Festspiel-Personalie Halbschwestern-Duo übernimmt Leitung in Bayreuth

Die Favoritinnen haben sich durchgesetzt: Katharina Wagner und ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier lösen ihren Vater Wolfgang als Leiter der Bayreuther Festspiele ab. Damit endet ein langer Streit um seine Nachfolge.


Bayreuth - Katharina Wagner und ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier werden die Nachfolge ihres Vaters Wolfgang Wagner in der Leitung der Bayreuther Festspiele antreten. Das gab am Montag der Vorsitzende des Stiftungsrates der Bayreuther Festspiele, Toni Schmid, bekannt. Mit den beiden Urenkelinnen Richard Wagners sollen jetzt Vertragsverhandlungen aufgenommen werden. Anders als noch bei ihrem Vater wird es keinen Vertrag auf Lebenszeit mehr geben.

Über die genaue Aufgabenverteilung müsse im Detail noch diskutiert werden, erklärten die beiden Töchter nach der Sitzung des Stiftungsrates. Katharina Wagner wird sich wohl vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich zeigen, während Eva Wagner-Pasquier sagte, dass sie sich vornehmlich um Besetzungsfragen kümmern werde. "Ich werde aber nicht inszenieren", sagte die 63-Jährige.

Die unterlegene Nike Wagner sprach in einer ersten Erklärung von einer "befremdlichen Prozedur". Sie sei traurig über den Ausgang des Verfahrens, habe aber auch die Hoffnung, "dass meine Cousinen die Anregungen von Gérard Mortier und mir aufgreifen. Ich wünsche ihnen dabei viel Erfolg".

"Katharina muss mit härteren Bandagen kämpfen"

Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat die Entscheidung ausdrücklich begrüßt. Sie sei mit einer "überwältigender Mehrheit" gefallen (22:2 Enthaltungen laut Stiftungsrat). Der Stiftungsrat habe "nach Prüfung aller vorliegenden Konzepte eine personell wie inhaltlich tragfähige Entscheidung getroffen".

Christoph Schlingensief, der 2004 den "Parsifal" in Bayreuth inszeniert hat, lobte die neue Festspiel-Chefin, sieht aber auch Entwicklungsbedarf. "Katharina ist noch jung und muss sich noch härtere Bandagen erkämpfen", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. "Aber sie hat denselben Drang wie ihr Vater, Irritationen zu erzeugen. Das ist jetzt noch etwas plakativ bei ihr und langweilt schnell, aber das kann sich profilieren. Und sie hat auch die Sturheit ihres Vaters und sie kann auch wehtun, das brauchen aber manche in der Branche."

Sie galten als Favoriten

Mit der heutigen Entscheidung enden die jahrelangen Querelen um die Nachfolge des Festspielleiters Wolfgang Wagner. 2001 hatte sich der Stiftungsrat bereits für Eva Wagner-Pasquier ausgesprochen. Wagner-Pasquier ist die Tochter aus Wolfgang Wagners erster Ehe. Dieser wollte jedoch zunächst seine mittlerweile verstorbene Gattin Gudrun installieren, weswegen er damals von seinem Rücktrittsangebot zurücktrat und damit die Nachfolge seiner Tochter verhinderte.

Ende 2007 hatte sich Eva Wagner-Pasquier erneut und diesmal zusammen mit ihrer Cousine Nike Wagner, 63, die Tochter des Wolfgang-Bruders Wieland, um die Leitung beworben.

Doch das Duo brach auseinander, als sich im Frühjahr die Halbschwestern Katharina, 30, und Eva, 63, mit ihrem Vater beraten hatten. Eva und Katharina entschieden, nun ihrerseits zusammenzuarbeiten, und ihr Vater Wolfgang schlug die beiden überraschenderweise dem Stiftungsrat als mögliche Nachfolger vor. Seitdem galten sie als Favoriten.

Seit 1951 an der Spitze

Wolfgang Wagner schrieb damals in einem Brief an den Stiftungsrat der Festspiele, er halte es "für an der Zeit", die Verantwortung abzugeben. Er werde in seinem Beschluss bestärkt durch den Umstand, "dass sich für die Gestaltung der Zukunft der Bayreuther Festspiele eine einvernehmliche, von breitem Konsens getragene Lösung abzeichnet".

Der scheidende Festspielleiter stand seit 1951 an der Spitze des weltweit renommierten Opernfestes, zunächst mit seinem Bruder Wieland und seit dessen Tod 1966 allein.

Er selbst inszenierte eher konventionell, sorgte aber mit der Berufung von Regisseuren wie Götz Friedrich, Patrice Chéreau oder Christoph Schlingensief für Aufmerksamkeit Der 89-Jährige hatte sein Amt zum 31. August niedergelegt.

Wenige Tage vor dem Ablauf seines Engagements verblüffte dann Nike Wagner mit einer eigenen Bewerbung. Die derzeitige Leiterin des Kunstfestes Weimar trat zusammen mit dem ehemaligen Intendanten der Pariser Oper und designierten Leiter der New York City Opera, Gérard Mortier, den Kampf um die Oberhand am grünen Hügel an.

Die 62-jährige Urenkelin des Komponisten Richard Wagner verhielt sich im Vorfeld der Entscheidung wenig diplomatisch. So sagte sie etwa über die Kandidatur der Halbschwestern: "Dass meine Cousine Eva mich hintergangen hat, dürfte klar sein."

Dennoch wollte sie Eva bei der Präsentation ihres Konzepts noch ins Boot holen. "Eine Option für Eva Wagner-Pasquier, diesem Leitungs-Team beizutreten, ist grundsätzlich offen und wird befürwortet", war in dem Konzept zu lesen, das die beiden heute dem Stiftungsrat vorstellten.

Darin war auch zu erfahren, was für Veränderungen das Duo Wagner-Mortier für die Festspiele vorsieht. Die bisherige Wagner-Tradition solle "zum ersten Mal neu überdacht werden", heißt es in dem Papier. Unter anderem schlugen sie bis zu zwei Neuinszenierungen pro Saison und eine Bayreuther Pfingstsaison mit Uraufführungsaufträgen ("Wagner tomorrow") als "Anlaufplatz für junges Publikum" vor.

Zudem solle die gesamte Preisstruktur neu überdacht werden, mit besonderen Initiativen für die Jugend. In einem Beiprogramm außerhalb des Festspielhauses sollen vermehrt Einführungen, Symposien und Gesprächsrunden zum Werk von Richard Wagner stattfinden und auch Gastspiele im Markgräflichen Opernhaus.

Keine revolutionären Neuerungen

Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner wollen dagegen die Festspiele behutsam reformieren. Sie planen keine großen Änderungen, geschweige denn revolutionäre Neuerungen.

Ziel ihres Konzeptes mit dem Titel "Zukunft Bayreuth" ist es, die künstlerische Qualität der Festspiele zu steigern und die mediale Vermittlung und Vermarktung zu verbessern. "Was im Bayreuther Festspielhaus zu hören und zu sehen ist, soll der Inbegriff und Maßstab für die musikalische und szenische Deutung von Richard Wagners Musikdramen sein", heißt es ihrem Konzept.

Der Spielplan soll auch künftig auf die zehn von Richard Wagner selbst für festspielwürdig erklärten sechs Einzelwerke und den "Ring des Nibelungen" beschränkt bleiben. Bei der Sicherung der musikalischen Qualität soll Hausdirigent Christian Thielemann als Berater helfen.

chc/ddp/dpa/AP



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