Von Sebastian Hammelehle
Bevor das Wort Medienkrise erfunden wurde, galt der Beruf des Journalisten als glamouröses Metier. Eine ganze Fernsehserie drehte sich darum, den Alltag eines Münchner Boulevardreporters zu überhöhen - der bestand, wenn man sich an "Kir Royal" erinnert, vor allem aus Schaumwein, dem genussvollem Abschuss der publizistischen Beute und einem gelegentlichen Techtelmechtel auf der Couch.
Jetzt werden diese Insignien versteigert - nicht vom fiktiven Blatt der Serienfigur Baby Schimmerlos, sondern von der "Financial Times Deutschland": Beim Online-Auktionshaus Ebay bietet die Redaktion der kürzlich von Gruner + Jahr eingestellten Wirtschaftstageszeitung unter anderem eine Flasche Champagner ("zur Erstausgabe vom 21. Februar 2000"), einen Schaukasten mit aufgespießten Heuschrecken ("aus dem Besitz des Chefredakteurs") - und ein Sofa ("exclusiv mit 'FTDs' beklebt") an.
Es mag Redakteure geben, die ihr Berufsleben auf Bürostühlen zubringen, vor sich eine Tasse lauwarmen Filterkaffee - und im Chefbüro hängt, wie einst bei Kai Diekmann bei der "Welt am Sonntag", ein Zeitungsausriss mit dem durchgestrichenen Foto eines zum Rücktritt getriebenen Bundesministers. Die Redaktion der "FTD" aber, so scheint es angesichts der Ebay-Auktion, betrieb ihr Geschäft mit jener Noblesse, die das lachsfarbene, vom Londoner Mutterblatt übernommene Zeitungspapier gebot.
Bernsteinzimmer des deutschen Journalismus
Nicht ganz zeituntypisch - war das Blatt doch ein publizistisches Kind der Schröder-Ära, jener Zeit, als der Brioni-Anzug wichtiger war als die Anbindung an die Basis, der Champagner im Eisfach idealtypischer Bestandteil jeder Ich-AG und Journalismus ohne die Vorsilbe Pop kaum mehr denkbar.
Die Anfänge des Pop-Journalismus, der nichts mit schnödem Musikjournalismus, aber sehr viel mit der Selbststilisierung von Autoren zu Popstars zu tun hat, allerdings liegen in jener Zeit, in der auch "Kir Royal" spielte: den Achtzigern. Damals kam mit "Tempo" eine stilprägende Illustrierte auf den Markt, die selbstverliebter war, aber auch deutlich unterhaltsamer als die etablierten Medien. Die "FTD" war - ihr Misserfolg legt es nahe - das zu spät gekommene Kind der achtziger und neunziger Jahre.
Auch "Tempo" wurde eingestellt. Auch hier blieb ein Möbelstück übrig: ein Sofa. Auch das, zum mythischen Objekt überhöht, fand damals einen neuen Besitzer, geriet später angeblich gar in den Besitz eines Berliner Chefredakteurs und wird dereinst, wenn das Bernsteinzimmer des Journalismus im Deutschen Historischen Museum rekonstruiert wird, von jenen kommenden Generationen bestaunt, die Medien nur noch vom Touchscreen kennen. Gleich daneben steht dann übrigens das nicht weniger mythische rote Sofa der "taz", auch das wurde einst versteigert.
Was bis dahin mit "FTD"-Champagner und der Heuschreckensammlung des Chefredakteurs passiert? Als Spekulationsobjekt sind sie angesichts ihrer Geschichtsträchtigkeit von höchstem Interesse - und damit wohl renditeträchtiger als es die bislang letzte Zeitungsneugründung auf deutschem Boden je war.
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