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23. November 2012, 14:02 Uhr

Aus für die "Financial Times Deutschland"

Der Lachs im Karpfenteich

Von Christoph Sydow

Die "Financial Times Deutschland" ist gescheitert, nach fast 13 Jahren verschwindet die Wirtschaftszeitung vom Markt. Das Blatt wollte anders sein als die Konkurrenz - wacher, meinungsfreudiger. Trotzdem gelang es ihr nie, genügend Leser zu gewinnen.

Am Ende ist die "Financial Times Deutschland" so geworden, wie ihr Gründungschefredakteur Andrew Gowers sie immer haben wollte. Das Blatt ziele auf "den Leser, der Wichtigeres zu tun hat, als Zeitung zu lesen", hatte der Brite vor dem Start der "FTD" am 21. Februar 2000 selbstbewusst erklärt.

In den vergangenen Jahren wuchs die Zahl derer, die offenbar Wichtigeres zu tun hatten, als die lachsfarbene Zeitung zu lesen. Immer weniger Menschen wollten das Blatt abonnieren - zwischen dem dritten Quartal 2006 und dem dritten Quartal dieses Jahres sank die Abonnentenzahl von mehr als 62.000 auf knapp 42.000. Kurz nachdem das Blatt vor zwölf Jahren auf den Markt gekommen war, kauften es pro Tag knapp 11.000 Menschen am Kiosk - zuletzt waren es kaum mehr als 3.000. Zwar liegt die Gesamtauflage des Blattes seit Jahren relativ stabil über der Marke von 100.000, doch immer mehr Exemplare verteilte der Verlag kostenlos. Im vergangenen Quartal lag die Zahl der Bordexemplare bei mehr als 46.000 - also höher als die Zahl der Abonnenten.

Dabei war die "FTD" kurz nach dem Jahrtausendwechsel mit dem Ziel angetreten, die führende Wirtschaftszeitung in Deutschland zu werden. Sie wollte meinungsfreudiger sein als etablierte Blätter, nicht so behäbig, konfrontativer. Es war die Zeit, als ehemalige Staatsunternehmen wie die Telekom "Volksaktien" auf den Markt warfen und Politik und Wirtschaft den Eindruck erweckten, künftig müsse jeder Bundesbürger ein eigenes Wertpapierdepot besitzen, um damit später einmal seine dürftige Rente aufbessern zu können. Für diese Klientel wollte sich die "FTD", die erste neugegründete bundesweit erscheinende Tageszeitung seit der "taz" 1979, unverzichtbar machen.

Entsprechend euphorisch gab sich Chefredakteur Gowers beim Start seiner Zeitung: "Der Markt wächst mit einer Geschwindigkeit, die nicht zu fassen ist", sagte er damals. Innerhalb von vier bis fünf Jahren wollte er das Blatt in die Gewinnzone führen. Doch dazu kam es nie: Die "FTD" blieb Zeit ihres Bestehens ein Verlustgeschäft für das deutsche Verlagshaus Gruner + Jahr und die britische Mediengruppe Pearson. 2008 zogen sich die Briten, die auch das Mutterblatt "Financial Times" verlegen, aus dem Joint Venture zurück. 15 bis 20 Millionen Euro soll Gruner + Jahr damals für 50 Prozent der Anteile bezahlt haben.

Ärger um die Wahlempfehlung

In Alleinregie verzahnte das Hamburger Verlagshaus die "FTD" enger mit ihren anderen Wirtschaftsmedien "Capital", "Börse Online" und "Impulse". Vor vier Jahren legte Gruner + Jahr die Redaktionen der vier Blätter sogar zusammen. Doch auch die angestrebten Synergieeffekte brachten keinen wirtschaftlichen Erfolg. Insgesamt soll sich das Defizit, das die Zeitung im Laufe der Jahre angehäuft hat, auf 250 Millionen Euro belaufen.

Daran konnten auch die wechselnden Chefredakteure wenig ändern. Gowers stieg schon nach einem Jahr zum Editor der "Financial Times" in London auf, seine Nachfolge übernahmen Christoph Keese und der heutige SPIEGEL ONLINE-Kolumnist Wolfgang Münchau. Der wechselte 2003 ebenfalls zum Mutterblatt nach London, Keese wurde 2004 Chefredakteur der "Welt am Sonntag". Seit August 2004 führt Steffen Klusmann die "FTD"-Redaktion.

Von Anfang an wollte die Zeitung vieles anders machen als die Konkurrenz. Unter anderem gab die "FTD" ihren Lesern nach US-Vorbild Wahlempfehlungen. Doch gleich im ersten Versuch führte dieses Vorhaben zum Eklat. Die Chefredaktion setzte zur Bundestagswahl 2002 eine Wahlempfehlung für die Union durch, obwohl sich ein Großteil der Redaktion für die Grünen ausgesprochen hatte. Entsprechend verbittert äußerten sich einige Redakteure: "Wenn die die Union wollen, dann sollen sie mit ihrem eigenen Namen unterschreiben", sagte damals ein Mitarbeiter in Richtung Chefredaktion. Bei der Bundestagswahl 2005 empfahl die "FTD" die FDP, vier Jahre später die Union. "Wenn die 'Financial Times Deutschland' sich eine Wunschkoalition zusammenstellen könnte, dann wäre diese schwarz-grün", erklärte das Blatt damals.

Mit der immer bürgerlicheren Ausrichtung der Grünen und angesichts der aktuellen Umfragewerte ist eine schwarz-grüne Bundesregierung nach der Wahl 2013 zumindest rechnerisch möglich und politisch vorstellbar. Die "FTD" wird dieses Kapitel der deutschen Politik jedoch nicht mehr erleben.

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