Fichtners Tellergericht Wie man sich dünne macht

Schwerwiegende Erkenntnis: Wer abnehmen will, sieht sich einem Heer von Diät-Ratgebern gegenüber. SPIEGEL-ONLINE-Besseresser Ullrich Fichtner fürchtet um seine Keira-Knightley-Figur, fraß sich durch zahllose Abnehmbücher - und verdarb sich den Magen.


Ich bin heute morgen auf die Waage gestiegen und die Ziffern auf dem Display ließen mich geschockt rückwärts taumeln. Ich verschweige hier aus Gründen des Datenschutzes die große runde Zahl, die ich lesen musste, fürchte aber, ungefähr das Dreifache von Keira Knightley zu wiegen, was ich aus Gründen der Selbstachtung so nicht bestehen lassen kann. Eine Diät muss her. Aber damit fangen meine Probleme überhaupt erst an.

Filmstar Knightley: Wirklich ein Diätvorbild?
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Filmstar Knightley: Wirklich ein Diätvorbild?

Ich habe reichlich Bücher zum Thema, aus rein professionellem Interesse, versteht sich. Am Morgen bin ich die Reihe der Regale abgeschritten auf der Suche nach dem Weg, der nun einzuschlagen wäre. Soll ich mich die nächsten Wochen an Gayelord Hauser halten und mich mit eiweißreicher Kost vollstopfen?

Oder wie wäre eine Pritikin-Diät, die es eher mit Kohlehydraten hält? Soll ich eine "Mond-Diät" nach Christine Zacker ins Auge fassen? Oder doch endlich eine Hollywood-Diät beginnen, die empfiehlt, nicht so schlecht, sich an Hummer, Shrimps und Ananas schadlos zu halten.

Eine "5-Tage-Diät mit Naturreis" könnte ein Anfang sein, und danach gleich die "7-Tage-Körner-Kur", wer weiß. Die "10-Tage-Fitness-Kur" klingt vielversprechend, ebenso der Titel: "Abnehmen – aber mit Vernunft". Soll ich Getreidetage nach Dr. Ritter einschieben? Oder Howard Hays Trennkostregeln befolgen? Eine Evers-Diät machen? Oder eine nach Dr. Haas? Wird mich Dr. Rademacher erlösen oder brauche ich schon das "Herbalife Zellernährungsprogramm"? Die Markert-Diät? Oder doch die Lutz-, die F-Plan-Diät, die Mayr-Kur? Oder nehme ich ab mit Brigitte? Oder mit Monsieur Montignac?

Vielleicht zähle ich auch Nutri-Points oder Weightwatchers-Punkte, vielleicht fange ich eine Scarsdale-Diät an, eine Schroth-, eine Waerland- oder eine Vier-Jahreszeiten-Kur, oder ich tröste mich mit Anne Calatin und glaube einfach daran, dass ich nur von bestimmten Nahrungsmitteln dick werde, und zwar weil ich gegen sie allergisch bin. Nur: Welche sind es? Der Schweinebraten? Die Leberpastete? Oder der wässrige Brokkoli?

Ratschläge aus der "Frohmedizin"

Ich bin komplett verwirrt. Es gibt Diäten, die setzen auf fettreiche Kost, auf Sahne, auf Öle, auf Eier und Butter, auf dem Speisezettel stehen fetter Käse und Speck, Brot ist verboten, auch Nudeln und Reis. Es gibt Diäten, die schreiben umgekehrt nur Reis vor, oder nur Kartoffeln, oder nur Brot. Es gibt Diäten, die fast nur aus Eiern bestehen, während andere Eier ganz verbieten, man soll Roggen meiden oder alles aus Weizen oder alles Gekochte oder alles Rohe - es ist ein Wahnsinn und vermutlich wäre es am besten, das Essen ganz einzustellen und zu fasten, aber darauf habe ich, jetzt, wo der Winter kommt, gar keine Lust.

Wohin also soll man sich wenden? Manche "Päpste" raten, vornehmlich Eiklar zu trinken, manche empfehlen Stachelbeeren und Wassermelonen, manche warnen vor Bananen, manche vor Äpfeln, andere finden Birnen bedenklich. Womöglich muss ich alle natürlichen Nahrungsmittel streichen und mich an Industriedrinks, Riegel und Instant-Breie halten, an Slim Fast, Multaben, Modifast, Granoslim, Bionorm, Almased. Es ist ein weites Feld.

Andererseits: Will ich eigentlich wirklich so aussehen, geschweige denn daherreden, wie zum Beispiel der phänomenale Dr. Strunz? Wie? Schon vergessen? "Forever young" hieß sein Mega-Bestseller, er steht ein bisschen angestaubt bei uns zu Hause herum. Strunz konnte schreiben, dass es einem immerfort wie Schreien vorkommt, die Kapitel heißen: "Laufen Sie sich jung! Essen Sie sich jung! Denken Sie sich jung!" Und man kann lesen, wie man seine "biologische Uhr zurückdrehen" kann, man bekommt tausend Ratschläge aus der "Frohmedizin" à la: "Nur wer lächelt, verbrennt Fett", beziehungsweise "Öffnen Sie Ihr körpereigenes Kokain-Kästchen". Nun ja, nein danke. Nicht mit mir.

Ermattet schlage ich alle Bücher wieder zu, ich sollte noch heute den Altpapiercontainer mit ihnen füttern. Denn ganz am Ende bleibt doch nur ein einziger Weg, und das wusste ich schon, widerwillig, als ich die Ziffern auf der Waage sah: Weniger fressen, mehr bewegen. Das wär's.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



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