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Finanzkrisen-Talk bei Anne Will: Wenn Sprechblasen platzen

Von Reinhard Mohr

Wenn die Riesenblase platzt - platzt im Talkshow-Studio nicht einmal ein Kragen: Zwar überboten sich die Gäste bei Anne Will mit wortreichem Palaver über kriminelle Banker, aber ernsthafte Konsequenzen wollte niemand ziehen - auch nicht der Bundeswirtschaftsminister.

Es ist kein gutes Zeichen, dass auch passionierte Leser des Feuilletons inzwischen zuerst zum Wirtschaftsteil greifen. Galt die gute alte "neue Unübersichtlichkeit", ein Wort des Philosophen Jürgen Habermas aus den achtziger Jahren, noch einer intellektuellen Form postmoderner Desorientierung, so herrscht nun das Chaos ganz handgreiflich und materiell: globale Finanzkrise, Bankencrash und Rezession sind die Stichworte, und fast jeder jongliert mit Begriffen wie "Subprimes", "Leerverkäufe" und "Zertifikate".

Wirtschaftsminister Glos (CSU), Talkmasterin Will: "Warum zahlen wir für die Versager?"
NDR

Wirtschaftsminister Glos (CSU), Talkmasterin Will: "Warum zahlen wir für die Versager?"

Gleichwohl weiß niemand, wie es weiter geht. Allmählich greift Angst um sich, und dass jetzt Angela Merkel uns allen sichere Spareinlagen verspricht, macht es nicht wirklich besser. Wenn man die Augen ein wenig zusammen kneift und den persönlichen Zeitraffer betätigt, kann man sich den dreistündigen Kinofilm von Oliver Stone – "Das Ende des amerikanischen Kapitalismus" – schon vorstellen. In der Hauptrolle als Oberschurke aller New Yorker Investmentbanker unvermeidlich: Michael Douglas; dazu als Tagebuch schreibende Börsennudel mit Schuhtick: Sarah Jessica Parker.

Gestern Abend mussten wir noch mit Anne Will Vorlieb nehmen. Der Titel ihrer ARD-Talkshow war immerhin "Bild"-kompatibel schmissig: "Turbokapitalisten außer Rand und Band. Warum zahlen wir für die Versager?"

Rasch erwies sich allerdings, dass noch einmal all das gesagt wurde, was in den letzten Tagen und Wochen schon oft gesagt wurde – nur eben noch nicht von allen. Ein neuer Konsens scheint sich gebildet zu haben, ein Cantus Firmus des Zorns, eine ungläubige, ohnmächtige Wut auf die Riesenwelle der Geldvernichtung: kollektives Luftablassen nach dem Schock, der in Schüben kam.

Michael Glos, Bundeswirtschaftsminister und Mitglied der bayerischen Sponti-Gruppe CSU, beklagte das "verbrecherische Zusammenspiel" von Rating-Agenturen und Investmentbanken und verteidigte dennoch den "Risikoschirm" für die schwer angeschlagene Hypo Real Estate. Das Fehlverhalten von Banken müsse jedoch Folgen haben. Gleich zweimal stellte er fest: "Dies ist die schwierigste Finanzkrise in den letzten 50 Jahren."

Eine Jahrhundertkrise also. Auch Gerd Häusler, Ex-Vorstand der Dresdner Bank und jahrelang Kapitalmarktmanager beim Internationalen Währungsfonds, betrieb harsche Managerschelte. Nüchtern urteilte er: "Das ist eine Krise mit Ansage." Vor allem die Niedrigzinspolitik der amerikanischen Notenbank habe die katastrophale "Schuldenpyramide" geradezu provoziert: "Alan Greenspan war einer der schlechtesten Notenbanker aller Zeiten." Und: "Schlecht geführte Banken" müssten auch den "Marktaustritt" gewärtigen, kurz: die Pleite. Längst schon hätte es auch in Deutschland Entlassungen der Verantwortlichen hageln müssen.

Auch mal eine Bank pleitegehen lassen

"Kriminell" nannte der langjährige SPD-Sozialexperte Rudolf Dreßler das Verhalten von Bankern, die, wie bei der Hypo Real Estate, binnen weniger Tage an immer neuen Stellen gähnende Milliardenlöcher entdecken, für die am Ende der Staat aufkommen soll. Empört wies er auf die großen Gesänge der "Privatisierer" hin, die nun, in der Not, nach der Regierung rufen. Für den Normalbürger seien diese weithin "abstrakten Vorgänge" nicht mehr nachvollziehbar. Die Politik aber habe "die Finanzwirtschaft in den letzten Jahren gedeckt".

Selbst der frühere österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser, inzwischen ein Fondsmanager, dem in einer anonymen Strafanzeige Betrug und Untreue vorgeworfen wird, reihte sich in die Fronde der Turbokapitalismus-Kritiker ein und empfahl, auch einmal eine Bank pleitegehen zu lassen, wenn keine unmittelbare Kettenreaktion zu befürchten sei. Falsche Gewinnanreize hätten dazu geführt, dass Investmentbanker in vier Jahren mehr Geld verdient hätten als sonst in ihrem ganzen Leben. Im Übrigen habe "die Bankenaufsicht bemerkenswert geschlafen". Im Grundsatz müsse gelten: "Zuerst muss der Finanzsektor selber geradestehen für das, was passiert ist", und die Verantwortlichen müssten persönlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Schön gesagt, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Weltweit rücken die staatlichen Feuerwehren aus und versuchen zu retten, was zu retten ist. Selbst eben noch als "neoliberal" geltende Regierungen sind dabei, Banken ganz oder teilweise zu verstaatlichen, letztlich auf Kosten der Steuerzahler.

Mantra der Deregulierung der Märkte

Sven Giegold, Mitbegründer von Attac und Neumitglied der Grünen, wies mehrfach auf diesen Punkt hin: An dieser "Krise des globalisierten Kapitalismus" sei auch jene Politik schuld, die seit Jahren die Freiheit und Deregulierung der Märkte zu ihrem Mantra erhoben habe. Was eben noch bestritten worden sei, werde nun hektisch praktiziert und plötzlich von allen gefordert: mehr Bankenaufsicht, mehr Transparenz, strengere Regeln für die internationalen Finanztransaktionen.

Wirtschaftsminister Glos schloss sich an: "Ich wundere mich über all die Bankprüfer, über die BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht; Anm. d. Red.) und auch die Bundesbank." Dort hat offenbar niemand jene "Riesenblase" kommen sehen, vor der viele Experten schon lange gewarnt haben. Zwei-, ja dreistellige Milliardenrisiken blieben unentdeckt.

Auf die Frage Giegolds, warum Glos dann nicht selbst die notwendigen Kontrollmechanismen per Gesetz verstärkt habe, wich der müde Minister, gerade aus Hongkong zurück, lieber aus: Es gehe wie immer um das richtige Maß zwischen Freiheit und Regulierung.

An dieser strategischen Nahtstelle zwischen der Freiheit des Marktes und der Notwendigkeit einer ordnenden Hand, die die Diskussion der nächsten Monate bestimmen wird, hätte die Runde in die Tiefe gehen müssen.

Leider Fehlanzeige.

Stattdessen schritt Anne Will zum weißen Betroffenensofa, auf dem ein Opfer der Lehman Brothers saß. 22.000 Euro hat der Mann verloren, der seinem Berater von der Citibank vertraute. Eine schlimme Sache, aber man hätte sich gewünscht, dass auch einmal ein aktiver Top-Banker den Mut besessen hätte, sich der Öffentlichkeit und ihren Fragen zu stellen. Nicht zuletzt der sachlichen Aufklärung wegen. Allein, die "Drückeberger", wie sie Rainer Hank in der FAZ nannte, verhalten sich so feige wie ertappte Sünder und schicken andere vor.

Enteignungen, Verstaatlichungen, Planwirtschaft

Kritik an der fiskalischen "Leichtfertigkeit" der Amerikaner fällt da leichter, und was soll ein Ex-Banker auf die pseudoprovokative Frage von Anne Will – "Wie peinlich ist Ihnen Herr Ackermann gelegentlich?" – schon sagen? Den vom Deutsche-Bank-Chef vorgeschlagenen europäischen Rettungsplan lehne er jedenfalls ab, bekannte Gerd Häusler.

Anne Wills Frage, ob der Kapitalismus nun am Ende sei, blieb unbeantwortet. Wir vermuten mal: Es wird schon weitergehen mit ihm. Jedenfalls schlug niemand in der Runde flächendeckende Enteignungen, Verstaatlichungen und die Einführung einer weltweiten Planwirtschaft vor. So blieb es bei Appellen in dieser "traurigen Stunde für die Marktwirtschaft" (Ex-Banker Häusler).

"Eine neue Kultur" im Finanzsektor forderte Karl-Heinz Grasser, und Rudolf Dreßler verlangte eine "mentale" wie "moralische" Korrektur. Ein erster Schritt, so der SPD-Politiker außer Diensten, wäre schon mal die Abschaffung des täglichen Börsenfernsehens in der ARD kurz vor der Tagesschau.

Da war sie wieder, die Austreibung der Wirklichkeit durch die Zerschlagung ihres Spiegelbildes. Ein schöner Gedanke.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 133 Beiträge
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1. Mit Spannung erwartet
pappel 06.10.2008
um dann irgendwann wegzuschalten. Da hat Frau Will die Möglichkeit ein paar Fakten aus Glos und co rauszuholen und dann lässt jeden Gast einfach seine Blasen und Phrasen erzählen. Vielleicht wurden es ja irgendwann besser (habe bis zum Betroffenheitssofa gesehen), aber dann habe ich es nicht mehr ertragen. Das Team um Frau Will gehört ausgewechselt und die Redakteure gefeuert. Ich freue mich schon auf die nächste Hart aber Fair Sendung!!!
2. ..
rosarinimara 06.10.2008
wenn Mohr die Antwort auf die Krise weiß soll er uns doch an seinem sprühenden Ideenreichtum teilhaben lassen. Warum lädt ihn eigentlich keiner ein? Etwa weil er der Sprechblasenmann ist? Der Attacmann hat doch äusserst klare Worte gefunden, ebenso Grasser hat theroretisch richtige Sachen gebracht, dass er natürlich mit seiner Klage am Hals seine Glaubwürdigkeit verspielt is was anderes...
3. Es paßt doch prächtig ins gegenwärtige bundesdeutsche Bild:
sapientia, 06.10.2008
Zitat von sysopWenn die Riesenblase platzt - platzt im Talkshow-Studio nicht einmal ein Kragen: Zwar überboten sich die Gäste bei Anne Will mit wortreichem Palaver über kriminelle Banker, aber ernsthafte Konsequenzen wollte niemand ziehen - auch nicht der Bundeswirtschaftsminister. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,582343,00.html
Eine thematisch überforderte, nicht hinreichend informierte und thematisch nicht strukturierende, offenbar am Ende befindliche Anne Will. Herr Glos ist jener, welcher die Wahrheit am besten ans Tageslicht befördert und widerspiegelt: Keine Ahnung, keine Beunruhigung, keine Teilnahme an wichtigen Krisengesprächen, ein bißchen Teatime-Präsenz, ein bißchen abwehren, falls jemand auf die Idee kommt, den Ursachen auf den Grund zu gehen - die personifizierte Interessenslosigkeit. Nicht zu fassen, daß so ein Mann Wirtschaftsminister ist - der schlafende Garant dafür, daß andere verrückt spielen können? Dreßler hat noch den richtigen Riecher, ist aber im Ruhestand. Offenbar gibt es derartige, aber jüngere Leute in der Politik nicht mehr. Und nachdem der interessante ATTAC-Mann dann mehrfach erfolgreich geblockt wurde, ließ man die Sendezeit verstreichen, um mal zusammen zu sehen, was es danach im Fernsehen so gibt - TOLL! Es ist doch beschämend, was dem Fernsehzuschauer angeboten wird: Nachdem der Zug seit Wochen entgleist ist, lädt man jetzt die hintersten Reihen ein um festzustellen, daß irgendwo etwas entgleist sein soll. Solche Sendungen in solchen politischen Situationen kann man sich wirklich ersparen!!!!
4. ...
medienquadrat, 06.10.2008
mooooooooooooooooooment mal! Was Dressler mit seiner "moralisch-etischen Wende" meinte, das sollte man hier nun wirklich nicht unterdrücken. 10% der deutschzen haben überhaupt Wertpapiere. Davon vermutlich der überwiegende Teil ein Portefeuille, das den Namen nicht wert ist. Trotzdem leisten sich sich die Medien für den täglichen bericht über die weltweiten Börsen einen Sendeaufwand, der jedem impliziert, dass der Wertpapierhandel eigentlicgh das ist, worum sich die Welt dreht und, wer da nicht mitmacht eigentlich als Mensch keinerlei Existenzberechtigung hat. Nicht einmal der Wetterbericht kann soviel Euphorie oder Entsetzen bei ALLEN Fernsehzuschauern hervorrufen, wie der Umstand, dass das possierliche Daxtier entweder aktuell klettert oder just mal eben vom Stamm zu rustchen droht. Wenn man sich diese alberne Massenhysterie bei Menschen vergegenwärtigt, die gar nicht wissen, worum es überhaupt geht, dann könnte man glatt bescheuert werden! Und dieses ganze Affen-..., sorry, Dax-Theater hat sich jetzt auch noch aus der Matrix gestohlen und sich in der Realität manifestiert. Leute, wer Dressler kennt, der möchte zwar dran glauben, dass er gerne so wortgewandt poltert, aber wer ihn richtig kennt, der entdeckt hinter seinem Entsetzen über das, was da abläuft soviel agressive Hilflosigkeit, dass man sich unwillkürlich fragt, warum der Mann sich keinen Bombengürtel umgeschnallt hat und mal eben auf dem Frankfurter Pakett einen kleinen Besuch abgestattet hat. Jeder Superlativ im Ausdruck seines persönlichen Entsetzens und seiner Abscheu kann nur ein unbedeutender Abklatsch sein, von und zu dem, was uns semikriminelle Individuen in Wirtschaft und Politik zugemutet haben und ausbaden lassen. Die wahren Auswirkungen dieses Finanzdesasters werden aktuell nicht uns treffen, sodnern die Menschen, die eh schon Zeit ihrer Existenz nicht genügend zu Essen haben, die 75% Menschen weltweit, denen die "reichen" Staaten zukünftig auch die Zuwändungen kürzen müssen. Man wird uns darob wütend überrollen und uns den Vorwurf machen, die Not der 3. Welt leichtfertig noch vergrößert zu haben. Man wird uns mit Kriegen überziehen und mit Terror. Für das, was wenige Habgierige angerichtet haben, wird man uns kollektiv in Haftung nehmen, und keine Erklärung wird sie davon abhlaten können - weil es keine Erklärung gibt, außer staatlich und gesellschaftlich anerkannter Habgier!
5. Nix zu tun? Von nix gewusst?
Björn Borg 06.10.2008
Zitat von sysopWenn die Riesenblase platzt - platzt im Talkshow-Studio nicht einmal ein Kragen: Zwar überboten sich die Gäste bei Anne Will mit wortreichem Palaver über kriminelle Banker, aber ernsthafte Konsequenzen wollte niemand ziehen - auch nicht der Bundeswirtschaftsminister. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,582343,00.html
Wieso eigentlich sitzt der Bundeswirtschaftsminister in einer Talkshow, während anderswo ein Krisengipfel zur Rettung des Finanzmarktes stattfindet? Und wieso sind nicht einmal die Namen derjenigen gefallen, die bei der HRE für die Katastrophe verantwortlich sind? Da wäre zum Beispiel Bettina von Österreich zu nennen, die als einzige Frau im Vorstand für das Risikomanagement verantwortlich war... Man schaue sich den Geschäftsbericht der HRE für 2007 einmal gründlich an, die dort genannhten Vorstände, Aufsichträte, Wirtschaftsprüfer... ...und man überlege sich, was einem Privatmenschen droht, der nicht in der Lage ist, seinen Autorkredit von 10.000 Euro zurückzuzahlen. Der kann sich in unserem Land einen Strick nehmen... Waaah!!!
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