Fichtners Tellergericht McEntenfuß mit Aal-Nuggets, bitte!

Globalisierung fängt meistens beim Essen an: Der US-Fast-Food-Gigant Yum überrennt China und passt sich an regionale Vorlieben an, um den Markt aufzurollen. Na toll, meint SPIEGEL-ONLINE-Besseresser Ullrich Fichtner - und gruselt sich schon jetzt vor amerikanisierter Currywurst.


Die Chinesen haben nichts zu lachen, sie werden gerade vom Westen bestürmt, und zwar an allen Fronten. Mächtige Armeen sind aufmarschiert, den Alltag des Landes umzukrempeln. Ihre Generäle heißen McDonald's und Burger King, ihre Truppen bringen Hühnernuggets, Pizza und Burritos – aber gerade eben ist etwas höchst Überraschendes geschehen in dieser Abteilung der kulinarischen Globali- sprich: Amerikanisierung.

Fast-Food-Filiale in Peking: Aal süß-sauer im Sesambrötchen
REUTERS

Fast-Food-Filiale in Peking: Aal süß-sauer im Sesambrötchen

Der Konzern mit dem schönen Namen "Yum" und mit Firmensitz in Louisville, Kentucky, ist auf die Idee verfallen, den Chinesen künftig chinesisches Essen zu verkaufen. "East Dawning" heißt die neue – chinesische – Fast-Food-Kette, die eigentlich aus Amerika stammt, sie wird gerade in den Großstädten aufgebaut, und es gibt dort von Aal süß-sauer bis Entenfüße an schwarzer Bohnensoße alles, was der Mensch in Schanghai und Peking so mag.

Man muss dem kurz nachschmecken, um es zu verstehen: Es ist ungefähr so, als würden die Chinesen fortan unser – bayerisches – Bier brauen, und die Thüringer Bratwurst käme aus Neuseeland. Nun werden beide, Gott sei Dank, von der hiesigen Politik und Justiz als Originale geschützt. Aber, wer weiß, vielleicht steigt ja bald ein indischer Groß-Investor bei Löwenbräu ein? Und Uli Hoeneß holt sich einen Partner aus Dubai in seine Wurstfabrik? Und die entwickeln dann ganz neue, ganz bizarre Marketing-Ideen?

Currywurst nach Asien!

Es geht jedenfalls drunter und drüber auf dem globalen Marktplatz und Yum ist ein Platzhirsch so groß, dass sich jeder kulinarisch Interessierte den Namen merken sollte. Die Gruppe, einst Teil von PepsiCo., ist heute Herr über Kentucky Fried Chicken (KFC) und Pizza Hut mit 12.000 Filialen in 110 Ländern - nicht schlecht. Dazu kommen jetzt schon 2300 "Restaurants" in China, wo praktisch täglich ein neuer KFC-Laden eröffnet. Man fragt sich: Wieso macht das eigentlich unsere gute, alte "Nordsee" nicht auch? Und wieso bringt nicht endlich jemand die Currywurst in großem Stil nach Asien?

Einem Artikel im "Time"-Magazine entnehme ich, dass Yum vor rein gar nichts zurück schreckt. Die Gruppe hatte kaum begonnen, die Chinesen chinesisch zu beglücken, da verfielen ihre Lenker schon auf die Idee, den Mexikanern mexikanisch zu kommen. Seit jüngstem gibt es deshalb in Mexiko, der Heimat der Tacos, die ersten – amerikanischen – Taco-Bell-Filialen, und so gesehen wäre es doch nur konsequent, wenn Yum als nächstes german Spezialitäten nach Germany brächte, den Italienern italoamerikanische Nudeln verkaufte und den Franzosen pseudo-französische Zwiebelsuppe servierte.

Aber nun, wir leben in der Welt des "anything goes", und in Wahrheit geht’s uns ja seit langem nicht viel anders als den Chinesen. In Wien, der Hauptstadt der Kaffeehäuser, hat sich längst Starbuck's etabliert mitsamt Latte-Decaf und Iced Cappuccino. In München, der Heimat süffiger Vollbiere, saugen die Leute an Corona und Budlight, gebraut garantiert nicht nach dem Reinheitsgebot, und in Paris habe ich neulich zum ersten Mal einen Hot-Dog-Stand gesehen. Seltsam ist das alles, wo unser schöner Kontinent doch als eingefleischt amerikafeindlich verschrien ist.

Mir fällt angesichts der immer neuen amerikanischen Modewellen der schöne Spruch von Erich Kästner ein, man dürfe nie so tief sinken und "von dem Kakao, durch den man dich zieht, auch noch zu trinken". Nun ja. In unserer Welt heute weiß man gar nicht mehr, wer da zieht, wer schon gezogen wird, wo überhaupt der Kakao herkommt und wer ihn einschenkt. Aber im Zweifelsfall, siehe oben, ist es "Yum".

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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