Von Tobias Becker
Ach, lasst doch das Theater! Wer eine politische Botschaft unter die Leute bringen will, der sollte eine Rede halten oder einen Leserbrief schreiben oder ein Plakat für eine Demo malen. Aber er sollte, um Himmels willen, kein Theater machen. Weil Theater für politische Botschaften ungeeignet ist.
Kann schon sein, dass sich gegen diese pauschale Provokation Protest regt. Wahrscheinlich legt er sich aber rasch wieder - nach Lektüre dieser sieben Gründe: 1. Das Theater ist schon lange nicht mehr das Institut nationaler Identitätsbildung. 2. Das Theater schafft es nur noch höchst selten, große Politskandale zu initiieren, es kann also nicht mehr als Katalysator politischer Diskussionen dienen. 3. Das Theater als Apparat ist zu langsam, um auf aktuelle politische Ereignisse reagieren zu können. 4. Das Theater als Ort ist ungeeignet für eindeutige Botschaften, weil es traditionell der Ort erfundener Geschichten ist. An ihm werden Gewissheiten aufs Spiel gesetzt, nicht erzeugt. 5. Das politische Theater im Stil der siebziger Jahre erreicht immer nur die, die sowieso schon bekehrt und Teil der Community sind. 6. Das politische Theater im Stil der siebziger Jahre neigt dazu, seine Themen auf einen dramatischen Konflikt zu reduzieren. Das verzerrt aktuelle politische Probleme: Es gibt nicht mehr eindeutig Freund und Feind, und wenn, dann sind es keine Personen. 7. Das Theater ist unglaubwürdig, wenn es gegen kapitalistische Ausbeutung agitiert, weil es oft in selbstausbeuterischen Arbeitsverhältnissen entsteht, die kritisierten Verhältnisse also in seiner eigenen Arbeit reproduziert.
Mit anderen Worten: Das traditionelle Polittheater ist in schlechter Verfassung. Was nicht heißt, dass Theater keinen politischen Anspruch mehr haben sollte. Im Gegenteil: Es muss darum gehen, ein Theater zu machen, das einen utopischen Möglichkeitsraum eröffnet, das nicht rückübersetzbar ist in die Logik des realpolitischen Diskurses. Dafür gibt es geeignetere Medien. Statt politisches Theater zu machen, muss es heute darum gehen, politisch Theater zu machen.
Den Zuschauern eine Haltung abverlangen
So sieht das auch der Politikwissenschaftler Jan Deck, Geschäftsführer des Landesverbands Professionelle Freie Darstellende Künste Hessen (laPROF) und Leiter des Forums Diskurs Dramaturgie in der Dramaturgischen Gesellschaft. Gemeinsam mit der laPROF-Vorsitzenden Angelika Sieburg hat er den Sammelband "Politisch Theater machen" herausgegeben. Vorgestellt wird er am Freitag, 28. Oktober, im Rahmenprogramm des Festivals "Politik im freien Theater" in Dresden. Ein besserer Ort wäre kaum denkbar.
Weil das Festival, das seit 1988 alle drei Jahre in wechselnden Städten gastiert, federführend von der Bundeszentrale für politische Bildung organisiert wird, die sonst vor allem klassische politische Aufklärung über Printpublikationen betreibt sowie über Seminare und Symposien. Weil das Festival, neben dem Theaterfestival "Impulse" in Nordrhein-Westfalen, die wichtigste Leistungsschau freier Theater in Deutschland ist. Und weil dieses Jahr tatsächlich vorwiegend Gruppen eingeladen sind, die kein politisches Theater machen, sondern die politisch Theater machen - die also dazu geeignet sind, die Analysen des Forschungsbandes zu veranschaulichen.
"Theater können nicht mehr auf politische Wirkung hoffen, nur weil sie politische Themen theatral aufbereiten", sagt Herausgeber Deck. Er setzt stattdessen auf Formen darstellender Kunst, die einen öffentlichen Diskursraum schaffen (wie frühe Aktionen von Christoph Schlingensief), die Zuschauer in Situationen verwickeln und ihnen eine Haltung abverlangen (wie viele Arbeiten von God's Entertainment), die Recherchematerial vor den Zuschauern ausbreiten, ohne direkt inhaltlich Position zu beziehen und zu belehren (wie das Dokumentartheater von Hans-Werner Kroesinger), die kollektiv in nicht-hierarchischen Strukturen erarbeitet werden (wie die Performances von She She Pop und Gob Squad).
Die genannten Personen und Gruppen sind in Dresden allesamt dabei: Hans-Werner Kroesinger analysiert in "Darfur - Mission incomplete" gewohnt komplex die historisch-politischen Hintergründe des Bürgerkriegs im Sudan. Eine lohnende, aber auch eine anstrengende Arbeit. Ungleich zugänglicher ist die Produktion "Before your very Eyes", in der die Performer von Gob Squad sieben Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren antreten lassen. Sie sitzen als Exponate in einem Schaukasten und spielen sich selbst, bis sie sich mit Hilfe von Videoaufzeichnungen und Kostümen plötzlich aufspalten: in die, die sie sind, und in die, die sie sein werden. Die Studierenden, die Arbeitenden, die Rentner. Was wahnsinnig lustig ist, aber auch wahnsinnig melancholisch: ein Ausblick auf die Zukunft, der sie nur schwer entgehen werden. Sie scheint schablonenhaft vorgezeichnet.
Sozial engagiertes Theater für Sozialkunde-Lehrer
Zu Gast ist ferner das Afrika-Bühnenwerk "Via Intolleranza II", das letzte Theaterstück des verstorbenen Christoph Schlingensief, das dieses Jahr ebenso zum Berliner Theatertreffen eingeladen war wie die Festivalgäste "Verrücktes Blut" von Nurkan Erpulat und Jens Hillje sowie "Testament" von She She Pop. Was nebenbei zeigt, dass freie Produktionen längst in der allerersten Theaterliga angekommen sind. Die Amok-Komödie "Verrücktes Blut", in der eine Berliner Lehrerin ihre fremdstämmigen Schüler mit vorgehaltener Waffe zum Mitmachen zwingt, hat es gar zum Feuilletonhit des Jahres gebracht, auch wenn die Produktion unter den 16 in Dresden eingeladenen Produktionen sicher eine der naiveren und plakativeren ist, weil so gefällig, so gut gemeint, so pädagogisch. Immerhin passt sie perfekt zum Festivalmotto "Fremd", ebenso wie die noch plattere, weil klischeehaftere Produktion "ArabQueen". Beide sind nicht weit entfernt vom Polittheater der alten Schule: sozial engagiertem Theater für Sozialkunde-Lehrer.
Künstlerisch wesentlich interessanter ist "Testament", die Arbeit der Performer von She She Pop, die ebenso wie Gob Squad aus dem Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften hervorgegangen sind. Sie schließen Shakespeares Königsdrama King Lear mit den Problemen unserer alternden Gesellschaft kurz - und zwar höchst privat: Sie analysieren den Generationenvertrag am Beispiel ihres Verhältnisses zu ihren eigenen Vätern, Theaterlaien, die mit ihnen auf der Bühne stehen. Wer soll die Pflege bezahlen? Wer bekommt den echten Lichtenstein? Weshalb stehen die alten Gläser plötzlich bei der Schwester auf dem Tisch? Die Produktion macht den Zuschauer nicht zum Richter, im Gegenteil: Sie lässt ihn die schwankenden Voraussetzungen des eigenen Urteilens erfahren.
Die Performancegruppe God's Entertainment macht dem passiven Zuschauer, wie er im Zentrum von Guy Debords Analyse der Gesellschaft des Spektakels steht, einmal mehr Feuer unter dem Hintern und versucht, ihn zu Aktionen zu animieren. Dieses Mal nehmen die Wiener sich Handkes Publikumsbeschimpfung als Vorbild und laden ein zur "Passantenbeschimpfung". Wer sich als Akteur auf der Straße casten lässt und andere Passanten beschimpft, bekommt fünf Euro Gage, was bei der Wiener Aufführung nicht nur zu heftigen Wortgefechten im öffentlichen Raum geführt haben soll. Sondern auch dazu, dass Junkies Schlange standen - und dass sich Politiker beschwerten, wohl weil die Subvention nicht zu etwas Wahrem, Schönem, Gutem wurde, sondern weil sie zum Teil ans Publikum ausgezahlt wurde.
Auch das ist also eine der Möglichkeiten, als Theater politisch zu wirken: durch Subventions-Subversion.
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