Von Christoph Cadenbach
Im Kinofilm "Robin Hood – König der Diebe" gibt es eine Szene, in welcher der übellaunige Sheriff von Nottingham überlegt, wie er seinen Erzfeind Robin Hood möglichst schmerzhaft ins Jenseits befördern kann. "Ich werde ihm das Herz mit einem Löffel herausschneiden", zischt er schlangenzüngig. "Warum nehmt ihr nicht eine Axt?", will sein nichtsnutziger Cousin, der Guy von Gisbourne wissen. "Weil es mehr weh tut", antwortet der Sheriff knapp. Für ihn ist der Löffel ein Folterinstrument.
Eine richtige Feststellung, die direkt zum gestrigen Finale der ProSieben-Sendung "The next Uri Geller" überleitet. Der Namensgeber dieser Castingshow-Mutation quält seit mehr als 30 Jahren ein weltweites Publikum mit der Deformation des Suppenbestecks. Auch gestern Abend war der Löffel wieder Leitmotiv. Er rieselte als Animation vor jeder Werbeunterbrechung über den Fernsehschirm, und ein besonders krummes Exemplar war in die gläserne Siegertrophäe eingelassen.
Es ist schon desillusionierend: Wenn man über Uri Geller schreibt, kommt man am Löffel nicht vorbei. Dabei war das Essbesteck doch ursprünglich Ausdruck zivilisatorischen Fortschritts. Anders bei Uri Geller: Wenn er seinen Lebens-Trick vollführt und den Löffel zwischen Stiel und Laffe entzweit, zerbricht er damit gleichsam ein Stück Kultur. Denn wie soll man seine Suppe ohne Löffel essen? Etwa mit den Händen? So brockt uns Geller in gewisser Weise eine handfeste Fastfood-Kultur ein. Und so schlapp und fad wie ein billiger Burger, so blieb auch seine zweieinhalbstündige Show dem Zuschauer im Magen liegen.
Moderator Stefan Gödde hatte gleich zu Beginn gesagt: "Wir haben einen langen Abend vor uns", was man durchaus als Warnung verstehen konnte. Die drei Finalisten, die um die Gunst des TV-Publikums und 100.000 Euro Preisgeld stritten, passten sich nahtlos ihrem Zaubervorbild Uri Geller an. Ihre Tricks waren das Gegenteil von kurzweilig.
Vincent Raven, ein Alchemisten-Abklatsch mit Patrick-Swayze-Frisur, ließ sich in einen Sarg einsperren, plapperte trotzdem bedeutungsschwanger weiter und wurde natürlich nicht abgebrannt; Nicolai Friedrich, Typ Huckleberry Finn, saß mit verbundenen Augen in einem Flugzeug und beharrte anschließend darauf, es selbst gesteuert zu haben; und der als "Mr. Cool" vorgestellte, clowneske HipHop-Magier Farid fiel vor allem dadurch auf, dass er immer, wenn die Kamera ihn filmte, notorisch die linke Augenbraue nach oben riss.
Auf die Darbietungen der selbsternannten "Mentalisten" angesprochen, fiel den Promi-Paten der Zaubertrick-Imitationen, Katja Flint und Erol Sander, nur "gruselig" und "schockierend" ein. Das passte, auch wenn sie es wahrscheinlich gar nicht böse gemeint hatten.
Weinen und Wegschalten
Wirklich beeindruckend an "The next Uri Geller" war nur, mit welcher Ernsthaftigkeit ProSieben diese Show betreibt. Weder dem Moderator noch den Kandidaten noch den Studiogästen kam ein Schmunzeln über die Lippen. Dabei waren die Zaubertricks so glaubwürdig und spannend wie Waschmittelspots in der Werbepause. Ob Model Lena Gercke, die Nicolai Friedrich bei seinem Blindflug zur Seite stand, oder die Home Boys von Farid, die mit ihm ein Auto zum Schweben brachten: Sie alle guckten so angestrengt ernst in die Kamera wie miese Laiendarsteller bei Reality-Soap-Formaten auf Viva und MTV.
Und das unterscheidet "The next Uri Geller" von anderen Castingshows wie "Deutschland sucht den Superstar" oder dem "Dschungelcamp". Dort kann man wenigstens ab und zu ein bisschen lachen, hier muss man nur weinen und wegschalten – wie es immer mehr Zuschauer in den vergangenen Wochen getan haben. Die Quote fiel um rund 25 Prozent. Leider wird über eine Fortsetzung dennoch nachgedacht.
Die Peinlichkeit des verlogen Wahrhaftigen scheint indes nur ein Tier erkannt zu haben: Der Rabe von Vincent Raven erleichterte sich gelegentlich auf den Studioboden.
Von einem wie Uri Geller kann man selbstironische Einsicht natürlich nicht mehr erwarten. Der Autor von "Mein Wunder-volles Leben. Die Autobiographie eines Mega-Stars" hat längst jegliche Erdung verloren. Dieser Nostradamus auf QVC-Niveau wird vermutlich auch noch die nächsten 30 Jahre den löffelschwingenden Foltermeister geben.
Zu seinem rechtmäßigen Nachfolger wurde gestern Abend übrigens Rabenvater Vincent Raven telegevotet. Er ist der "next Uri Geller". Ein Kompliment ist das beileibe nicht.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH