Mangelnde Menschlichkeit Wir werden einsam sein

Hauptsache, der nächste Handyfilm wird gut: Wenn es im echten Leben nicht rund läuft, inszeniert man sich im Netz eben neu. Und die Oma wird in ein Heim im Ausland abgeschoben.

Ferien oder Altenheim?
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Ferien oder Altenheim?

Eine Kolumne von


Haben Menschen, die zufällig in einem Land geboren wurden, verbindende Merkmale? Sind sie ähnlich geformt durch Erziehung, Geschichte, Klima, Architektur Bildung und Politik? Und wenn es so etwas gibt - sind die deutschsprachigen Europäer pünktlich, fleißig, zuverlässig - oder einfach nur großflächig empathieunfähig? Da sind zum Beispiel die Eltern. Sie sind alt. Sie werden in Heime ausgelagert. In schöne Heime. Mit Licht und fließend Wasser. Im Ausland. Wie in den Ferien.

Immerhin. Man könnte die Alten auch an der Autobahntankstelle aussetzen. Da ist es doch besser in einem Heim. Einer Anstalt. Das ist vernünftig. Denn die Wohnung der Kinder ist zu klein, die Eltern wollen nicht stören und ihre Selbstständigkeit behalten. Das Geld langt nicht, die da oben sind schuld, sie brauchen Betreuung, sie wollen unter Gleichaltrigen sein. Die Alten. Und die Kinder haben ihr Leben, das ist schwer genug in diesen Zeiten, die wie alle Zeiten die schrecklichsten Zeiten sind, und Familie kann man sich nicht aussuchen.

Mitunter gibt es triftige Gründe. Die eigene Armut, eine Krankheit, ein Elend. Oder die Alten waren Monster. Oft aber ist es eben einfach - lästig. Am Umgang mit den Schwachen einer Gesellschaft erkennt man deren Zustand. Der Zustand der Gesellschaft ist, freundlich gesagt, unerfreulich. Menschlichkeit wird gerade zu einem sinnentleerten Begriff, da Menschen Unfälle filmen, statt zu helfen, Sanitäter angreifen, Feuerwehrleute bespucken, sich über die Sirenen von Krankenwagen beschweren, den Lärm von Kinderspielplätzen bekämpfen oder direkt Kinder, über Sterbende am Boden steigen.

Verlässlich, pünktlich, effektiv und unglaublich gestresst

Normal. In dieser schrecklichen Zeit, in der wir alle Angst haben müssen zu sterben. Wenn wir genug Angst haben, wird das ausbleiben. Dann wird alles gut werden. Zu diesem Dauervibrieren der Nervosität passt es doch, dass die Zahl der Kindesmisshandlungen steigt.

Verlässlich, pünktlich, effektiv und unglaublich gestresst scheint der Mensch des deutschsprachigen Europa, da ist keine Zeit für Sorgfalt und Kitsch, da ist nur Zeit für den guten Handyfilm, den man ins Netz stellt, um ein paar Likes von Unbekannten abzuholen. Ist das Leben der meisten so erbärmlich, dass man es im Netz noch mal versuchen will?

Noch mal richtig durchstarten im Web mit der Person, die man gerne wäre, mit Freunden, denen man eben nicht helfen muss, die man nicht vom Boden kratzen, nicht betreuen muss, und mit ihnen reden muss man schon gar nicht. Man kann sie anschreien, die neue Familie, kann mit ihnen eins sein in seiner Angst.

Die Erde ist flach, Europa schafft sich ab, und bis es so weit ist, machen sich Menschen über die hohle Floskel Menschlichkeit lustig oder über ein drittes Geschlecht, weil sie zu träge sind, danach zu suchen, nach der Bedeutung. Steht nicht auf Facebook, wissen die neuen Freunde nicht, muss Mist sein, muss man hassen wie alles, was unverständlich ist und Bedrohung.

Bedrohung von was? Von Werten? Welche Werte? Kinder prügeln, Alte abschieben, über sterbende Rentner steigen, Radfahrer umnieten und dann ein Foto davon machen. Lebt es sich wirklich angenehmer so, so allein, allein mit dem virtuellen Bekannten? Lächeln die? Umarmen die einen? Sind sie glücklich, wenn man den Raum betritt? Diese Zeit ist die schrecklichste aller Zeiten. In der so viele einsam sein werden, zu Recht.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 121 Beiträge
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sametime 18.11.2017
1. Schwarzmalerei
Es hat schon immer schlechte bzw. dumme Menschen gegeben, aber auch schon immer gute. Unabhängig vom Internet. In der Vorinternetzeit hätten Sie wahrscheinlich den gleichen Artikel geschrieben, nur TV statt Internet genommen. Hauptsache meckern und alle in einen Topf werfen. Mal wieder ein typischer Beitrag mit dem Thema: Früher war alles besser. Früher war nicht alles besser, früher war einfach nur früher.
mac4me 18.11.2017
2. Die kosmopolitische Generation...
...weltoffen, aber selektiv. Die bevorzugten Objekte der Menschlichkeit sucht man sich aus. Wer nicht funktioniert, wird abgeschaltet. Im Internet genügt ein Klick, im realen Leben wird die Kommunikation eingestellt. Es gibt nur zwei Optionen: Zustimmung oder Nicht – Kommunikation. Und wenn es die eigenen Eltern sind, diese Populisten, das findet man höchstens schulterzuckend traurig. Die Welt ist ein großes Warenhaus, man kann sich alles aussuchen. Es gibt keinen Zwang, sich auseinanderzusetzen. Und familiäre Bande zählen schon mal gar nicht. Dazu gehört nur, was oder wer passt.
ede-wolff 18.11.2017
3. Chapeau!
.., Frau Berg! Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal zu einer Ihrer Kolumnen sagen könnte. Und gleich vorweg an alle Foristen, die jetzt gleich schreiben werden über: die da oben, die anderen, ... Nein, diese Kolumne geht nicht über "die da", sie geht über UNS, über mich und ja, über Sie! Lasst uns in den Spiegel schauen und uns verändern!
tyxh 18.11.2017
4. Gesellschaft ohne Gott
Tja so ist das in einer Gesellschaft ohne Gott, die nur auf der Rationalität des Geldes beruht ...
wolfgangherman 18.11.2017
5. Dazu kann mann nur Sagen.
Schwarzmalerei? Setze dich an einen belebten Platz und beobachte die Menschen. Wer Ohren hat um zu hören,wer Augen hat um zu Sehen(hinschauen und hinschauen)erlebt genau das und nix anderers. Die Deutschen bestehen nur noch aus den 3 Affen, die meisten sind so. 1.Ich sehe nichts wenn man kein Handyvidio machen kann. 2.Ich höre nix 3.Ich sage nix habe ja nix von
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