Festspiel-Auftakt in Bayreuth Schiefe Fliege folgt Skandal-Dekolletee

Eine mürrische Festspielleiterin, ein Wirtschaftsminister mit schiefer Fliege - bei der Eröffnung der 98. Richard-Wagner-Festspiele gab es wieder einiges zu bestaunen und zu lästern auf dem roten Teppich. Und der Star unter den Politikern heißt trotzdem mal nicht Karl-Theodor zu Guttenberg.


Bayreuth - Ausgerechnet in Bayreuth fällt Karl-Theodor zu Guttenberg aus der Rolle. Eigentlich könnte man ja meinen, der Freiherr bewege sich gerade auf dem roten Teppich zur Eröffnung der 98. Festspiele mit schlafwandlerischer Sicherheit. Tatsächlich fällt das Lächeln auch gewohnt souverän und strahlend aus und an seiner Seite schreitet eine Gattin, deren blondes Haar mit dem aprikotfarbenen, schulterfreien Kleid um die Wette strahlt. Doch Guttenbergs Fliege sitzt schief. Was dem sonst so eleganten Bundeswirtschaftsministers auf einigen Fotos ein etwas clowneskes Aussehen verleiht.

Trotzdem wird zu Guttenberg freundlich empfangen - auch wenn er die Rolle des Stars für diesen Tag an einen Parteikollegen abgeben muss. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein wird mit frenetischen Beifallsbekundungen empfangen. Bayreuth hat eben seine eigenen Helden. Beckstein bedankt sich wie immer mit einem strahlenden Lachen und fleißigem Händeschütteln.

Nach all dem Trubel um Beckstein fällt der Empfang für Bundeskanzlerin Angela Merkel vergleichsweise kühl aus. Vielleicht auch, weil die CDU-Politikerin dieses Jahr aufs Skandal-Dekolletee verzichtet hat und stattdessen ein silbergraues Kostüm mit Glockenrock und weit nach oben zugeknöpfter Jacke trägt. Auch auf das Bad in der Menge verzichtet Merkel dieses Jahr. In Begleitung ihres Ehemannes Joachim Sauer lässt sie sich denn auch nur kurz fotografieren und verschwindet rasch im Festspielhaus.

Auch der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer in Begleitung von Ehefrau Karin erntet nur wenig Applaus. Obwohl der das erste Mal bei einer Premiere in Bayreuth dabei ist, kennt er die Spielregeln allerdings gut: Statt sich zurückzuziehen, sucht auch er das Bad in der Menge und schüttelt fleißig die Hände der Wartenden.

Festspiele der Power-Frauen

Diejenige, die eigentlich am meisten Grund zur Freude hätte, zeigt sich dagegen auffällig schlecht gelaunt. Alle aufmunternden Rufe der Fotografen helfen nichts: Katharina Wagner will bei ihrem Debüt als Leiterin der Bayreuther Festspiele an diesem Samstagnachmittag einfach nicht für sie winken und lächeln. Mit mürrischem Gesicht und beinahe regungslos lässt die 31-Jährige an der Seite ihrer strahlenden Halbschwester Eva Wagner-Pasquier das Blitzlichtgewitter über sich ergehen, ehe sich die Pforten des Festspielhauses zur diesjährigen Eröffnung endlich hinter ihr schließen.

Dabei ist Katharina Wagner gerade in die Fußstapfen ihres Vaters Wolfgang Wagner getreten. Noch dazu pilgerten trotz des unsicheren Wetters auch an diesem schwülheißen Nachmittag Hunderte begeisterter Zuschauer zum Grünen Hügel, um das neue Führungsduo zu begrüßen.

"Ich glaube, es hätte nicht besser laufen können als mit den beiden", schwärmt Erika Schönauer aus dem benachbarten Bad Berneck. Wie ihre Freundin Vera Kiontke kommt die Rentnerin seit vielen Jahren zur Festspieleröffnung nach Bayreuth und genießt die besondere Atmosphäre dort. "Es ist einfach schön hier", lacht sie.

Dass in diesem Jahr Eva und Katharina und nicht mehr Patriarch Wolfgang Wagner die Festspiele leiten, freut sie besonders. "Das sind Power-Frauen", bringt es die 74-jährige Kiontke auf den Punkt.

Für die netten Gespräche mit anderen Wagnerianern und den einen oder anderen Händedruck eines Prominenten harrt sie schon seit sieben Stunden hinter der Absperrung aus.

Oper im Live-Stream im Internet

Eine Neuinszenierung gibt es in diesem Jahr nicht. Neben "Tristan und Isolde" werden die bekannten Produktionen "Die Meistersinger von Nürnberg" in der Inszenierung von Katharina Wagner, "Der Ring des Nibelungen" in der Regie von Tankred Dorst und Stefan Herheims Deutung der Wagner-Oper "Parsifal" gespielt. Für die 30 Vorstellungen im knapp 2000 Besucher fassenden Festspielhaus hätten zehnmal so viele Karten abgesetzt werden können.

Nach der gelungenen Premiere mit den "Meistersingern" im vergangenen Jahr wird bei der Festspielnacht am 9. August "Tristan und Isolde" auf den Bayreuther Volksfestplatz übertragen. Parallel zum kostenlosen Public Viewing können Wagnerianer die Aufführung live via Internet genießen.

Eine Premiere gab es bereits wenige Stunden vor der Festspieleröffnung. Mit dem Projekt "Wagner für Kinder" wollen die beiden neuen Festspielleiterinnen ein ganz junges Publikum unbeschwert und unverkrampft an die Opern ihres Urgroßvaters Richard Wagner und seine Festspiele heranführen. Das Projekt soll zu einer Dauereinrichtung werden. Jedes Jahr soll ein anderes Stück kindgerecht bearbeitet werden.

ase



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