etwas anderes sein. Passend dazu erklärte Frauke Petry in einem WDR-Interview zur #MeToo-Debatte, sie habe "nichts dagegen, dass Frauen weiterhin das schwache Geschlecht sind".

Das ist fast lustig angesichts der Tatsache, dass eine häufige Kritik von rechts an linkem Feminismus ist, dass er Frauen zu weinerlichen Opfern mache, anstatt auf starke Frauen zu setzen. (Und das muss man sich von Leuten erzählen lassen, die Angst haben, dass ihr Volk untergeht, wenn hier Flüchtlinge wohnen.)

Dabei müssen Frauen im Feminismus gar nicht stark sein. Sie können schwach oder stark sein, sie können alles sein, was sie wollen. Nur wenn sie Rechte sind, können sie nicht gleichzeitig Feministinnen sein. So viel Grenze muss sein.

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insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
djchrisi 06.02.2018
1.
Ich finde die Feminismusdefinition seltsam: Die gleichen Rechte haben Frauen und Männer auf jeden Fall. Meine Definition von Feminismus ist, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben sollten. Weil das aber so universell ist, nenne ich das lieber Humanismus.
zynik 06.02.2018
2. Danke. Auf den Punkt.
Seltsame Zeiten, in denen man klarstellen muss, was über Jahrzehnte eigentlich vollkommen logisch war.
unalom 06.02.2018
3. Warum soll die Linke ein Monopol auf die Frauenfrage haben?
... und aus Angst davor, als Rassist oder Rassistin zu gelten, die Probleme mit der Gewalt, die aus anderen Kontinenten dazukommt, unter den Teppich kehren. In einer veränderten Situation mit veränderten Herausforderungen, muss sich jede gesellschaftliche Gruppe, also auch der Feminismus, die Frage nach der eigenen Rolle und nach dem Vorgehen neu stellen. Andernfalls steht schnell die Rechte als die bessere (oder weniger schlechte) Linke oder gar als der bessere (oder glaubhaftere) Feminismus da....
synthcunt 06.02.2018
4. Leyla Bilge
ist auch so eine. Am 17.2. organisiert sie einen sogenannten Frauenmarsch zum Kanzleramt. Rechtes Postergirl und Feigenblatt der AfD mit Migrationshintergrund. Angebliche Frauenrechtlerin. Schauen Sie doch mal vorbei Frau Stokowski und berichten, wer sich da so herumtreibt. Wahrscheinlich auch der Volkslehrer Nikolai, der identitäre Sellner und andere illustre Gestalten aus diesem Dunstkreis sowie diejenigen, die diesen Rattenfängern auf den Leim gehen.
dasfred 06.02.2018
5. Warum sollte die rechte Frau ihrem Mann nicht nacheifern
Der rechte Mann verzichtet doch auch auf vieles. Schwächen zugeben, sich mit der Aufklärung befassen, andere Lebensentwürfe als Bereicherung zu sehen und so weiter. Da kann ich es der rechten Frau zugestehen, sich dem starken Mann unterzuordnen, der ihr gegen Folgsamkeit Schutz verspricht. Eine leicht zu erlernende Rolle, die Sicherheit und Geborgenheit vorgaukelt. Ein bisschen, wie in religiösen Sekten. Es wird schwer, Frauen dort herauszuholen, wenn sie Angst vor der Selbständigkeit haben.
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