Feministisches Theater Brecht als Comic

Die Regisseurin Friederike Heller wirft einen ganz neuen Blick auf Bertolt Brechts Stück "Der gute Mensch von Sezuan". Lustig soll das werden. Und paradox. Und widersprüchlich. Ganz anders als früher im Deutschunterricht.

Von Maren Keller


Warum man sich gerade jetzt ein Brecht-Stück angucken sollte? Wegen der Kapitalismuskritik? Der Religionskritik? Ja, ja, natürlich auch, kann ja alles nichts schaden. In Friederike Hellers Inszenierung von "Der gute Mensch von Sezuan" soll Brecht aber noch viel mehr: nämlich lustig sein.

Die Geschichte von Heller und Brecht, an deren Ende Brecht lustig sein wird, beginnt in einem deutschen Klassenzimmer. Dort also, wo vermutlich die meisten Bekanntschaften mit Brecht beginnen, mit dieser "heiligen Deutschstundenkuh", wie Heller ihn nennt, weil nicht nur seine Parabel vom "Guten Menschen von Sezuan" Schulpflichtlektüre ist.

Und so haben unzählige Schüler diese Geschichte gelesen, einschließlich Heller. Haben gelesen wie Shen Te - erst Prostituierte, dann Tabakwarenladenbesitzerin - gut ist, dass sie immer von den anderen ausgenutzt wird, und wie sie darum eines Tages das Alter Ego Shui Ta erfindet, der so böse ist, dass er ganz wunderbar zurechtkommt in der kapitalistischen Welt.

Heller hat das Stück damals begeistert, sagt sie. Dann habe sie die Frage gepackt, ob man denn nun ein guter Mensch sein könne in einer schlechten Welt. Schwierige Frage. Ein bisschen naiv auch, wie man als Schülerin mit 14 oder auch mit 16 eben so gewesen sei, sagt Heller heute.

Auf den ersten Blick nervt das Stück

Seitdem sind zwei Jahrzehnte vergangen: Heller hat bei Jürgen Flimm Regie studiert, hat Bühnen in Wien, Graz, Frankfurt und Dresden bespielt, ist von Kritikern in der Fachzeitschrift "Theater heute" zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt worden.

Heller ist erwachsen geworden und nebenbei auch erfolgreich, oder vielleicht auch anders herum. Immer noch ist Heller jedoch begeistert von dem Stück, mit dem sie nun ihr Debüt an der Berliner Schaubühne gibt. Nur dass sie mittlerweile sagt, dass das Stück auf den ersten Blick in seinem Schematismus nerve.

Dieser Schematismus. Böse und gut. Hart und weich. Schlau und dumm. Gerissen und gutgläubig. Mann und Frau. Schwarz und weiß. Shui Ta und Shen Te, über die Heller sagt: "Shen Te ist eine Figur, die mich anfänglich wahnsinnig aggressiv gemacht hat. Weil ich das nicht aushalten kann, dass jemand so blöd sein kann und unpragmatisch und weltfremd."

Dabei, so denkt man, müsste Heller eigentlich Erfahrung haben im Umgang mit Figuren, für die man sich die Sympathie erst erarbeiten muss. Neulich standen schließlich erst Alice Schwarzer, Bushido und Eva Herman als Figuren auf der Bühne in ihrer Hamburger Inszenierung "Heul doch!". Dabei ging es ausdrücklich um Feminismus und Postfeminismus, so dass sich Kritiker später an Gender-Studies-Seminare in Universitäten erinnert fühlten.

Und nun geht es um den zu guten Menschen Shen Te, eine Frau, die "den Laden nur um den Preis ihrer Weiblichkeit behalten kann", wie Heller sagt. Ein Paradebeispiel weiblicher Hilflosigkeit. "Aus feministischer Sicht ist das eine vertrackte Angelegenheit."

Die Ehrfurcht vor Brecht musste weg

Ursprünglich hatte Heller deshalb überlegt, das Stück von einem Männerensemble spielen zu lassen, um sich "das ganze Thema von vorne herein vom Hals zu halten". Dann habe sie sich jedoch entschlossen, sich genau dieser Schwierigkeit zu stellen. Für Heller begann ein Ausprobieren, ein Basteln, ein ständiges In-Frage-stellen: "Wenn man den Text so spielt, wie er da steht, dann funktionieren zwar die Szenen gut, aber dann entspricht er nicht mehr dem, was ich selber eigentlich gerne erzählen würde von Geschlechterrollen oder der Wahrnehmung von Welt." Deswegen musste Heller erst die Ehrfurcht vor Brecht verlieren. Deswegen hat sie die Schauspieler ermutigt, bewusst comichaft zu spielen - und damit die Klischees als solche zu enttarnen.

"Interessanterweise kommt man bei dem Material oft weiter, wenn man es nicht so ernst nimmt", sagt Heller. So ist Komik bei ihr mehr als ein Mittel zur Unterhaltung, Komik ist ein Mittel zur Konfliktlösung. Heller sagt: "Für mich hat es sich so gefügt, dass in der Überspitzung der Klischees auch eine Erleichterung liegt. So entkommt man den bierernsten Zuschreibungen."

Hinter der didaktischen Fassade des Stücks hat Heller den Humor entdeckt, den Schematismus als Kunstgriff enttarnt, und hinter diesem Schematismus der Figuren ihre Widersprüchlichkeit offengelegt: "Wenn man genau schaut, ist das Stück offen und verzweifelt und paradox." Plötzlich ist unklar, welche Charakterzüge Shen Te nun wirklich angeboren sind und welche sie sich nur abringt. Sie ist nicht mehr naiv und gut, weil sie nicht anders kann. Sondern aus Überzeugung.


"Der gute Mensch von Sezuan". Premiere am 21. April auf der Schaubühne Berlin. Auch am 22., 27., 28., und 29.4., Tel. 030/89 00 23.

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