Fichtners Tellergericht: Volle Packung Lug und Trug

Von Ullrich Fichtner

Bourbon-Vanille, Jamaika-Rum, feines Olivenöl: Zutaten, mit denen Konzerne angeblich ihre Instantprodukte verfeinern. Wer genauer prüft, stellt fest: alles Humbug. Die Anbieter lügen, dass sich die Schokoriegel biegen. Und nicht nur die.

Ein zuständiges französisches Amt hat sich kürzlich der Mühe unterzogen, den Inhalt von asiatischen Frühlingsrollen aus dem Supermarktregal zu analysieren, und dabei Funde gemacht, die zu erwarten waren. In Krabben-Rollen fand sich mehr Schwein als Krabbe, die Schweinefleisch-Röllchen enthielten vor allem Truthahn, und selbst die Gemüseteilchen waren mit Fleisch, tja, wie soll man sagen, verunreinigt. Es gilt für die Röllchen offenkundig, was auch gilt, wenn es um die Wurst geht: Nur der Metzger weiß, was drin ist.

Vollmundiges Vergnügen - aber nicht mit 08/15-Zutaten
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Vollmundiges Vergnügen - aber nicht mit 08/15-Zutaten

Aber es ist wie verhext: Die Karawane frisst weiter. Lässt sich blenden von Etiketten, auf denen gelogen wird, dass sich die Balken biegen und einlullen von Werbespots, die eine gute, alte Zeit vorgaukeln, obwohl sie für Produkte trommeln, die in Fabriken und Labors entstehen.

"Foodwatch" hat gerade wieder ein "Pesto Verde" von Bertolli zerlegt, und dabei ermittelt, dass die behaupteten Zutaten "feinstes Olivenöl" und "Pinienkerne" nur in Spurenelementen vorhanden sind, während sich im Glas in Wahrheit viel ordinäres Pflanzenöl, Cashewnüsse, Kartoffelflocken, Aromastoffe und Säuerungsmittel breit machen. Aber natürlich alles "nach original italienischen Rezepturen und nur aus besten Zutaten hergestellt".

Es ist seltsam: Man kann in unserer Welt jeden Möbelhändler, der einem ein Plastiksofa als echte Ledercouch andreht, verklagen. Es ist selbstverständlich, dass ein Auto wirklich 100 PS haben muss, wenn der Hersteller behauptet, es habe 100 PS. Cashmere-Schals müssen aus Cashmere sein, sonst setzt es Prozesse, und es gilt als Betrüger, wer "handgewebte persische Teppiche" verkauft, die tatsächlich aus einer Fabrik in China stammen. Für unser Essen gilt das in vielen Fällen nicht. Der Etikettenschwindel ist die Regel.

Mythen in Tüten

Gewiss: Es sind schon Händler aufgeflogen, die Parmaschinken verkauften, der nicht aus Parma kam. Und niemand darf einfach so Nürnberger Bratwürste fälschen oder einem eine Pute für ein Huhn vormachen. Aber von solch grobschlächtigen Verstößen abgesehen: Immer wenn die Industrie ins Spiel kommt mit ihren tausendundeins Gläsern, Tüten, Mikrowellenschalen und Familienpackungen, entsteht ein seltsam rechtsfreier Raum.

Das Pesto-Beispiel zeigt es gut: Wenn im 1000-Liter-Bottich einer Fabrik zufällig auch ein Kanister Olivenöl mit verrührt wird, darf auf dem Etikett schon stehen: "mit feinstem Olivenöl". Wenn sich im Schokoriegel Spuren von Vitaminen verstecken, darf großspurig geworben werden mit: "stärkt die Abwehrkräfte".

Wir alle kennen diese Sprüche, wir wachsen mit ihnen auf: "mit wertvollem Kalzium", "mit feinen Kräutern", "mit Jamaika-Rum", "mit Bourbon-Vanille", und wir wundern uns auch nicht mehr, wenn Birkel "Tomate&mehr" auf den Markt wirft, "eine Saucen-Innovation, die 50 Prozent des empfohlenen Gemüse-/Obst-Tagesbedarfs" deckt. Wir glauben’s einfach.

Geschmacklose Augenwischerei

Denn wissen können wir nicht. Es ist alles nur sprachliche Wolke. Wer hat jemals danach gefragt, wo eigentlich das "original französische Rezept" für eine Tütensuppe herkommt? Wer glaubt daran, dass es sich bei Coppenrath&Wiese um eine "Conditorei" handelt, wenn er nur einmal in den "Himbeer-Frischkäse-Kuchen à la Crème Brulée" gebissen hat?

Und was passiert eigentlich, wenn man nach Genuss eines "NaturPur-Nudel-Broccoli-Gratins" à la Maggi zu dem Schluss kommt, man habe für sein Geld eigentlich doch nicht "100 Prozent Geschmack" bekommen, wie auf der Packung steht, sondern nur 80? 50? 20?

Vor dem Supermarktregal, vor dem Fernseher zur Zeit der Werbeblöcke wird der "mündige Bürger" zum Kind, das viele Fragen hat, aber keine Antworten bekommt. Die Industrie dahinter darf fälschen, tricksen, Trugbilder verbreiten – und keine Instanz verbietet es ihr.

Warum auch: Der Deal zwischen Verbraucher und Industrie ist längst besiegelt. Kulinarische Analphabeten, die wir geworden sind, drücken wir gern mal ein Auge zu. Weil ja sonst, ohne Mama Mirácoli, gar kein Essen mehr auf den Tisch käme.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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