Fernsehgewalt Zuschauer-Debatte über 14 "Tatort"-Tote

Satanismus, Kindesmissbrauch und 14 Tote: Der "Tatort" aus Bremen bot dem Sonntagabend-Zuschauer reichlich harten Stoff und sorgte prompt für eine massive Zuschauerresonanz. Zu Wort meldeten sich auch Politiker, Medienexperten und sogar ehemalige und aktuelle TV-Kommissare.


Bremer Tatort "Abschaum" (mit Sabine Postel, 2. v. r.): "Brutales Zeug"
RB / Jörg Landsberg

Bremer Tatort "Abschaum" (mit Sabine Postel, 2. v. r.): "Brutales Zeug"

Der Bremer ARD-"Tatort" "Abschaum", der am Sonntagabend ausgestrahlt wurde, löste eine beispiellose Welle von Zuschauerreaktionen aus. Rund 600 Beiträge zu den Themen Satanismus und Kindesmissbrauch seien auf einem speziellen Internet-Forum von Radio Bremen eingegangen, berichtete der Sender am Montag. Auch die Hotline werde häufig angerufen. Mit 7,96 Millionen Zuschauern überrundete der "Tatort" die Konkurrenz mit den Filmen "Der Vater meines Sohnes" (ZDF), "American Pie II" (RTL) und "Mission Impossible" bei ProSieben.

In dem Fernsehfilm (Regie: Thorsten Näter) ermittelt Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) gegen eine satanistische Sekte, es geht um Kindesmissbrauch und dunkle Geheimnisse. Am Anfang springt ein junges Mädchen aus einem Hochhausfenster, es gibt Spuren von früherer Gewalt. Zunächst geraten die Bewohner eines Behindertenheimes unter Verdacht, dann wird nach und nach deutlich, dass man es mit einem verzweigten Netzwerk satanistischer Gewalttäter zu tun hat. Am Ende des Films werden zwei als Ritualopfer vorgesehene Kinder gerettet, ein geistig behinderter Ex-Elitesoldat richtet in einem Massaker die Satanisten hin.

Bei manchen Einträgen auf dem Internet-Forum bei Radio Bremen gab es einerseits deutliche Kritik an dem Gemetzel in der Schlussszene. "Das war krass und wirklich nicht mehr feierlich", erregte sich ein Zuschauer aus München. Zum anderen fand die Darstellung der brisanten Themen Satanismus und Kindesmissbrauch überwältigende Zustimmung: "Dies war der erste "Tatort" in meinem Leben, bei dem ich geheult habe. Vor Glück, dass er gezeigt wurde", schrieb "eine Überlebende" aus Hamburg. Ähnlich positiv fielen zwei Drittel der Einträge aus.

Bereits vor der Ausstrahlung hatte die "Bild am Sonntag" einige prominente Kritiker des jüngsten "Tatort" aus Bremen versammelt. Peter Gauweiler (CSU) sagte dem Blatt, es sei ein Skandal, dass im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt werden könne, was im Privatfernsehen verboten sei. Während die privaten Fernsehsender von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) überwacht werden, sind für die Öffentlich-Rechtlichen die jeweiligen Rundfunkräte verantwortlich.

Der Bremer CDU-Bundestagsabgeordnete Bernd Neumann, als Rundfunkrat für den "Tatort" zuständig, sagte: "Die Öffentlich-Rechtlichen tragen in Sachen Gewaltdarstellung einen Heiligenschein, den sie nicht verdient haben." Beim "Tatort" werde deutlich, dass es einen schleichenden Prozess der zunehmenden Gewaltdarstellung gebe.

Beim Jugendschutz werde "ganz klar" mit zweierlei Maß gemessen, sagte Annette Kümmel, Leiterin Medienpolitik bei ProSiebenSat.1. Sie sprach sich ebenso wie Thorsten Grothe von RTL für eine Eingliederung von ARD und ZDF in die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen aus. ARD-"Tatort"-Koordinator Gebhard Henke und ZDF-Sprecher Walter Kehr betonten dagegen, die Öffentlich-Rechtlichen hätten mit den Fernsehräten bereits eine gut funktionierende Kontrollinstanz.

Als spannend und gut recherchiert lobte dagegen der katholische Satanismus-Experte Matthias Neff laut "Hamburger Abendblatt" den Film. Der gelungene Krimi zeige deutlich die Brisanz und die menschenverachtenden Hintergründe des Satanismus. Neff, Referent für Sekten und Weltanschauungsfragen im Bistum Trier, widersprach Befürchtungen, der Film könne zur Nachahmung anregen.

"Wir haben nicht nur einen spannenden Krimi produziert, sondern auch ein gesellschaftlich wichtiges Thema angesprochen", rechtfertigte der stellvertretende Programmdirektor von Radio Bremen, Hans Dieter Heimendahl, am Montag seinen "Tatort".

Altkommissar Tappert: "14 Tote sind zu viel"
DPA

Altkommissar Tappert: "14 Tote sind zu viel"

Doch die Gewaltdebatte ist im vollen Gange: Am Montag ließ die "Bild"-Zeitung nach Medienexperten und Politikern nun auch andere TV-Kommissare gegen die Brutalität im Bremer "Tatort" aufmarschieren. 14 Tote seien zu viel, sagte "Derrick" Horst Tappert der Zeitung. In seiner Zeit als Fernsehinspektor hätte er "so etwas" nicht mitgemacht. "Ein Mord soll doch eigentlich nur der Auslöser für polizeiliche Ermittlungen im Fernsehkrimi sein."

"Auf diesem Sendeplatz hat so blutrünstiges, brutales Zeug allgemein nichts zu suchen", meinte auch Jan Josef Liefers alias Gerichtsmediziner Boerne im WDR-"Tatort". Jaecki Schwarz ("Polizeiruf 110") findet 14 Tote laut "Bild" "grauslich und nicht notwendig". "Mehr Tote sind bestimmt nicht das Rezept für eine höhere Einschaltquote", betonte er. "Das kann nicht die Lösung sein."

Unterdessen glühten auch heute noch die Drähte der Telefon-Hotline, die Radio Bremen mit Experten beim Hamburger Innensenator eingerichtet hatte. Dort gaben ein Anwalt, eine Betroffene sowie ein Sozialpädagoge und eine Therapeutin ununterbrochen Auskünfte. "Wir konnten Sorgen von Betroffenen auffangen, anonyme Fälle bearbeiten und sogar bei einem Vermisstenfall helfen", berichtete die Hamburgische Sektenbeauftragte Ursula Caberta.

Christian Stöcker



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