Kunstfilmfestival: Zerdehnte Spannung, fragmentierte Wirklichkeit

Von Ingeborg Wiensowski

Festival: Das Münchner Kino-und-Kunst-Konglomerat Fotos
Jochen Kuhn

Ein Künstler spielt alle Rollen in seinem Film selbst. David Lynch und Charlotte Rampling treten gemeinsam vor die Kamera. Misshandelte Frauen agieren zusammen in einem finnischen Bibelfilm. Das Münchner "Kino der Kunst"-Festival schafft eine sinnvolle Symbiose aus zwei eigenständigen Welten.

Längst haben sich die Biennalen dieser Welt die Sprache der bewegten Bilder zunutze gemacht. Leider werden filmische Arbeiten fast ausschließlich in Museen oder Galerien gezeigt. Das neue Münchner "Kunst-Film/Film-Kunst-Festival. Kino der Kunst" aber erklärt das Kino fünf Tage lang zum ultimativen Ort der Kunst und gibt ihr eine vielfältige und glanzvolle Bühne - wie es sich für ein Filmfestival mit internationalen Protagonisten gehört.

Zugleich Festival und Kunstausstellung, präsentiert das "Kino der Kunst" in der Hochschule für Fernsehen und Film München, im traditionsreichen Arri-Kino sowie in Museen und anderen Kunstorten aktuelle Mono- und Multikanal-Arbeiten bildender Künstler.

Erzählstränge werden dekonstruiert, eindeutige Gefühle auf Eis gelegt

Dabei steht die Frage im Raum: Was will die Kunst vom Kino? Vor allem, weil alle Themen ausgeschöpft, Handlungen voraussehbar und alle Tabus längst gebrochen seien, sagt der künstlerische Leiter des Festivals, Heinz Peter Schwerfel. "Nicht was, sondern wie erzählt wird, ist Thema der Kunst", so Schwerfel, "Erzählstränge werden nicht konstruiert, sondern dekonstruiert, gekünstelte Spannung zerdehnt, angebliche Wirklichkeit fragmentiert. Allzu eindeutige Gefühle werden auf Eis gelegt, die Kunst kommt ohne sie aus."

Und die Kunst seziere ohne Berührungsangst "die Kniffe des Kinos und denkt sie gleichzeitig weiter". Denn es gehe auch "um die Zukunft der Erzählung", sowohl in der Kunst, in der Narration lange Zeit zugunsten von zeitkritischer Haltung, formaler Distanz und "konzeptueller Gefühlsarmut" verpönt war. Im Kino von morgen hingegen helfe die Kunst, "seine Geschichten von gestern zu erzählen".

Im Zentrum des Festivals steht der Internationale Wettbewerb mit rund 57 Filmen aus aller Welt, darunter zahlreichen Premieren. Über die Vergabe der Hauptpreise entscheidet eine Jury, die hochkarätig mit der Schauspielerin Amira Casar, den Künstlern Cindy Sherman und Isaac Julien und der Museumsdirektorin Defne Ayas besetzt ist.

Schwer werden sie es bei den vielen unterschiedlichen Filmen haben. Mal spielt ein Künstler selbst alle Rollen in seinem Film, wie der Berliner Bjørn Melhus, mal treten Charlotte Rampling und David Lynch gemeinsam in einem Film über ein Konzert für Tiefseetierchen des Franzosen Loris Gréaud auf. Im Film des Künstlers Jochen Kuhn "Sonntag 3" ist die Kanzlerin Angela Merkel in einer für sie absolut ungewohnten Rolle zu sehen. Und die Darstellerinnen in einer neuen Version der biblischen Verkündigung von der Finnin Eija-Liisa Ahtila sind Frauen aus einem finnischen Zentrum misshandelter Frauen.

Filme über Schwimmen, Scheitern und einen Volksstamm, den es nicht gibt

Freuen wird man sich über das Marionetten-Epos "The Cabaret Crusades" des Ägypters Wael Shawky, eine Entdeckung auf der Documenta 13. Und gezeigt wird auch, wie eng oftmals die Fiktion mit dem Dokumentarischen einhergeht: Die französisch-marokkanische Künstlerin Yto Barrada unterlegt eigene Kindheitserinnerungen mit anonymen Familienfilmen, der in Hamburg lebende Künstler, Designer und Filmemacher Till Nowak erfindet wissenschaftliche Experimente, der junge Russe Dimitri Venkov stellt ethnografische Betrachtungen über einen Volksstamm an, den es überhaupt nicht gibt.

Dem Londoner Künstler und Filmemacher Isaac Julien widmet das Festival eine ausführliche Retrospektive. Willkommen also im großen Kino eines Künstlers, der mit den Augen eines Malers filmt, die Sinne betört und gleichzeitig den Verstand aktiviert: Jedes Still ist bei ihm ein Bild, jeder Körper eine Skulptur, jede Bewegung ein Tanz.

Die wichtigsten Themen des Bildmagiers, der aus der Karibik stammt, sind aus seiner Biografie zu erklären: Zivilisation und Kolonialismus, Migration und Identität, der Konflikt zwischen Arm und Reich, gestern und heute, Massenkultur und Kunstgeschichte. Unter den zahlreichen Kinofilmen, Multikanal-Arbeiten und abendfüllenden Dokumentationen von Julien ist auch seine legendäre Hommage "Derek" an den verstorbenen Filmpionier Derek Jarman zu sehen. Und dank der Sammlung Goetz, die ein wichtiger Partner des Festivals ist, wird auf vier Leinwänden Juliens Reflexion über das afrikanische Kino "Fantôme Créole" gezeigt.


Kino der Kunst. München. Festivalzentrum: Hochschule für Fernsehen und Film. 24.4.-28.4.

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