Film-Preview in Berlin Anti-Terror-Sprechstunde bei Doktor Redford

Pro Amerika und Anti-Bush: So charakterisiert Robert Redford seinen neuen Film über den Anti-Terror-Krieg. In Berlin stellte er sich der Diskussion - und Joschka Fischer war ganz angetan: "Von Löwen und Lämmern" zeige präzise die Widersprüche der US-Politik.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es ist ein düsteres Bild der USA, das Robert Redford in seinem neuen Film "Von Löwen und Lämmern" zeichnet. Die Politik hat versagt. Die Medien ebenso. Doch ganz hat er den Glauben an die Selbstheilungskräfte seines Landes noch nicht aufgegeben: Jene nachwachsende Generation, die eine Wende zum Besseren, zu einem vernünftigeren Einsatz der US-Ressourcen herbeiführen könnte - sie hat sich noch nicht entschieden, ob sie den Weg des geringsten Widerstandes weitergehen will. Oder sich doch noch der wahren Werte Amerikas besinnt.

Streep, Redford: Fragen statt Antworten
MGM / 20th Century Fox

Streep, Redford: Fragen statt Antworten

Der Film, an dem Redford als Hauptdarsteller und Regisseur mitwirkte und der im November in Deutschland anläuft, zeigt ein verunsichertes Amerika mitten im siebten Jahr des "Kriegs gegen den Terrorismus". Wie konnte es so weit kommen? Und wie kommen wir da wieder heraus? Diese Fragen stehen über den drei leicht miteinander verwobenen Erzählsträngen.

So sieht sich eine alt gediente Washington-Korrespondentin, umwerfend gespielt von Meryl Streep, während eines einstündigen Gesprächs mit einem aalglatten republikanischen Senator (Tom Cruise) immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie es passieren konnte, dass die Medien, der vermeintliche Wachhund, sich so haben einspannen lassen in Bushs "War on Terror".

Zunächst gelingt es ihr noch, den Senator in die Defensive zu drängen, der ihr eine neue Strategie für den Krieg in Afghanistan in den Block diktieren will, die nun - aber diesmal wirklich! - zum Sieg führen werde. Doch dann dreht der Mephisto-gleiche Politiker den Spieß einfach um und wirft die Journalistin aus der Balance: "Ich habe meine Fehler zugegeben. Aber was ist eigentlich mit euch Medienleuten?"

Am anderen Ende des Landes ringt derweil ein altlinker College-Professor (Robert Redford) um das Engagement eines Studenten: Er will den brillanten jungen Mann dazu bringen, sich einzumischen und sich nicht im bequemen Leben einzurichten. Zugleich versucht der Lehrer wieder gut zu machen, was geschah, als er etwas Ähnliches das letzte Mal versuchte - und unwillentlich zwei seiner Studenten dazu inspirierte, mit der US-Armee nach Afghanistan zu gehen.

Die USA als Puzzle

Der eisige Hindukusch ist denn auch der dritte Schauplatz des Films. Die tragischen Erlebnisse der beiden blauäugigen Freiwilligen, nicht ohne Grund ein Afroamerikaner und ein Hispanic, stehen für die Opfer, die Amerikaner wegen Washingtons ziel- und sinnloser Politik bringen müssen.

Der Film ist ein Kaleidoskop, in dem die Gegenwart des politischen Amerika gedreht und gewendet und aus verschiedenen Puzzlestücken immer wieder neu zusammengesetzt wird. Dabei ist das teilweise beklemmende Werk handwerklich fast altmodisch: Das hervorragende Drehbuch setzt massiv auf Dialoge. Das hat Methode und Hintersinn, denn weil alle Hauptfiguren auch als Phänotypen verstanden werden können, spiegeln ihre Gespräche ganze gesellschaftliche Debatten wider - freilich auch solche, die nie wirklich öffentlich geführt wurden.

Das Besondere ist jedoch, wie der Film endet - nämlich gar nicht. Plötzlich ist er vorbei, und was bleibt, ist eine Hausarbeit für das Publikum. Es ist, als würde Doktor Redford zu seinem Patienten auf der Couch sagen: Die Zeit ist jetzt um.

Die Fragen stehen im Raum - und genau das, sagt Redford im Anschluss an die Preview-Vorführung in Berlin, sei seine Absicht gewesen. "Ich glaube nicht daran, in diesem Film Antworten zu geben."

Die Lüge als Werkzeug der Politik

Die anschließende Podiumsdiskussion, an der neben Redford Ex-Außenminister Joschka Fischer und Historiker Heinrich Winkler teilnahmen, war ein Versuch, trotzdem ein paar Antworten zu finden. Oder wenigstens mögliche Deutungen des Films herauszuarbeiten. Sie war vom SPIEGEL organisiert und wurde von Auslands-Ressortleiter Gerhard Spörl moderiert.

Sein Film sei pro Amerika, aber Anti-Bush, machte Redford deutlich. "Ich nehme es geradezu persönlich, dass ich mit ansehen musste, wie unter unserem gegenwärtigen Führungspersonal jene Werte in den vergangenen sechs Jahren ausgehöhlt wurden, mit denen ich aufgewachsen bin", sagte er, nannte als Beispiel das Recht auf freie Rede und eine freie Presse. Heute sei die Lüge offenbar zum Werkzeug der Politik verkommen. Bush und seinen Leuten wirft er vor: "Sie haben die Angstkarte ausgespielt. Das ist das eigentlich Unverzeihbare."

Joschka Fischer, kürzlich nach einer einjährigen Gastprofessur in den USA heimgekehrt, meinte in den Studenten in dem Film sogar seine eigenen Schüler wiedererkennen zu können, die er gerade noch in Princeton unterrichtet habe. Der Film sei eine sehr präzise Darstellung der Widersprüche, mit denen die USA derzeit ringen. Er stelle eine entscheidende Frage: "Gibt es einen Ausweg aus dieser scheinbar ausweglosen Situation?" Weder im Irak noch in Afghanistan könne es eine militärische Lösung geben. Umso schlimmer sei es, dass "Amerika seinen Sinn für das Politische verloren hat und allein auf militärische Stärke setzt".

Ein Film für Europäer?

Der Historiker Winkler, seinerseits seit Jahrzehnten US-erfahren, nannte den Krieg im Irak "den vermeidbarsten seit Jahrzehnten" - teilte aber die Ansicht, der Film sei überhaupt nicht anti-amerikanisch, sondern zeige eben "das andere Amerika".

Dieses "andere Amerika" freilich, das so viel mehr nach "Old Europe" schmeckt als Bushs USA, wird wiederum von kaum einem Hollywood-Titanen so gut repräsentiert wie von Redford selbst, der abseits der Star-Ghettos in der Provinz lebt und unabhängige Filmemacher fördert. So wundert es kaum, dass der Film ausgiebig beklatscht wurde. Redford berichtete, auch in Rom sei sein Werk gut angekommen.

Es ist ja auch ein guter Film, könnte man sagen. Aber im kriegs- und Bush-kritischen Europa würde er wohl auch reüssieren, wenn er schlechter wäre. "Haben Sie einen Film für Europäer gedreht?", wollte SPIEGEL-Mann Spörl deshalb wissen. Das hoffe er nicht, sagte Redford. Im Gegenteil, er hege die Hoffnung, auch dem heimischen Publikum etwas zu sagen zu haben.

Allerdings seien seine Illusionen, dass Filme Politik beeinflussen können, auf Grundlage eigener Erfahrung verloren gegangen. Bei früheren politischen Werken habe er noch erwartet, sie würden etwas verändern. Erfolglos. "Schon eher beeinflusst Kunst wohl Mode", scherzte er: Der Schnurrbart, den er in "Butch Cassidy and the Sundance Kid" getragen habe, ja, der habe eine Welle ausgelöst.

Das war dann vielleicht doch etwas tief gestapelt. In den USA ist "Von Löwen und Lämmern" schon jetzt ein Thema.



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