Festival transmediale: Frauen, die mit Waffen hantieren

Von Ingeborg Wiensowski

Interaktive Metallvorhänge, bösartige Rummelplatzattraktionen, aussortierte YouTube-Videos: Das 25. Berliner Kunstfestival transmediale trumpft mit einem spannenden Programm zum Thema "in/compatible" auf.

Die transmediale ist ein Festival für Entscheider. Denn das Programm des nur fünf Tage dauernden "festival for art and didigital culture" (bis 5.2.) im Berliner Haus der Kulturen der Welt ist so dicht, dass viele der spannenden Veranstaltungen parallel laufen. Workshop, Panel oder Intervention, Diskussion oder Talk, Screening, Symposium oder Performance, alles ist im Programm der 25. transmediale zu finden, die am Dienstag beginnt. Tagsüber ins Haus der Kulturen der Welt und nachts ins Berghain oder ins Kater Holzig für die Club-transmediale CTM? Für alles gibt es unterschiedliche Tickets, auch eines für den, der alles will. Das heißt: Wer eine Karte kauft, sollte vorher wissen, zu welchen Veranstaltungen er gehen möchte.

Der neue junge Kurator Kristoffer Gansing hat der transmediale das Thema "In/compatible" gegeben. Er will eine Netzwerkkultur zeigen, in der Dinge nicht immer unbedingt zusammenpassen. Dass solche Lücken und Brüche in der Netzwelt destruktiv und gleichzeitig produktiv sein können, wird in einem zweitägigen Symposium, in offenen Diskussionen und Workshops verhandelt und in einer kuratierten Ausstellung und einer Performance-Reihe gezeigt.

Natürlich gibt es auch ein Videoprogramm. Und das beginnt am Eröffnungsabend ausnahmsweise mit einem Rückblick auf das allererste Videoprogramm des Festivals. Ursprünglich wurde die transmediale als "VideoFilmFest" für "Produktionen elektronischer Medien" gegründet, denn die waren damals von allen Filmforen der Berlinale ausgeschlossen. Zehn Jahre später nannte sich das VideoFilmFest dann in transmediale um, weil sich das Programm um andere multimediale Kunstformen erweitert hatte.

Das retrospektive "kuratorische Re-enactment" gibt es nur am Eröffnungsabend, danach folgt das aktuelle thematische Programm unter dem Titel "Satellite Stories".

Dabei gehe es in einer Sektion zum Beispiel darum, ob eigentlich die Technik um den Menschen oder der Mensch um die Technik kreist, sagt der Kurator und Filmemacher Marcel Schwierin. Filmisch kann das so aussehen: Till Nowak hat für "The Experience of Fliehkraft" Aufnahmen von gigantischen Maschinen auf dem Rummelplatz so retuschiert und um computergenerierte Elemente erweitert, dass Menschen scheinbar in den Himmel katapultiert werden. In "Vertical Distraction" zeigt der Filmemacher und Performer Dennis Feser vor der Skyline von Frankfurt die Deformation seines eigenen Körpers. Andere Themen sind zum Beispiel die Auswüchse des menschlichen Umgangs mit Haustieren in "good boy - bad boy", einem Film, den die Künstlergruppe Neozoon aus ungenierten Videos von Hundebesitzern im Internet collagiert hat.

Um die Grenzen der Freiheit im Netz geht es im 60 Minuten langen "Pieces and Love All to Hell"-Video von Dominic Gagnon. Wenn ein anonymer Nutzer das Fahnensymbol unter einem YouTube-Video anklickt und es damit "als unangemessen" meldet, verschwindet das Video nach der Prüfung des ebenfalls anonymen YouTube-Teams schnell und für immer. Gagnon hat geflaggte YouTube-Videos kurz vor ihrem Verschwinden aus dem Netz geladen, in denen amerikanische Frauen ihre Verschwörungstheorien über den allmächtigen Staat verkünden, ihre Mitbürger warnen und mit Waffen hantieren. Daraus hat er sein Video geschnitten, von dem man nicht weiß, ob man die wirren, düsteren Bedrohungsängste mehr fürchten soll als die anonyme Zensur der netzbeherrschenden Konzerne. Ab dem 31.1. wird das Video von Dominic Gagnon online zu sehen sein, jeden Monat stellt Marcel Schwierin ein weiteres Video dazu und auch die historischen Arbeiten sind ab dem 31.1. auf transmediale.de online.

Verpassen darf man auf keinen Fall das Highlight der transmediale, nämlich die zum ersten Mal in Europa präsentierte legendäre Joshua Light Show, die 1967 in New York gegründet wurde. Die Mitglieder des Ensembles tauchen mit ihren "Visuals" Konzerte in traumhafte farbige Lichtprojektionen und erweitern damit Wahrnehmung und Sinne nach Timothy Learys Parole "Turn on, tune in, drop out". Sogar der Gründer der Visuals, Joshua White, kommt nach Berlin, und zu seiner Show tritt unter anderem der "Krautrock/Cosmic/Minimalismus-Gigant" Manuel Göttsching auf.

Ein anderer Programmpunkt ist die Ausstellung "Dark Drives. Uneasy Energies in Technological Times". Mit älteren Arbeiten beispielsweise von Chris Burden bis zu jüngsten Produktionen von Künstlergruppen wie Jodi oder übermorgen.com soll gezeigt werden, dass durch Verzerrungen, Ironie und Unruhe unsere herkömmliche Vorstellung von Technologie ins Wanken geraten kann. Eine Lösung, so der Kurator Jacob Lillemose, soll allerdings nicht geboten werden. "Im Gegenteil, es wird behauptet, dass unruhige Energien unüberwindbar sind", und das solle die Besucher herausfordern, auf kritische und erfinderische Weise mit solchem uneindeutigen energetischen Potential zu agieren.

Uneindeutig geht es auch im Foyer der transmediale zu. Der Künstler Ben Woodeson teilt und versperrt mit einem scheinbar durchlässigen, riesengroßen Vorhang aus Metallstäben die Halle, und der muss entweder umrundet oder kann von den Besuchern durchschritten werden. Das bedeutet allerdings ein Risiko, denn der Vorhang reagiert auf Berührungen interaktiv - wie sich das genau auf den Besucher auswirkt, wird nicht verraten.

Ähnlich verwirrend ist eine Aktion "Mort Aux Vaches Ekstra Extra - The Gaeoudji Sygnok Give Away!" des Künstlers Gæoudjiparl, der als "Musik-Maverick und Krieger" vorgestellt wird. Im Foyer hat er eine Installation mit seinem gesamten Besitz - vom Fahrrad und Tisch über Noten und Bücher bis zu Kunstwerken - aufgebaut, die er verschenken wird. Einzige Bedingung: Der Beschenkte muss sich dafür einem Vortragsritual des Künstlers unterziehen.


Transmediale "in/compatible". Berlin, Haus der Kulturen der Welt. Eröffnung: 31.1., 17.00-23.30 Uhr. Laufzeit: bis 5.2. www.transmediale.de und www.ctm-festival.de (Programm des transmediale Clubs)

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Kunst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren

Facebook