Fichtners Tellergericht Burger in der Bankenkrise

Gehacktes Kobe-Rind, gehobelter Trüffel, verziert mit einer Prise Blattgold - fertig ist der Luxus-Burger. Auch in stürmischen Finanzmarktzeiten dinieren die New Yorker gern extravagant. Ob das wirklich schmeckt, bezweifelt Ullrich Fichtner - und rät zur gewöhnlichen Käseboulette.


Im Mai, als der Dax noch satt über 7000 Punkten lag und kein Gedanke an einen Sturz unter die 5000er-Marke war, wurde in New York der "Richard-Nouveau-Burger" geboren: Und er erlangte Weltruhm über Nacht.

Der "Wall Street Burger Shoppe" hatte ihn auf die Karte gehoben, ein üppiges Sandwich, gebaut aus 280 Gramm Kobe-Rindfleisch, 25 Gramm gehobelten schwarzen Trüffeln, 60 Gramm altem Gruyère und noch "getoppt" mit einer Scheibe Gänsestopfleber und einer guten Prise Blattgold, das Ganze für 175 Dollar, aber dafür gab es die Garnitur aus Wildpilzen und French Fries immerhin gratis dazu.

Eine der Eigentümerinnen des "Shoppe" nannte den 175-Dollar-Burger damals "eine Art Kunstwerk", nun ja. Jedenfalls hieß es bald, dass der Laden sein Spitzenprodukt so um die 25-mal jeden Monat verkaufe, später war sogar von 50 zu lesen, und die Kunden waren mutmaßlich stets die Lehman und andere Brothers, die ihre allerletzten Tage an der Sonne genossen. Wie aber ist die Lage jetzt? Der Luxus-Burger ist auf den Menükarten des "Shoppe" im Internet noch zu finden, aber gibt es ihn noch? Und wird er bestellt? Mich hat diese Frage umgetrieben, und deshalb habe ich am Mittwoch in New York angerufen.

Sake-Ketchup und Ingwer-Aioli

Auf der anderen Seite des Atlantik nahm eine Frau ab und meldete sich korrekt mit: "Wall Street Burger Shoppe". Ich sagte ihr, ich sei ein Journalist aus Deutschland und wollte wissen, ob es das Kobe-Teil eigentlich noch gebe. Sie sagte: "Ja, kein Problem, wieviele wollen Sie?". Ich sagte: Nein, nein, ich wollte nur fragen, ob es noch Leute gibt, die ihn ordern? Sie sagte: "Oh, natürlich, es kommen immer wieder welche, es ist wirklich kein Problem. Wieviele wollen Sie? Wir liefern auch." Ich sagte: "Nach Europa?" Und sie legte auf.

Es gibt ihn also noch, den 175-Dollar-Burger von der Wall Street. Wer sehen will, wie er zubereitet wird, kann sich ein Filmchen im Internet anschauen, ich mag am liebsten die Stelle, an der der Koch das Blattgold über sein Oeuvre stäubt. Es scheint, dass dekadentes Essen eine krisenfeste Sache ist, nicht nur in den USA, und in Sachen Luxus-Hamburger begann die Geschichte dazu passend im Jahr 2001, als in New York das World Trade Center einstürzte.

Damals kreierte Daniel Boulud in seinem New Yorker "DB Bistro Moderne" den ersten Stopfleber- und-Trüffel-Burger, verlangte 27 Dollar dafür und es war ein großes Hallo. Heute hat auch Boulud längst ein 150-Dollar-Sandwich im Angebot, den "Double Truffle", und es ist, als wäre eine regelrechte Jagd nach derlei bizarren Sensationen im Gang. Im "Olde Homestead Steakhouse", ebenfalls in Manhattan, gibt es für 81 Dollar einen Wagyu-Beef-Burger aus fast 400 Gramm Hackfleisch, in dem sich obendrein ein halbrohes 100-Gramm-Filetsteak versteckt. Dazu Sake-Ketchup und Ingwer-Aioli, wohl bekomm’s.

Ein Sülzkotelett bei Lidl

Ist es der Tanz auf dem Vulkan? Muss man ein Apfelbäumchen pflanzen? Oder ist es einfach nur Spielerei? Sicher ist, dass Essen immer schon ein sehr gutes Vehikel war, um den eigenen Sozialstatus auszustellen. Das gilt für Luxus-Fast-Food und Pariser Drei-Sterne-Restaurants gleichermaßen. Wer es sich leisten kann, 400 Euro für ein Abendessen auszugeben, erzählt damit immer auch seine eigene Erfolgsgeschichte. Und wer im "Fleur de Lys" in Las Vegas das Combo-Meal für 5000 Dollar bestellt – dafür gibt es einen Kobe-Beef-Trüffel-Gänseleber-Burger plus eine Flasche 1990er Chateau Pétrus – der muss ein Sieger ein.

Was aber wird aus solchen Leuten, wenn sie von der Krise ins finanzielle Nichts gerissen werden? Wenn selbst 700-Milliarden-Dollar-Pakete nichts helfen? Es muss hart sein. Aber andererseits sind die Amerikaner auch besser dran: Der Abstieg vom "Richard-Nouveau"- zum einfachen Cheeseburger ist so tief am Ende nicht. Schlimmer, man ist ein, sagen wir: Münchner Manager, und kann künftig nicht mehr im "Tantris" speisen, sondern muss bei Lidl um ein Sülzkotelett anstehen. Das – tut wirklich weh. Fast könnte man Mitleid bekommen.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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