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Fetisch-Mode: Gaga-oh-lala, Latex ist wunderbar

Von Meredith Haaf

Porno-Schick wird Fetisch-Style: Weibliche Musikstars wie Lady Gaga und Rihanna sorgen mit provokanten Outfits für Aufsehen - und dringen damit bis in die Alltagsmode vor. Latex, Nieten und Stiefel wie aus dem Sadomaso-Katalog sind en vogue und konterkarieren die Sexualisierung der Gesellschaft.

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Fetisch-Mode: Riemen, Lack und Peitschen

"Rah-ra-ah-ah-ah, romah-roma-mah, Gaga-oh-lala": das Extrem-Ohrwurmlied zum Jahreswechsel heißt "Bad Romance". Das Video zu der aktuellen Single von Lady Gaga ist eine Offenbarung: eine Science-Fiction-Phantasie von Fetisch und Diamanten; das, was passiert, wenn man die feuchten Träume eines pubertierenden Mädchens mit der Welt sadomasochistisch veranlagter Aliens kreuzt und das Ergebnis mit hartem Alkohol anreichert.

Die Bilder darin wirken sexuell und gruselig. Einerseits übertreffen sie die an Madonna oder Christina Aguilera geschulten Zuschauererwartungen, was nackte Haut und weibliche Körperlichkeit angeht, und kitzeln alle möglichen Erregungszustände im Betrachter wach. Andererseits schlägt das Video ihm aber auch in die Sicht wie eine Faust im Nietenhandschuh.

"Ich verändere das, was die Leute für sexy halten", sagte Stephanie Germanotta alias Lady Gaga im vergangenen Frühjahr dem Musikmagazin "Rolling Stone" und ließ sich für das Cover in einem Kleid aus durchsichtigen Plastikkugeln fotografieren. Ein paar Monate später trat sie bei einer Pressekonferenz auf Malta in einer schwarzen Fetischmaske auf.

Es passiert etwas im öffentlichen Sexy-Bild, und tatsächlich kann man sagen, dass Lady Gaga diese Entwicklung anführt. Schulterpolster, Haartollen und Synthieklänge sind nämlich nicht die einzigen Trends, die einem aus früheren Zeiten bekannt vorkommen. Auch Elemente und Motive von der schattigen Extremseite der Sexualität, dem Milieu von Bondage, Discipline und Sadomaso (BDSM), waren in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren schon einmal sehr präsent - und sie sind es jetzt wieder. Porn-Schick wird Fetisch-Style.

Zum Beispiel der Auftritt von Rihanna bei den American Music Awards Ende November: Die Sängerin wurde aufgespannt auf die Bühne gebracht, in einer klassischen BDSM-Position, die man auch als "Spreadeagle", also Adlerhaltung bezeichnet. Sie trug dabei einen hautengen weißen Anzug, wie man ihn ganz ähnlich für 20 Euro auf einschlägigen Internetseiten bestellen kann. In dem Video zu ihrer Single "Russian Roulette" liegt Rihanna halbnackt in einem kalten, gekachelten Raum, wird geschlagen und überfahren: Sadomaso-Standardszenarios. Kollegin Shakira ließ sich für "She Wolf" mit Stilettos und einem fleischfarbenen Ganzkörperanzug in einen Käfig sperren. Weniger unterwürfig gibt sich hingegen Beyoncé; sie trägt auf der Bühne aktuell gern Korsett und Stiefel, die fast bis an die Hüfte reichen - die Dienstuniform einer Domina.

Geschnürt statt zugeknöpft

Überhaupt, die Stiefel, das Leder, die Verschnürungen: Zu sehen ist all das nicht nur in den von Natur aus ausgefallenen Bühnenensembles millionenschwerer Stars, sondern auch in den Kollektionen vieler Modehäuser. Leder, Mieder und Nieten, wo man hinsieht, von Dolce & Gabbana bis H&M. Die Models bei Alexander McQueen trugen zuletzt überhohe Fetischklumpfüße auf dem Laufsteg, und auf den Straßen sind Lederstiefel, die mindestens bis zur Mitte des Oberschenkels reichen, in diesem Winter die einzige Art von Fußbekleidung, die offiziell getragen werden darf.

Zwölf-Zentimeter-Absätze sind an Frauenschuhen mittlerweile keine Auffälligkeit mehr, sondern eher läppisch. Wer jetzt hip zu Fuß sein will, muss schon mindestens 18 Zentimeter und Plateausohlen unter die Hacken bringen. Die ersten Strumpfwarenmarken führen Latex-Overknee-Strümpfe ein, und allein die Kollektion des Schuhdesigners Jimmy Choo für H&M bestand fast ausschließlich aus der Art von Schuhen, die eher dafür geeignet sind, sie im Bett anzulassen, als damit vor die Tür zu gehen: extrem hohe Absätze, Riemen und Lack.

Dies ist natürlich nicht das erste Mal, dass Lack und Peitsche in der Pop-Ästhetik auftauchen, sich schöne und berühmte Frauen devot in Position bringen. Fotograf Helmut Newton legte vor zwanzig Jahren seine Models schon einmal in Ketten, und Madonnas Video zu "Justify my Love" wurde 1990 aus dem Tagesprogramm des Musikfernsehens verbannt - während man "Bad Romance" oder Rihannas "Russian Roulette", die vergleichsweise brutaler sind, zu jeder Tageszeit im Internet gucken kann.

Die erste BDSM-Welle wirkte noch unerhört provokant. Alice Schwarzers Kritik an Newtons Fotografien löste in Deutschland eine gesellschaftliche Debatte über Pornografisierung aus, Madonnas Album "Erotica" und der dazugehörige Bildband "Sex" sorgten weltweit für anhaltende Erregung. Die aktuelle Entwicklung hingegen hat auf den ersten Blick wenig Sprengkraft. Sie scheint nur eine logische Konsequenz der letzten 15 Jahre zu sein, in denen sich junge Frauen im Showbusiness kaum anders als sexuell inszeniert haben. Seit Jahren sind die Medien voll von glänzenden Körpern, einladenden Blicken, lasziven Posen, der ganzen heterosexuellen Schablonenerotik, im sicheren Vertrauen, dass die Mehrheit darauf schon anspringen werde.

Passives Sexpuppenspiel ist passé

Früher oder später musste eine Sättigung erreicht werden, mussten junge, erfolgreiche Frauen darauf kommen, sich anders zu zeigen, die Gefälligkeit aufzugeben. Sie sind es schließlich, die hier künstlerische Visionen entwickeln, das Geld verdienen und, nicht zuletzt, extrem hart arbeiten. Das passive Sexpuppenspiel passt da schon lange nicht mehr.

Feministinnen, Jugend- und Geschmacksschützer hoffen natürlich immer auf eine Desexualisierung der Darstellungswelt. Das wird aber so schnell nicht passieren. Und ist an sich auch nicht nötig. Denn traurig an der Porno-Ästhetik ist ja nicht so sehr das Nackte und Sexuelle, sondern die Eintönigkeit der Bilder und die Fremdbestimmung der Körper. BDSM-Motive und Outfits bieten sich nicht wahllos als Projektionshilfen an, sie irritieren eher, sind sie doch Symbole ausgelebter Extrembedürfnisse. Sie jagen dem Betrachter Angst ein - darauf sind sie angelegt.

Wenn sich also Rihanna oder Lady Gaga in die entsprechenden Outfits werfen, hypersexualisieren sie einerseits ihre Auftritte - und nehmen paradoxerweise der Pornografisierung öffentlicher Frauenbilder etwas von ihrer Wucht. Diese hat der seltsamen Kombination aus Bedrohung und Glamour, Unterwerfung und Unnahbarkeit nichts mehr entgegenzusetzen: Was ist ein harmloser Knackhintern in der Hotpants gegen ein Ensemble aus Stacheldraht und Spitze, was ist ein tiefer Ausschnitt gegen eine Gesichtsmaske aus Latex?

Fetische und SM-Praktiken sind für Menschen, die sich nicht damit identifizieren, abschreckend; sie zeugen von einer überdimensionalen, gierigen Sexualität. Schließlich ist BDSM für viele Anhänger nicht nur etwas, das im Schlafzimmer stattfindet, sondern eine Frage des Lifestyles. Wenn sich weibliche Popstars im Fetisch-Style inszenieren, suchen sie vielleicht nur nach einer neuen Form der erotischen Selbstdarstellung. Doch die Entscheidung für das Monströse und gegen das Gefällige ist eine bemerkenswerte Verschiebung im Frauenbild.

Wer weiß schon, was die Menschen in zehn Jahren sexy finden werden. Aber es ist sehr gut möglich, dass es etwas völlig Anderes ist, als heute. Vielleicht irgendwas mit Aliens.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 78 Beiträge
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1. Sensation!
A. Huld 13.01.2010
"Weibliche Musikstars sorgen mit provokanten Outfits für Aufsehen" Was dieser Spiegel so alles durch aufwendige Recherche rausfindet. Chapeau!
2. Leidenschaft
Frank.W, 13.01.2010
"Fetische und SM-Praktiken sind für Menschen, die sich nicht damit identifizieren, abschreckend; sie zeugen von einer überdimensionalen, gierigen Sexualität. Schließlich ist BDSM für viele Anhänger nicht nur etwas, das im Schlafzimmer stattfindet, sondern eine Frage des Lifestyles." Diese "Praktiken" sind lediglich Ausdruck einer ungestümen Leidenschaft und vertreiben den "Muff der 1.000 Jahre" nur dieses mal nicht unter den Talaren, sondern unter der Bettdecke. Schon jeder dürfte mal leidenschaftlich geküßt haben (auch im Zeitalter der Schweinegrippe) oder sanft-kraftvoll gedrückt, gehalten oder am Ohr geknabbert worden sein... ...obacht so fängt`s an ;-) Wo es endet? Och das bestimmen die beiden Protagonisten... ...so lange es BEIDEN gefällt ist es ok und erfrischend, kraftspendend - und NICHT unbedingt sexualisierend, pervers etc.
3. Nieten in Latex
Mo2 13.01.2010
Tja, wenn man nicht singen kann wie die im Artikel genannten Hupfdohlen, wie Briney, wie Madonna und wie sie alle heißen, dann muss man halt durch Skandalgeschichten und Nüttchenlook auf sich aufmerksam machen. Wer`s mag, der gibt dann auch Geld für diese Plastikmusik aus.
4. Derzeit nicht ganz Straßentauglich
anders_denker 13.01.2010
aber es wird ja wärmer... gut wenn der TRend anhällt und sich Frauen zu ihrer weiblichkeit mal ebenso bekennen wie die Muskelshirt tragenden Solarientypen. Stielvoller sind diese Fetisch-Inspirierten Klamotten auf jeden Fall noch!
5. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Steve Holmes 13.01.2010
Fetische und SM-Praktiken sind für viele junge Frauen wohl besonders reizvoll. Seit ich öfter für eine Fetischproduktion in San Francisco arbeite werde ich sehr häufig von Frauen angeschrieben. Früher habe ich fast nur e-mails von männlichen Fans erhalten.
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