Fernsehtürme weltweit Spargelbauer im Höhenrausch

Wer hat den Höchsten? Früher prahlten Kalte Krieger mit ihren Fernsehtürmen, heute ködern Tourismusmanager mit den Sendespargeln zahlende Gäste. Eine Frankfurter Schau lädt zum Gipfeltreffen der Rundfunkmonumente.


Für Laien sehen Fernsehtürme ja ein bisschen aus wie Raketen: unten das dicke Ende, oben nadelfein, um sich einzufädeln in die Wolkenmasse und Atmosphäre. Allein: Fernsehtürme heben nicht ab.

Dennoch waren sie lange eine echte Attraktion. In den fünfziger und sechziger Jahren besuchte man sie, um von weit oben sagen zu können: "Guck mal, da ganz weit hinten wohnen wir." Oder um im Drehrestaurant Schildkrötensuppe zu löffeln. Heute leiden die meisten deutschen Sendespargel an Besucherschwund, und eine spezifische kulturhistorische oder gar museale Aufmerksamkeit war dem Gebäudetyp bisher nicht vergönnt.

Jetzt aber wurde ihnen erstmals eine Ausstellung gewidmet. Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt versammelt 25 bedeutende Fernsehtürme aus aller Welt zum Gipfeltreffen. Und das führt hinauf in schwindelerregende Höhen: Gemeinsam schaffen es die langen Dinger auf 8559 Meter.

Die Ausstellung lässt sie allerdings ganz flach daherkommen, denn ihr Hauptbestandteil ist eine illustrierte Tapete. Auf ihr werden die Türme in chronologischer Reihe als Silhouetten gezeigt, während Texte ihre politischen Hintergründe beleuchten. Die ganze Schau zeigt kein architektonisches Modell, keine Entwurfs- und Konstruktionszeichnung. Ist sie also eine Mogelpackung?

Gehäkelt aus güldenem Garn

Ja, aber eine intelligente. Den Ausstellungsmachern vom Berliner Büro Raumtaktik geht es nicht um Ästhetik, nicht um Technik, sondern um die Bedeutung der Türme im Kontext von Politik, Propaganda - und Populärkultur. Gerade dieser letzte Aspekt sorgt dafür, dass die Schau nicht zu blutleer daherkommt. Da taucht Shanghais popbunter Oriental Pearl Tower als aufblasbare und quietschende Gummifigur auf. Ein Video dokumentiert die allmähliche Verfertigung eines TV-Tower-Kebabs am Drehspieß. Und den Stuttgarter TV-Turm gibt es gehäkelt aus güldenem Garn.

Letzterer war 1956 als erster eigentlicher Fernsehturm gebaut worden. Hatte es bis dahin praktisch nur Funktürme gegeben, die stählerne Sendemasten waren, wandelte der Ingenieur Fritz Leonhardt ein Symbol des Industriezeitalters in ein Wahrzeichen der Mediengesellschaft um: Er benutzte die Betonröhrenbauweise von Schornsteinen und pfropfte dem Funkturm erstmals eine Aussichtsplattform und ein Restaurant auf.

Der Stuttgarter Kurzschluss von Fernsehen und Fernsicht wurde ein Riesenerfolg. Millionen besuchten ihn und in der Folge bauten Städte im In- und Ausland entsprechende Türme. Und Leonhardt war unwillentlich ein erster Schlag im Kalten Krieg der hohen Türme gelungen. In ihm trumpfte Moskau dann 1967 auf: mit dem Fernsehturm Ostankino als dem damals höchsten Gebäude der Welt. Und auch der 1969 eingeweihte Ost-Berliner Fernsehturm setzte sich mächtig in Positur. Als Symbol der DDR-Staatsmacht und ihrer technischen Potenz spielte er mit seiner glitzernden Kugel auf den sowjetischen Sputnik-Satelliten an. Geschickt war er im Schnittpunkt von Sichtachsen platziert, so dass er auch die Blicke der Westberliner auf sich zog.

Ein nur 90 Meter hoher Turm, bei Liberec in Nordböhmen gelegen, hatte es unterdessen zum Symbol des Prager Frühlings geschafft: Als die Truppen des Warschauer Pakts 1968 in die Tschechoslowakei einmarschierten, war er zwar erst halbfertig; von einem provisorischem Sender in seiner Nähe aber wurde die letzte freie Radiosendung ausgestrahlt, an der auch der spätere Präsident Václav Havel beteiligt war.

Besucherschwund in luftiger Höhe

Zu politischen Symbolen wurden Fernsehtürme auch durch ihre Zerstörung. So erstand der 1991 im Zweiten Golfkrieg zerbombte Fernsehturm von Bagdad als Saddam Hussein International Tower wieder auf. Neben ihm wurde eine Monumentalskulptur des Diktators platziert. Um sie herum Plaketten mit den Köpfen seiner Feinde: Bush, Thatcher, Mitterand - in den Boden eingelassen und daher wunderbar praktisch mit Füßen zu treten.

Den höchsten Fernsehturm der Welt hat bis heute Toronto, 553 Meter ragt er empor. Doch nicht mehr lange. Noch in diesem Jahr soll der elegant taillierte Fernsehturm von Guangzhou im chinesischen Pearl River Delta fertig werden. Seine Höhe wird mit rund 610 Metern angegeben. Doch auch der wahrscheinlich übernächste Rekordhalter wird schon gebaut. Noch ist der Tokyo Sky Tree auf ebenfalls etwa 610 Meter projektiert, wird aber sicherlich bei seiner Fertigstellung 2012 den chinesischen Konkurrenten überragen.

Trotz dieser Höhenjagd: Die TV-Turm-Saga hat auch melancholische Aspekte. Waren Fernsehtürme lange die höchsten Gebäude, werden Wohn- und Bürotürme heute höher gebaut. Und der Stuttgarter Urahn sendet seit 2008 keine Fernsehsignale mehr. Zudem sind die Restaurants und Aussichtsplattformen auf etlichen deutschen TV-Türmen wegen Besuchermangels geschlossen.

Glänzende Ausnahme ist da der Berliner Fernsehturm am "Alex". Er zieht im Jahr eine Million Besucher an. Die Flut der Souvenirs zeigt: Seine emotionale Ausstrahlung ist Spitze. Es gibt ihn in Bürstenform, zum Plätzchenausstechen und als Knuddelfigur aus Plüsch. Und mehr noch: Das einstige DDR-Gewächs hat nicht nur den Image-Turn geschafft - sein Restaurant dreht sich heute fast doppelt so schnell wie vor der Wende.


"Fernsehtürme - 8559 Meter Politik und Architektur", Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt, 3. Oktober 2009 bis zum 14. März 2010



insgesamt 3 Beiträge
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io_gbg 04.10.2009
1. Image-Turn
Dem Artikelverfasser dürfte vielleicht nicht aufgefallen sein, dass in dem "Image-Turn" am Ende des Artikels ein altes Wort für Turm auftritt, dass bis vor noch gar nicht langer Zeit auch in deutscher Sprache gebräuchlich war - "Turn" oder "Torn" - und heute noch in benachbarten Sprachen auftritt: schwed. torn (ausgesprochen "Turn") niederl. toren
goedeking, 04.10.2009
2. Spargelbauer im Höhenrausch
Das alte Thema. Dabei kommt es, rein funktional, auf die Höhe doch gar nicht an. Die Höhe steht - fast immer - symbolisch für irgendwas: in New York muss es nun der Freedom Tower sein, je höher, desto freier, stärker, mächtiger. Freud lässt grüßen.
Jay Huber 05.10.2009
3. Das Stratosphere ...
... in Las Vegas ist kein Fernsehturm, sondern ein Casino. Die Nadel an der Spitze ist ein Fahrgeschäft. Dass man, wie überall, an hohen Gebäuden auch Kommunikationseinrichtungen installierte, ist verständlich, doch ist dieser Turm Mitte der 90er Jahre nicht als Fernsehturm gebaut worden - in einer Zeit und Gegend, wo alle Kabelanschluss haben ...
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