Fichtners Tellergericht Stop mampfing!

Schnell mal den Fertigsalat neben dem Computer in den Mund schieben: So sieht's aus in Deutschland. Die Franzosen bestehen zum Glück weiter auf der kulinarischen Mittagspause. So entstehen Lebensqualität und Kultur.


In französischen Kochbüchern findet sich noch immer ein Kapitel, das mit "Dimanche soir" überschrieben ist. Das heißt "Sonntagabend" und meint eigentlich: Resteverwertung. Dort sind in der Regel Rezepte für freundliche, einfache Mahlzeiten versammelt, die aus den Überbleibseln des Sonntagsbratens entstehen können, aus dem Zuviel an Pot-au-feu. Es finden sich Rezepte für schnelle Tartes, salzige Kuchen, belegte Brote oder nur Kartoffeln mit Quark. Die Franzosen, auf ewig verschrien für ihre Verfeinerung, können auch anders.

Köstliche Vorstellung: Mittagspause mit Menü
Corbis

Köstliche Vorstellung: Mittagspause mit Menü

Dabei ist "Dimanche soir" ein Konzept, dass gerade uns Deutschen ein wenig merkwürdig vorkommen muss. Denn schließlich setzt es eine Art Wochenplan voraus, zumindest ein voran gegangenes Sonntagsmittagsmahl. Und es fußt letztlich noch immer auf alten, lange eingeübten Speisegeboten, die einst religiös oder sonstwie traditionell begründet waren.

Derlei Regeln sind uns, rechts des Rheins, fremd geworden, oder wir haben uns ihnen entfremdet. Ich kenne jedenfalls nicht viele Länder wie das unsere, das in den Dingen des Essens derart aus dem Takt geraten wäre.

Es mag in der deutschen Provinz vielerorts noch anders sein, in den Städten aber gehören halbwegs feste Essenszeiten immer öfter der Vergangenheit an. Man isst, wann man will. Man isst, wo man geht und steht. Büromenschen arbeiten mittags gern durch, die rechte Hand an der Maus und in der Linken die Plastikgabel, mit der im "Salat to go" gestochert wird.

Ernährung to go

Viele Restaurants öffnen am Mittag gar nicht erst, weil ohnehin niemand mehr kommt. Derlei mag an verdichteten Arbeitsabläufen liegen, aber es entspricht doch auch einem Lebensstil, der sich für urban und irgendwie modern hält. Man "snackt" sich durch den Tag und bemerkt kaum die Verluste, die damit einhergehen.

Große Verluste sind das, denn ich bin überzeugt davon, dass gerade der moderne Mensch im Wirbel der Globalisierung kleine Inseln im Alltag braucht, zeitlich wie örtlich, auf denen er kurz ausruhen darf, ehe er sich wieder ins Getriebe stürzt. Essen wäre dabei eine Art erzwungene Auszeit, ein kurzer Abschied aus dem fordernden Alltag. Essen ist heilsam, diesem Glaubenssatz bleibe ich auch 2009 tapfer treu. Es ist das einfachste Gegengift gegen das Verrücktwerden, gegen Krisenangst und Stress.

Was nun in einer Stadt wie Berlin schwierig geworden ist, bleibt in Paris die eiserne Regel, und niemand wird widersprechen wollen, dass es sich auch bei Paris um eine moderne, aufregende Stadt handelt. Diese Stadt aber hat einen betonfesten Stundenplan. Ihr Alltag ist um die Mahlzeiten herum gestaltet und nicht umgekehrt. Zur Mittagszeit verebbt das Leben in den Straßen ziemlich schlagartig, Läden schließen, der Verkehr beruhigt sich, und in kaum einem Café, Bistro, Restaurant bleibt dann ein Stuhl frei.

Appetitliche Pause

Es wird gegessen, Schlag eins, draußen im Öffentlichen, drinnen im Privaten. Auch wer auf der Straße nur ein Brötchen kaut, der tut das doch wenigstens auf einer Bank, im Sitzen, mit übereinander geschlagenen Beinen. Essenszeit, Auszeit. Mir scheint, dass diese Haltung die Stadt stark prägt, dass sie zu ihrer Schönheit nicht wenig beiträgt.

Es klingt paradox, aber in Paris erwächst aus den Regeln die schöne Lässigkeit, die wir an Frankreich bewundern. Ich behaupte, sie kommt auch daher, dass das Alltagsleben auf nicht weiter hinterfragten Grundregeln beruht. Mit den verbindlichen Essenszeiten ist eine wesentliche Verrichtung des Tages gedankenlos immer schon geregelt. Dadurch verliert man nicht, sondern gewinnt wertvolle Lebenszeit – während wir Deutschen uns in aller Hektik auch noch ums Sattwerden ständig aufs Neue kümmern müssen.

Die kulinarische Besonderheit des "Dimanche soir" ist jedenfalls in vielen französischen Haushalten noch immer End- und Startpunkt der Wochen. Glücklich, wer auf ihn zuleben kann und wer auch noch den großen, französischen "Dimanche midi" kennt, mit üppigen Mittagessen im Familienkreis, mit Entrée und Hauptgang, Käse und Dessert, Wein dazu und Kaffee hinterher.

Man mag das bürgerlich nennen (und abschätzig meinen), man mag sich darin fühlen wie in einem kulturellen Korsett. Ob man freilich ohne wirklich entspannter lebt, das ist eine andere Frage.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
cheech666 16.01.2009
1. Es geht auch anders!
Beneidenswert diese Franzosen!! Genau um dieses Stück Kultur zu erhalten bieten wir, im Restaurant F E L L A S in der Stargarderstr. 3 Berlin P-berg, auch werktags ein qualitativ hochwertiges 3 Gänge Mittagsmenü für unter 10 € an. Soviel Zeit muss sein, und ich glaube gelesen zu haben das es auch gesundheitliche Vorteile hat, die Nahrungsaufnahme so ruhig und entspannt wie möglich zu gestallten. Fazit: Nicht alle Berliner Gastronomen haben die Mittagszeit kampflos den Imbissbuden überlassen!! In diesem Sinne Guten Appetit!!
rheinlaender, 16.01.2009
2. Schäl Sick
---Zitat von Fichtner--- Derlei Regeln sind uns, rechts des Rheins, fremd geworden, oder wir haben uns ihnen entfremdet. ---Zitatende--- Da freut man sich doch einmal mehr, links des Rheins beheimatet zu sein.
audax, 16.01.2009
3. Was heisst hier denn Fortschritt, für wen denn?
Zitat von sysopSchnell mal den Fertigsalat neben dem Computer in den Mund schieben: So sieht's aus in Deutschland. Die Franzosen bestehen zum Glück weiter auf der kulinarischen Mittagspause. So entstehen Lebensqualität und Kultur. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,601631,00.html
Hier in Brasilien in den 50er Jahren waren 2 Stunden Mittagspause die Regel.Man konnte in Ruhe zum Mittag essen! Dann kamen die Amis und die Deutschen und sagten: So kommt Ihr hier nicht weiter! 30 minuten langen vollkommen, dann gibts auch Fortschritt! So, 6o Jahre später ...wie siehts heute hier aus? Genauso traurig und hektisch wie in Amerika. Die einfachen Angestellten hecheln sich durch das "Rat-race" der besch.....Globalisation und die Lebensqualität hat sich keineswegs verbessert! Ein hoch auf die Franzosen !
Godsdog 16.01.2009
4. Gegenvorschlag
Ich fände es begrüßenswert, wenn sämtliche Mahlzeiten nur noch in mundgerechten Häppchen angeboten würden, die man mit der linken (mit der Gabel bewaffneten) Hand essen kann. Die Knoblauchsoße eines Döners oder der Ketchup eines Burgers macht sich nicht gut auf der Tastatur meines Notebooks...
mausi123 16.01.2009
5. Um Zwölf gebbt gess!...
gilt bei uns hier im Saarland nach wie vor. Gott sei Dank gehen die gastronomischen Uhren hier nach französicher Zeitrechnung (inklusive Wochenplan und großem Sonntagsmenü).
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