Fernseh-Eklat Moderatorin verteidigt Interview-Abbruch

Nach dem Wahldebakel der Eklat im Fernsehen: Am vergangenen Sonntag brach Bettina Schausten, Innenpolitik-Chefin des ZDF, ein Interview für "heute" mit dem NPD-Spitzenmann Holger Apfel ab. Nach scharfer Kritik rechtfertigt sich die Journalistin jetzt: Apfel habe von Anfang an nur "Parolen ablassen" wollen.


Berlin - ZDF-Journalistin Bettina Schausten, 38, hat den Abbruch des Interviews mit dem sächsischen NPD-Spitzenkandidaten Holger Apfel am Sonntag verteidigt. Sie sehe die Verantwortung für das gescheiterte Gespräch in der Nachrichtensendung "heute" nicht beim Sender, sondern bei dem NPD-Vertreter, sagte die Leiterin der ZDF-Redaktion Innenpolitik der "Süddeutschen Zeitung" (Dienstagausgabe). Es habe vorher zudem keine Hinweise gegeben, dass die Vertreter anderer Parteien die Runde beim Auftritt Apfels verlassen würden.

Für sie sei bereits zu Beginn des Interviews erkennbar gewesen, "das er sich vorgenommen hatte, seine Parolen abzulassen", sagte Schausten. Als Apfel dann zu "pöbeln" begann, habe sie entschieden, das Interview abzubrechen. "Eine solche Entscheidung muss man im Bruchteil einer Sekunde fällen", fügte sie hinzu.

Das ZDF hatte im Vorfeld der Wahlrunde Schausten zufolge kein Szenario entworfen, wie mit Vertretern der rechtsextremen Parteien umzugehen sei und wie verfahren werde, wenn die übrigen Teilnehmer die Runde verlassen. "Das alles kann man vorher nicht steuern", sagte sie. Es sei aber unstrittig gewesen, dass die NPD eingeladen wird - "so wie jede Partei, die in einen Landtag einzieht".

Das ZDF hatte nach der Sachsen-Wahl am vergangenen Sonntag die Spitzenvertreter der Parteien zu einer Talk-Runde ins Wahlstudio geladen. Als Apfel eine Stellungnahme abgab, verließen die übrigen Gesprächsteilnehmer die Runde. Schausten brach daraufhin das Gespräch ab. Ähnliches wiederholte sich in der ARD. Dort wurde ein Gespräch mit dem Brandenburger DVU-Spitzenkandidaten Sigmar-Peter Schuldt abrupt beendet.

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender sagte heute, das ZDF sei nicht dazu da, Propaganda zu senden. Die Chefredakteurin des RBB, Petra Lidschreiber, erklärte in der "Berliner Zeitung" zum künftigen Vorgehen, wer gewählt werde, "den werden wir natürlich nicht Ausblenden". Allerdings bräuchten die Sender Zeit, sich journalistisch mit NPD und DVU auseinanderzusetzen.

Deutsche Tageszeitungen haben unterdessen den Umgang von ARD und ZDF mit den rechtsextremen Wahlgewinnern scharf kritisiert. Die "Frankfurter Rundschau" von heute sieht im Verhalten der Fernsehjournalisten den Versuch, "sich durch blanke Unhöflichkeit einen antifaschistischen Glorienschein zu verschaffen." Die "tageszeitung" moniert, ARD, ZDF, RBB und MDR hätten der Demokratie in der Wahlnacht "einen schlechten Dienst erwiesen". Der journalistische Umgang mit den Rechtsextremen habe letztlich mehr erschüttert als ihr Wahlerfolg in Brandenburg und Sachsen. "So schafft man Opfer und Helden."



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