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27. Februar 2003, 18:15 Uhr

Fernsehen

Neun Live startet "Bildungsoffensive"

Der Telefonspiel-Kanal Neun Live will sein Image verbessern. Eine Programmreform mit Quiz-Formaten wie der Arbeitsvermittlungsshow "Job Chance" und einer "interaktiven Volkshochschule" soll Bildung und Service bieten - und noch mehr Zuschauer dazu verführen, zum Hörer zu greifen.

Neun Live-Geschäftsführerin Christiane zu Salm: Bildung statt Glücksspiel
DPA

Neun Live-Geschäftsführerin Christiane zu Salm: Bildung statt Glücksspiel

Hamburg - Mit insgesamt zwölf neuen Sendungen plant der Münchner Gewinnspiel-Sender, der sich aus kostenpflichtigen Anrufen mitratendender Zuschauer finanziert, die neue Programmgestaltung. Alte Formate sollen im Gegenzug eingestellt oder verkürzt werden. Schon ab Mitte April sollen die Formate "Neun Live Klassenzimmer", "Neun Live Pisa" und "Neun Live Mitmachkolleg" zu sehen sein.

Im "Neun Live Klassenzimmer" sollen die Zuschauer ihr Schulwissen auffrischen. Der Moderator steht dabei wie ein Lehrer an der Tafel und stellt Aufgaben. In der Wissensshow "Neun Live Pisa" wird in jeder Sendung eine Frage oder Aufgabe aus dem Pisa-Bildungstest gestellt. Das "Neun Live Mitmachkolleg" will als "interaktive Volkshochschule" funktionieren. Täglich wechselnde Themenschwerpunkte wie Fahrschule, Computerkurs oder Fremdsprachen sollen den Zuschauern Alltagswissen vermitteln. Dennoch bleiben auch die neuen Formate in erster Hinsicht Quiz-Shows, bei denen mit richtigen Antworten Geld gewonnen werden kann. Genau wie bei der "100.000 Euro-Frage", die als neuer Höhepunkt im Abendprogramm vorgesehen ist. Kandidaten im Studio und Anrufer von außerhalb müssen zusammen zehn Fragen beantworten, um sich am Ende den Hauptgewinn zu teilen.

"Schlauer werden mit Neun Live" lautet das neue Motto des Senders. Zum Intellektuellen-Fernsehen wird "Deutschlands erster Quizsender" (Eigenwerbung) damit allerdings kaum mutieren. Programmdirektor Marcus Wolter erklärt: "Wir möchten zeigen, dass Bildung und Service für den Zuschauer sehr unterhaltsam sein können und großen Spaß machen."

Der Münchner Kanal will mit den neuen Sendungen noch jüngere Zielgruppen ansprechen und insbesondere die 18- bis 29-Jährigen gewinnen. Bisher habe sich das Programm überwiegend an die über 30-Jährigen gerichtet. Bis Mitte Mai soll die Programmreform abgeschlossen sein.

Doch Neun Live fühlt sich nicht nur dazu berufen, gegen die allgemeine Bildungsnot vorzugehen. Der Sender will mit der "Neun Live Job Chance" auch seinen Beitrag im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit leisten. In "Deutschlands erster Abeitsvermittlungssendung" stellen sich Arbeitssuchende vor, während Arbeitgeber freie Stellen offerieren. "Wir wollen den Betroffenen Mut machen und Hilfe anbieten", sagt Wolter.

Geschäftsführerin Christiane zu Salm-Salm verwahrt sich unterdessen gegen die hartnäckigen Vorwürfe, der Sender biete hauptsächlich schnödes Glücksspiel, das in Deutschland zudem nur von staatlicher Seite aus betrieben werden darf. Die gestellten Fragen seien zu leicht, um damit den Begriff "Quiz" zu rechtfertigen, so die Kritik am Neun-Live-Konzept. Aber: "Bei uns geht es um Wissen und Geschicklichkeit, nicht um Glücksspiel", sagt zu Salm-Salm. Nach Angaben der Pressesprecherin Sylke Zeidler sei der Schwierigkeitsgrad der Fragen im Zuge der Weiterentwicklung des Senders bereits im vergangenen Jahr erhöht worden. "Fragen wie: "Wo steht der Schiefe Turm von Pisa?" finden sich seitdem nicht mehr im Programm."

Im vergangenen August war von einem inhaltlichen Qualitätssprung allerdings noch keine Rede. Damals hatte zu Salm-Salm einen Ausbau der nächtlichen Erotik-Clips mit der Begründung angekündigt: "Wenn das Image schon im Keller ist, dann sagen wir: Jetzt erst recht."

Indes hat sich der Münchner Sender zwei Veteranen des Privatfernsehens an Bord geholt. Jörg Draeger, nach eigenen Angaben "Fernseh-Frührentner", wird für Neun Live ab dem 8. Mai donnerstags um 21 Uhr die "Die 100.000 Euro-Frage" moderieren. Nach Absetzung seiner Spielshow "Geh aufs Ganze" (Sat.1/Kabel 1) im Jahre 2001 ist der 57-jährige Draeger im TV kaum noch zu sehen gewesen. Thomas Wilsch, bekannt aus den Anfängen des Privatsenders Vox ("Nachmittalk"), ist ebenfalls von Neun live rekrutiert worden. Ab 13. April wird Wilsch, Jahrgang 1948, die "Job-Chance" präsentieren.

Über mangelnde Mittel braucht sich der oft geschmähte Sender derweil nicht zu beklagen: Im Geschäftsjahr 2002 hat Neun Live alle Branchenerwartungen deutlich übertroffen. Der Sender steigerte seinen Umsatz um auf 60,73 Millionen Euro (Vorjahr: 21,13 Millionen Euro) und erzielte ein positives Ergebnis, nachdem 2001 noch ein Verlust von 25,6 Millionen Euro erwirtschaftet worden war. Damit ist Neun Live (bis Sommer 2001 tm3) innerhalb kurzer Zeit zum wachstumsstärksten Fernsehsender im deutschen TV-Markt geworden. Programmdirektor Wolter beschreibt das Geschäftsgeheimnis wie folgt: "Wir fragen uns jeden Tag: Was will unser Publikum? Und das setzen wir um. Wir sind auf Augenhöhe mit unseren Zuschauern."

Für Geschäftführerin zu Salm-Salm ist 2003 das "Jahr der inhaltlichen Qualitätsoffensive. Der wirtschaftliche Erfolg ermöglicht, unser Programm weiter zu optimieren. Wir investieren in Programmqualität", sagt sie. Allerdings beschäftigen sich gerade mal drei der zwölf neuen Sendungen mit Bildungsthemen. Ansonsten bleibt bei Neun Live alles beim Alten.

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