Ruhrfestspiele "Ich liebe dich" - "Wie meinst du das?"

Die Stückeschreiberin Laura de Weck hat Situationen gesammelt, in denen Menschen an die Grenzen der Sprache stoßen - wenn sie verliebt sind etwa oder mit dem Tod konfrontiert werden. In Recklinghausen wurde ihr neues Stück "Archiv des Unvollständigen" nun triumphal uraufgestottert.

Andres J. Etter

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Es klingt wie ein Theatergesetz, das sklavisch zu befolgen ist: Jedes Theaterstück, heißt es bei Laura de Wecks "Archiv des Unvollständigen", braucht mindestens zwei Figuren, die das Gegenteil von mindestens zwei weiteren Figuren wollen. Jedes Theaterstück braucht einen inneren und äußeren Konflikt, eine unerwartete Wendung, eine Verschwörung, etwas mit Gesellschaftskritik, eine Parallele zur aktuellen Politik. Jedes Theaterstück braucht eine Waffe, einen Brief, einen Narr. Das Theaterstück "Archiv des Unvollständigen" selbst erfüllt von all diesen Forderungen exakt - gar keine. Es bietet keine Figuren, keine Geschichte, nicht einmal eine Waffe. Und doch ist es ein Schuss ins Herz der Zuschauer, erstmals abgegeben am Sonntag beim "Festival der Uraufführungen" der Ruhrfestspiele Recklinghausen.

Durch den Bühnenraum, ausgestattet von Lisa Maline Busse, weht ein Hauch von Anna Viebrock. Wie ihre Museen des Muffs, oft in Schwingung gebracht von Christoph Marthalers Musikcollagen, ist der Raum aufgeladen mit Geschichte und Geschichten, besser: mit Geschichts-Fragmenten. Auf einem Stapel stehen schäbige Kaffeehaus-Stühle, zum Teil mit gekürzten Vorderbeinen oder einem abgesägten vierten Bein; auf Stellwänden pappen beschriftete Karteikarten und Polaroids, die nach und nach auf den Boden segeln; alte Kofferradios erinnern an eine Zeit, als der Radioempfang noch über Zimmerantennen lief und nicht über das Internet, als die Stimmen aus den Automaten, die Automatenstimmen, schon mal rauschten und krächzten, als sie schon mal von den Automaten zum Schweigen gebracht wurden. Sie erinnern an eine Zeit, als Medienmacher noch an ein Publikum sendeten und nicht mit ihm kommunizierten.

Es geht ums Hören, nicht ums Sehen

Verteilt über den Raum hängen Kabel von der Decke, mit großen Mikrofonen dran. In sie sprechen die fünf Akteure, drei Frauen und zwei Männer, immer wieder direkt hinein. Als ob sie für die Mikrofone sprechen würden, nicht so sehr füreinander oder gar miteinander. Als ob sie nicht für das Publikum im Saal sprechen würden, sondern für ein abwesendes Publikum, ein künftiges Publikum, für das sie das Gesagte aufzeichnen.

Passend dazu steht im Hintergrund eine zweistöckige Hausfront mit sechs Fenstern. Dort sprechen die Akteure hinter Glas, wie in den Sprecherkabinen eines Hörfunkstudios, nur dass man sie manchmal gar nicht versteht, wenn sich ihre Lippen bewegen. Wenn man sie versteht, dann wirken ihre Stimmen kühl und seltsam körperlos, wie von ihren Körpern getrennt. Die Stimmen wertet das auf, sie gewinnen ein Eigenleben. Und mit ihnen gewinnt das der Text. Es geht ums Hören, nicht ums Sehen.

Laura de Weck, 31, geht es in ihren Stücken stets um Sprachreduktion, um Sprachrhythmus, um Sprachmusikalität. Das war schon 2007 in ihrem Debüt "Lieblingsmenschen" so, in "Archiv des Unvollständigen" aber hebt sie ihr Stilmittel auf eine neue Ebene. Die fünf Akteure sind Mitarbeiter des Archivs: Sie sammeln Dialoge, Biografien und Situationen, in denen Menschen an die Grenzen der Sprache stoßen, in denen Sprache nur unvollständig die Realität wiedergeben kann. Situationen, in denen Menschen stottern und stammeln, in denen sie schweigen und nach anderen Möglichkeiten der Kommunikation suchen. Verliebtheit zum Beispiel. Oder Trauer.

Auch dem Pfarrer raubt der Tod die Sprache

Aus dem Stück spricht eine Sprachskepsis, die erstaunlich ist für eine junge Stückeschreiberin, eine Spracharbeiterin. Da gibt es das Paar, bei dem einer zum anderen sagt: "Ich liebe dich." Worauf der andere antwortet: "M-m. Wie meinst du das? Also denkst du das? Oder ist es ein Sachverhalt?" Und es gibt den jungen Pfarrer, der seine erste Andacht für eine Beerdigung akribisch vorbereitet, der Texte sammelt aus der Bibel und aus der Kunst, von Psychologen und Esoterikern, um dann mit all dem theoretischen Gepäck vor die Trauergemeinde zu treten und zu sagen: "Wir haben einen Freund verloren, und das ist Scheiße."

Laura de Weck und Thom Luz lassen die Akteure immer wieder musizieren: Johann Sebastian Bach, Arthur Honegger, Charles Ives. Die Musik füllt die Pausen, das peinliche Schweigen, das sonst im Alltag so oft überquatscht wird. Wenn auch an diesem Theaterabend einmal etwas überquatscht wird, dann so: "Hier kommt dann noch Text, Hier fehlt noch ein Text, Hier fehlt noch eine Textstelle, Normalerweise ist hier Text, Hier wird noch ein Text gesprochen, Später ist hier Text." Sonst montiert das Team die Szenen hart und ziemlich zusammenhanglos aneinander, es bricht Szenen mittendrin ab, baut Tonstörungen ein und stille Pausen.

Unterbrochen ist zur Zeit auch die Arbeit im "Archiv des Unvollständigen", nach nur zwei Aufführungen in Recklinghausen. So läuft der Kommunikations-Hase nun mal: erst rasend, Haken schlagend, dann in Deckung gehend, sich versteckend, plötzlich aufspringend und weiter rasend. Am 21. September ist es so weit, dann im koproduzierenden Oldenburgischen Staatstheater, das das "Archiv des Unvollständigen" ins reguläre Programm der Spielzeit 2013/14 übernimmt.

In Recklinghausen geht immerhin noch das "Festival der Uraufführungen" weiter. Zu sehen ist dort unter anderem das Stück "Brandung" der Kleist-Förderpreis-Trägerin Maria Milisavljevic, eine Mischung aus Kriminalgeschichte, Liebestragödie und Flüchtlingsdrama.


"Festival der Uraufführungen": Am 23. Mai Uraufführung von "Wer ist die Waffe, wo ist der Feind", am 26. Mai Gastspiel-Premiere von "Wir lieben und wissen nichts", am 5. Juni Uraufführung von "Brandung", Ruhrfestspiele Recklinghausen, Kartentelefon 02361/921 80.

"Archiv des Unvollständigen". Ab 21. September am Oldenburgischen Staatstheater.



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Olaf 22.05.2013
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Zitat von sysopAndres J. Etter Die Stückeschreiberin Laura de Weck hat Situationen gesammelt, in denen Menschen an die Grenzen der Sprache stoßen - wenn sie verliebt sind etwa oder mit dem Tod konfrontiert werden. In Recklinghausen wurde ihr neues Stück "Archiv des Unvollständigen" nun triumphal uraufgestottert. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/festival-der-urauffuehrungen-bei-den-ruhrfestspiele-recklinghausen-a-901071.html
Ist das künstlerische Freiheit im Rechnen, mag der fünfte Akteur sich nicht auf ein Geschlecht festlegen lassen oder hat sich da jemand schlicht vertan?
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