Ferda Atamans Seehofer-Kritik Ein missratener Vergleich

Horst Seehofer kam nicht zum Integrationsgipfel, weil er sich in einem Text von Ferda Ataman mit der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis in Verbindung gebracht sah. Der Grund war wohl vorgeschoben - doch Seehofer hat nicht ganz unrecht.

Angela Merkel und Ferda Ataman beim Integrationsgipfel
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Angela Merkel und Ferda Ataman beim Integrationsgipfel

Ein Gastbeitrag von Werner Sonne


Hat Ferda Ataman, die Frau mit dem "Migränehintergrund" (Originalzitat Ataman), eine der schwersten Regierungskrisen in der Geschichte der Republik ausgelöst? Sie war es, die Horst Seehofer davon abhielt, zum Integrationsgipfel der Kanzlerin zu erscheinen, um dann den Streit mit Angela Merkel immer weiter zu eskalieren.

Es Ferda Ataman in die Schuhe zu schieben, ist natürlich Unfug. Der CSU-Vorsitzende Seehofer hat die Hosen gestrichen voll, das AfD-Gespenst und die Angst vor dem Verlust der CSU-Mehrheit in Bayern treiben ihn.

Zum Autor
  • DPA
    Werner Sonne, Jahrgang 1947, ist Journalist und Schriftsteller. Als ARD-Korrespondent berichtete er aus Bonn, Washington und Warschau. Bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2012 war Sonne zuletzt als Korrespondent im ARD-"Morgenmagazin" zu sehen.

Aber Horst Seehofer hat dennoch nicht ganz unrecht. Wir Deutschen, vor allem meine Generation, und der bald 69-jährige Seehofer gehört dazu, sind eine traumatisierte Nation. Die Last der Nazivergangenheit will nicht weichen, wir tragen das in uns - auch wenn wir keine persönliche Schuld haben. Und wir reagieren besonders sensibel, wenn uns jemand in die Nähe der Nazis rückt. Blut und Boden - das ist Nazijargon pur. Das weiß eine gebildete Frau wie Ferda Ataman natürlich. Dennoch schwingt sie die Nazi-Keule: "Politiker, die derzeit über Heimat reden, suchen in der Regel eine Antwort auf die grassierende "Fremdenangst". Doch das ist brandgefährlich. Denn in diesem Kontext kann Heimat nur bedeuten, dass es um Blut und Boden geht."

Das hat auch Horst Seehofer nicht verdient. Er war Ministerpräsident Bayerns, das einen der Spitzenplätze beim Migrationsanteil hatte und wo Integration weit besser funktionierte als anderswo - die bekennende Nürnbergerin Ferda Ataman ist da nur ein Beispiel.

Menschen mit Migrationshintergrund haben kein exklusives Privileg, besonders feinfühlig auf Unterstellungen und missratene Vergleiche reagieren zu dürfen. Nazi-Vergleiche gehören eindeutig in diese Kategorien - unbeschadet der Tatsache, dass es mit Vogelschiss-Gauland an der Spitze unerträgliche Entgleisungen gibt. Die Empörung darüber zeigt aber, dass der politische Mainstream sehr wohl zu unterscheiden weiß zwischen dieser unerhörten Holocaust- Verharmlosung und dem Ringen um die Frage, wie wir mit der Flucht von Millionen Menschen umgehen, die davon träumen, in unserem Land dem Leben in ihrer Heimat zu entfliehen. Und die auch ihre kulturellen und religiösen Wurzeln im Gepäck haben, auch ihre Ansprüche und Traditionen, die oft nicht mit den unsrigen übereinstimmen.

Willkommenskultur war gestern

Es gibt keinen Grillabend, kein Familienfest, bei dem das kein Thema ist. Und machen wir uns nichts vor: Nicht nur am dumpfen rechten Rand, in der Mitte der Gesellschaft wachsen Ängste und das Gefühl der Bedrohung, der Überforderung. Harald Martenstein schrieb (fast wie Donald Trump) im bürgerlich-liberalen "Tagesspiegel" in düsteren Farben von den Gefahren durch Flüchtlinge als "Täter oder Tatverdächtige, die unkontrolliert oder mangelhaft kontrolliert in dieses Land einreisten". Und kommt zu dem Schluss: "Die neue Gefahr bedroht jeden, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Wie viele sollen noch sterben?" Das ist die gesellschaftliche Stimmung, in der wir leben. Willkommenskultur war gestern.

Dabei kommt ein Thema fast unter die Räder, das auf einem guten Weg schien: die Integration, die Frage, wie die Hinzugekommenen und diejenigen, die hier schon früher lebten, mit Anstand und wechselseitigem Respekt das Zusammenleben organisieren. Ferda Ataman ist hier besonders aktiv. Ich kenne und schätze ihr Engagement seit Jahren. Zusammen haben wir den Mediendienst Integration aufgebaut, ein Informationsportal mit Fakten und Hintergründen über dieses wichtige Thema - der Rat für Migration ist der Träger, mehrere Stiftungen unterstützen das, ebenso die Bundesregierung. Ferda Ataman war die erste Chefin, ich im Ehrenamt der Vorsitzende des Fachbeirats, in dem vor allem Vertreter führender Medien beratend helfen - auch SPIEGEL ONLINE ist dabei.

Was Integration angeht, so bin ich Überzeugungstäter. Ich glaubte bei der Gründung des Mediendienstes, dass Integration eine der ganz großen Aufgaben ist. Und fühle mich durch die damals noch nicht absehbare Entwicklung mehr als bestätigt.

Aber schon vor der Flüchtlingswelle zeichnete sich ein Konflikt ab, für den auch Ferda Ataman stand. Bevor der Mediendienst online ging, gab es eine Diskussion darüber, wie das neue Kind heißen sollte. Ferda Ataman und Vertreter der "Neuen deutschen Medienmacher", in dem sich überwiegend Migranten zusammengeschlossen haben, meldeten gegenüber dem Begriff "Mediendienst Integration" Zweifel an. Integration - so das Argument, das haben wir doch längst hinter uns. Das ist altes Denken. Wir gehören hier hin, Punkt. Das neue Zauberwort für sie hieß Inklusion. Ich war der Meinung, dass dies der gesellschaftlichen Realität weit vorauseilte. Das Thema Integration ist noch Lichtjahre davon entfernt, ein abgeschlossenes Kapitel zu sein.

Das jedoch treibt Ferda Ataman und ihre Mitstreiter heftig um. In einer Kolumne auf SPIEGEL ONLINE bringt es Ferda Ataman auf den Punkt: "Schafft den Migrationshintergrund ab!". Darum geht es in Wahrheit doch. Ein Migrant sagte es mir einmal so: "Wie kann ich diesen Buckel loswerden, den ich mit mir rumtrage?" Sie sind es leid, immer darauf angesprochen zu werden, sie wollen dazugehören, sich nicht ständig rechtfertigen, nicht ständig erklären müssen. Und auch nicht den Kopf hinhalten müssen für das, was sich rund um das Flüchtlingsproblem aufheizt. Das ist ein verständlicher Wunsch. Aber Ferda Ataman versteigt sich auch hier. Als Begründung für die Abschaffung des Begriffs "Migrationshintergrund" führt sie an, Menschen mit diesem Hintergrund seien doch längst in der Mehrheit.

"Für alle, die es immer noch nicht hören, erkläre ich es gern: Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Der Satz stellt ein elementares, deutsches Selbstbild auf den Kopf: Nurdeutsche, also Deutsche ohne Migrationsextra, sind die Minderheit. Die frenetischen Volksfreunde, die Arier für Deutschland, sie können einpacken. Das Spiel ist längst verloren." Sie bezieht dabei ausdrücklich die vielen Millionen Vertriebenen und Flüchtlinge ein, die als Folge des Zweiten Weltkriegs ihre alte Heimat verlassen mussten. Das ist ein absurder Versuch, diese Menschen mit Zuwanderern gleichzusetzen, die unbestreitbar aus anderen Kulturkreisen nach Deutschland gekommen sind. Anders dagegen die Millionen, die deshalb Flucht und Vertreibung auf sich nehmen mussten, weil sie Deutsche waren. Sie waren, um mit Ferda Ataman zu sprechen, ohne Zweifel "Nurdeutsche" die deswegen schwerste Verfolgungen erlebten. Sie jetzt in der Migrationsstatistik ungefragt zwangszuvereinen, nur damit Ferda Ataman jubeln kann: "Das Spiel ist längst verloren", ist nur Wasser auf die Mühlen derjenigen, die dieses Land spalten wollen. Man kann mit Statistiken ja angeblich alles beweisen. Diese Ataman-Statistik jedoch gehört einfach in den Papierkorb.



insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
mcbaren 25.06.2018
1.
Danke für den ausgewogenen Beitrag. Übrigens, auch Menschen wie Ataman können zur Spaltung beitragen.
isokoo 25.06.2018
2.
Wenn die Gesellschaft für den Begriff Inklusion nicht so weit ist, dann liegt das an der spezifischen "Nurdeutschen" Gesellschaft und nicht der Realität. Menschen mit Migrationshintergrund sollen das Stigma beibehalten weil die "Nurdeutschen" nicht so weit sind. Wie wäre es dann mit Integrationskursen für "Nurdeutsche"?
christine.rudi 25.06.2018
3. Völlig einverstanden ...
... mit Ferda Ataman. ... ... ... Das sagt ein über 60-Jähriger Deutscher, der mehr als die Hälfte seines Lebens im europäischen Ausland gelebt hat (und lebt): die Nazis sind wieder VOLL da.
Dark Agenda 25.06.2018
4. Blut und Boden
Es ist auch Atamans Boden, der Boden aller die hier friedlich eingewandert sind (wie meine Mutter), arbeiten, ihre Steuern zahlen und Kinder großziehen. Wer in Frieden kommt und unsere rechtstaatlichen Prinzipien respektiert soll bleiben und glücklich werden dürfen. Der Rest muss im Interesse der anständigen Bürger zurück in ihr Heimatland verbracht werden. Das ist nicht nur so ein Bier/Bayern-Fimmel sondern eine sowohl rationale als auch moralisch zwingende Schlussfolgerung. Und als Badener möchte ich klar stellen, dass Bayern und seine Bürger sich am meisten für Integration einsetzen anders als z.B. die Hamburger und Berliner "Künstler". Und sie verachten Nazis, da trauen sich keine auf der Straße outen wie im Osten wegen sozialer Ächtung.
glennwolf 25.06.2018
5. Beide Kommentare
Zitat von isokooWenn die Gesellschaft für den Begriff Inklusion nicht so weit ist, dann liegt das an der spezifischen "Nurdeutschen" Gesellschaft und nicht der Realität. Menschen mit Migrationshintergrund sollen das Stigma beibehalten weil die "Nurdeutschen" nicht so weit sind. Wie wäre es dann mit Integrationskursen für "Nurdeutsche"?
wären einer eingehenderen Diskussion würdig, denn beide Kommentare enthalten ein Stück Wahrheit.
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