Fichtners Tellergericht Bulette à la Staubsauger

Was ist Berlins kulinarisches Wahrzeichen? Der Döner? Das kann doch nicht alles sein, hofft Ulrich Fichtner. Und muss feststellen: leider schon. Die Hauptstadt hat keinen eigenen Geschmack, sie klaut von anderen Ländern.


In Berlin sind gerade die Spanier los, will mir scheinen, ich bin Anfang der Woche nach längerer Zeit wieder einmal da gewesen und an jeder Ecke flogen mir die Tapas nur so um die Ohren, die Aceitunas und Albondigas. Es ist verrückt zu sehen, wie in unserer Hauptstadt jede Mode sofort aufgegriffen und dann schleunigst tot geritten wird, das macht uns keiner so leicht nach, und es ist so faszinierend wie irritierend.

Berliner Döner: Ein deutsches Original
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Berliner Döner: Ein deutsches Original

Irritierend, weil die hauptstädtische Verköstigung bei Licht betrachtet seltsam gesichtslos ist. Berlin ist ein kulinarisches Babylon, eine kosmopolitische Kakophonie, eine große esskulturelle Verwirrung, eine Stadt sozusagen ohne eigenen Generalbass. Oder hat Berlin in gastronomischer Hinsicht irgendetwas original Eigenes hervorgebracht? Und was wäre es?

London hat der Welt die Pubs geschenkt, Paris die Restaurants und Bistros hervorgebracht, Lissabon und Wien glänzen in den Spiegeln ihrer prächtigen Kaffeehäuser, Rom pflegt seine Trattorien, Madrid hat seine lässigen Tapas-Bars – und Berlin hat das alles schön und oft perfekt kopiert: Aber was ist das Eigene?

Niemand wird sagen wollen, dass die Kneipen mit den Asbach-Uralt-Schildern im Fenster und den giftgrünen Spülsteinen im Urinoir eine vergleichbare Errungenschaft wären. Wenn ich auf einem Gasthausschild lese "Alt-Berliner Kneipe", erfasst mich ein unwiderstehlicher Fluchtinstinkt, denn diese Läden, die gern auf den Namen Heinrich Zille hören, sind in aller Regel doch nur Karikaturen auf das Konzept von der deutschen Gemütlichkeit. Nichts an ihnen ist wirklich original, alles ist falsches Zitat, so dass ich zu dem Schluss komme: Berlin ist, in Sachen Gastronomie, eine gähnend leere Bühne, die deshalb ständig von Tourneetheatern aus aller Herren Länder bespielt werden muss.

Man könnte einwenden, dass die palastgroßen Gasthäuser, die in der Wendezeit erst in Mitte, dann am Prenzlauer Berg und dann in Friedrichshain eröffneten, eigenes Berliner Flair hätten. Vielleicht stimmt das, vielleicht ist dieses gründerzeitlich Mondäne irgendwie berlinerisch. Trotzdem kommen mir viele dieser Läden heute vor wie hektisch aus dem Manufaktum-Katalog zusammen gekauft. Im Übrigen folgen sie jenem internationalen, kühlen Stil, der sich in New York wie in Shanghai oder Melbourne gleichermaßen finden lässt und der seinen Weg ja längst auch nach Göttingen, Münster oder Kassel gefunden hat.

Geschmacksverstärker aus dem Ausland

Was für die Gastronomie gilt, gilt erst Recht für das Essen selbst. Auch hier ließen sich für andere Hauptstädte typische Gerichte oder "Spezialitäten" leicht und vielfach aufzählen – aus Berlin ist in dieser Hinsicht nichts weiter zu vermelden. Soleier? Buletten? Pfannkuchen? Erbspüree? Eisbein? Niemand wird so tief sinken, sie wirklich in ein Rennen um kulinarische Anerkennung schicken zu wollen. Und wer einmal das Pech hatte, in eine "original Berliner Bäckerschrippe" zu beißen, dürfte wie ich eine böse Ahnung davon bekommen haben, wohin die Stadt den Inhalt ihrer Staubsaugerbeutel entsorgt.

So bleibt es dabei: Berlin hat alles, aber nichts Eigenes. Man kann montags Boquerones essen und dienstags Sashimi, am Mittwoch Baeckeoffe, am Donnerstag Krokodil (beim "Australier"), Freitag ist scharfes Schokoladenhuhn dran und an den Wochenenden wird ohnehin von morgens bis abends nur gefrühstückt und gebruncht. Und nachts dann, wenn der letzte Hunger kommt, wird schnell noch ein Döner drauf gesetzt und mit Ayran nachgespült, den Türken sei Dank, denn sie haben Berlin, mit dem Döner, die einzige originale Spezialität geschenkt, die aus Berlin in die Welt hinaus gefunden hat.

Das alles hat auch sein Gutes? Aber natürlich! Berlins gastronomische Vielfalt ist einzigartig, wunderbar, großartig! Die Stadt wirkt aufs Ganze gesehen wie ein gewaltiger kulinarischer Themenpark, eine globale Leistungsschau, eine immerwährende Grüne Woche. Aber dass sie nichts Eigenes hat, dass ihre eigenen kulinarischen Hervorbringungen vergleichsweise erbärmlich sind, das musste an dieser Stelle endlich einmal gesagt werden.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



insgesamt 23 Beiträge
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guestreader 14.09.2007
1. ...wurde da nicht etwas vergessen...
...was ist den mit der guten Currywurst? Mir kommt beim Lesen des Artikels der Gedanke, ob der Autor wirklich in Berlin gewesen ist. Denn die aufgezählten Eigenschaften lassen sich auch gut aus der Ferne erkennen. Wäre er aber an einer typischen Imbissbude mit guter Currywurst gewesen, die es nun wirklich nur in Berlin gibt, so hätte er diese doch noch vergessen?!
smilingrasta, 14.09.2007
2. Mein Tip: Currwurst
Da hat aber jemand völlig die legendäre "Berliner Currywurst" vergessen. ;) VG, smilingrasta
sinister dexter 14.09.2007
3. Ey, paß bloß uff!
Sachste nochma wat jejen Eisbein, jibs Kloppe, wa?
zedvaint, 14.09.2007
4. Gähn
Der Artikel ist so läppisch, und vorhersehbar (Berlinbashing scheint gerade die aktuelle Mode beim Spiegel) dass sich ein Kommentar nicht lohnt. Außerdem: In Fichtners hochgelobtem Frankreich käme ja nun kein Mensch auf die Idee, irgendein Provinzei zwei, drei Stunden lang durch Paris schlappen zu lassen um ihm hinterher eine mediale Seifenkiste zum draufsteigen anzubieten. Sicher: Berlins Küche ist arm, die Stadt und ihre Küche lebt von den Dahergezogenen. Ihr deswegen aber jede Eigenständigkeit absprechen zu wollen ist so blöd wie ahnungslos. Und ja, die echte Berliner Schrippe ist selten geworden, dafür haben die Thobens und Leckerbacks gesorgt. Ganz so schlimm wie in Hamburg ist es aber in Berlin noch nicht - an der Brötchenfront wie auch beim sonstigen Essen (ich sage nur: Labskaus).
imation, 14.09.2007
5. Besser Esser
Zumindest ist das essen hier in Berlin besser als in Hamurg, weil Labskaus gibt es hier nicht.
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