Fichtners Tellergericht Der Meuth-Neuner-Duttenhofer-Komplex

Zicke und alter Kater: Die Fernsehköche Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer sind so sperrig wie ihre Namen. Dennoch: Niemand kocht besser und vernünftiger. Das Paar propagiert kulinarische Volkshochschulküche - und braucht keine Ziegenbärtchen, um populär zu sein.


Wer für Weihnachten noch schnell ein Kochbuch als Geschenk für die Tante aus dem Regal reißen will, findet in den Buchhandlungen jetzt "Das Beste von Meuth & Neuner-Duttenhofer – 120 Jubiläumsrezepte", ein Sammelwerk nach 20 Jahren Kochen im WDR-Fernsehen. Ich will mich zu dem Buch nicht weiter äußern, es ist so lala, jedenfalls wird es dem Rang dieses Paars mit den unmöglichen Namen nicht gerecht.

Fernsehköche Neuner-Duttenhofer und Meuth: Das alte Ideal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
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Fernsehköche Neuner-Duttenhofer und Meuth: Das alte Ideal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Denn ich glaube, ganz im Ernst, dass sich diese beiden, Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer (genannt "Moritz") um das deutsche Gemeinwohl verdient gemacht haben wie kaum ein anderer.

Wenn ich einen Standard für alltägliches, aber "richtiges" Kochen, für bodenständiges, aber nicht langweiliges Essen anzugeben hätte, dann würde ich ohne Zögern auf Meuth-Neuner-Duttenhofer verweisen. Die Kochbücher, die ich von ihnen besitze – es gibt mittlerweile etliche – zählen zu denen, die ich ziemlich oft in die Hand nehme, um auf eine schnelle Idee zu kommen, und manche der Rezepte zählen zu meinen privaten Klassikern, meinen Leibgerichten, meinen Favoriten.

Ich muss, weil dies eine Eloge ist, gleich einfügen, dass ich mit den beiden weder verwandt noch verschwägert bin und dass ich sie, vom Fernsehen her, noch nicht einmal sonderlich sympathisch finde – aber das soll die Glaubwürdigkeit meines Urteils nur unterstreichen.

Zur Nachahmung dringend empfohlen

Wer einmal, und im Handumdrehen, die Meuth-Neuner-Duttenhoferschen "Roquefort-Kartoffeln" hergestellt hat, wer die Kartoffelsalate aus ihrer Küche kennt, wer sich schon an ihrer "asienduftenden Kürbissuppe" oder dem grandiosen "chinesischen Karpfen" versucht hat, der dürfte wissen, was ich meine: Das Werk dieser TV-Köche ist zur Nachahmung dringend empfohlen und würde, wenn nur Gerechtigkeit regierte, all die heutigen Heinis mit Ziegenbärtchen und umgekehrten Baseballmützen schnell vom Bildschirm fegen.

Die Leistung des Paars, das im wirklichen Leben seit 25 Jahren verheiratet ist, liegt im souveränen Umgang mit Produkten, den zugehörigen Garverfahren und den allfälligen kulinarischen Moden.

Für keines ihrer Rezepte muss man eine Kochlehre gemacht haben, keines ihrer Produkte kann man nur per Internet direkt aus Sri Lanka bestellen, und auf keinem Rezept lastet der Fluch des bloß Modischen oder sonst wie Überkandidelten.

Fernsehen mit Mehrwert

Das Paar hat im Lauf der Jahre ganz selbstverständlich und leichthändig die internationalen Einflüsse aufgenommen, es wird viel italienisch gekocht, französisch, manchmal spanisch, es wird mittlerweile ausgiebig asiatisch gewürzt, aber alles immer praxisnah, variantenreich und so, dass eine moderne, frische Alltagsküche dabei heraus kommt.

Dass sich Meuth und Neuner-Duttenhofer am saisonalen Angebot orientieren, versteht sich, dass sie ihre Sendung zu einer kleinen Volkshochschule über gute (und schlechte) Lebensmittel gemacht haben, ist ebenso ein großes Verdienst.

Man könnte sagen, was die beiden aufführen, ist das alte Ideal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Fernsehen mit Mehrwert, mit Bildungsauftrag, dabei populär ohne sich anzubiedern, lehrreich ohne belehrend zu werden.

Personenkult von nordkoreanischen Ausmaßen

Gewiss, man kann das WDR-Format "Service-Zeit" altmodisch finden, abgestanden, ein wenig ranzig. Man kann argumentieren, dass andere TV-Köche bessere Einschaltquoten einfahren – aber besser, ich würde fast sagen: vernünftiger gekocht wird im deutschen Fernsehen, soweit ich das beurteilen kann, nirgends.

Wer die beiden als Paar – sie die Zicke, er der alte Kater – nicht ertragen kann, hat mein volles Verständnis und sollte sich das Jubiläumsbuch auf keinen Fall kaufen, denn es ist ein Werk des Personenkults von fast nordkoreanischen Ausmaßen (51-mal ist sie im Bild, 56-mal er, mit Kräuterkörbchen, mit Messer, mit Kochlöffel, gestern und heute).

Aber es gibt von den beiden ja auch reichlich andere, sparsamer bebilderte Werke, die sich aufs Eigentliche konzentrieren. Und dieses Eigentliche, die Herstellung von gutem, wohltuendem, manchmal simplem, manchmal festlichem Essen, ist bei Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer seit nun 20 Jahren in den besten Händen. Und das ist eine große, seltene Leistung.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
rogergerry, 12.12.2008
1. Meuth-neuner-Duttenhofer-Komplex
... entspricht exakt meiner Meinung!
lutzpluta 12.12.2008
2. Erfrischend
Der Beitrag spricht mir aus der Seele, auch die persönliche Beurtelung der beiden ist brilliant. Allerdings nicht alles funktioniert was die beiden in Ihrer Fernsehküche zeigen, manchmal kommen wichtige Details zu kurz oder werden einfach weggeschnitten - schade eigentlich. Für mich die mit Abstand beste und brauchsbarste Kochsendung im deutschsprachigen Fernsehen in der es wirklich noch ums kochen geht.
Ben-99, 12.12.2008
3. Volle Zustimmung
... und ich hatte schon befürchtet, als spießig zu gelten, weil “Martina & Moritz” seit langem auch meine Lieblingskochsendung ist und ich dagegen schmierige Schaumschläger wie Johann Lafer als Grauen empfinde. Schlimm auch die penetrant plappernde Nervensäge Reiner Saß. Kompliment an Ullrich Fichtner. Die längst überfällige Würdigung habe ich gern gelesen.
schneewolf, 12.12.2008
4. wo er recht hat
hat er recht.
MyStory, 12.12.2008
5. Zustimmung
Vollste Zustimmung! Bin ich übrigens der einzige, dem bei dem Satz "Für keines ihrer Rezepte muss man eine Kochlehre gemacht haben, keines ihrer Produkte kann man nur per Internet direkt aus Sri Lanka bestellen, und auf keinem Rezept lastet der Fluch des bloß Modischen oder sonst wie Überkandidelten." sofort "Hobbykoch Peter Wagner!" durch den Kopf schoss?
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