FKK-Komödie auf Sat.1 Die Nackten und die Roten

Mach dich frei, zieh dich aus! In der großartigen Komödie "Barfuß bis zum Hals" sucht ein Textilunternehmer aus dem Westen ein paar renitente FKK-Ossis heim. Was im nackten Klamauk hätte enden können, entpuppt sich als deutsch-deutscher Befreiungstrip mit politischen Untertönen.

Sat.1

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Nackte! Am Frühstückstisch, hinter der Wursttheke, auf der Tanzfläche, überall nur Nackte! Nein, das stimmt nicht ganz: Ein einsamer Junge trägt Textil. Denn das ist nun mal die einzige Art, wie Jakob (Constantin von Jascheroff) gegen seinen Vater Helmut (Martin Brambach) rebellieren kann. Die beiden leben im "Sportverein zur Freiheit", einem malerisch zugewucherten Nudisten-Camp im Brandenburgischen. Und natürlich haben sie immer wieder Streit. Morgens rennt der Alte mit wackelndem Gemächt vor die Tür und schreit: "So gehst du mir nicht aus dem Haus!" Der Junge ist schon wieder provozierend zugeknöpft.

Doch Helmut will ja nicht intolerant sein. Manchmal schlurft er ins Zimmer des Sohnes und fachsimpelt über die "Kill Bill"-Plakate an der Wand, die Uma Thurman im Lederdress zeigen. "Jeder lebt eben seine eigene Sexualität", seufzt der Vater da. Später, als die ganze Familie mal wieder nackt im Bad versammelt ist, schlägt er noch vor: "Bring doch mal ein Mädchen mit nach Hause." So viel blanke Zuwendung kann natürlich kein Teenager aushalten. Und überhaupt, wie soll das gehen, ein Wesen aus der Welt der Bekleideten in diese textilbefreite Zone entführen?

Hansjörg Thurn ("Seventeen") hat einen Film über die letzten Kämpfer der Freikörperkultur im Osten gedreht. Was zuerst wie ein Privatfernseh-Gimmick wirkt, entpuppt sich als kluge Komödie, die mit unseren Sehgewohnheiten spielt. Das Nackte, wie schön, erscheint hier bald auch für ausgesprochene FKK-Gegner nicht mehr als Zumutung. Dicke und dünne, schlaffe und muskulöse, braungebrannte und rotgeröstete Körper - sie alle hoppeln hier in fröhlichster Selbstverständlichkeit durchs Gehölz. Keine zehn Minuten, dann geht der Blick des Zuschauers nicht mehr voller Scham in die Lendenregion.

Nichts zu verbergen

Nach zehn Minuten ist dann aber auch leider erst mal Schluss mit nackig und lustig. Denn die befreiten Ossis werden vom verklemmten Wessi aufgesucht, der das Grundstück des Nudisten-Camps erworben hat. Und Dieter (Christoph M. Ohrt) ist nicht nur ein "Textiler", wie die FKKler leicht abfällig den Rest der Menschheit nennen, er ist auch noch Textilfabrikant. Um den neuen Besitzer nicht vor den Kopf zu stoßen, machen die Nackedeis dann wohl oder übel auf Normalo. Doch versuchen Sie mal, in einer FKK-Siedlung eine Badehose aufzutreiben!

Klar, in "Barfuß bis zum Hals" (Buch: Sarah Schnier) wird so ziemlich jede Pointe zum Thema Freikörperkultur ausgereizt. Klamauk darf der 90-Minüter, mit dem sich der in den letzten Monaten im fiktionalen Bereich arg ausgeblutete Sender Sat.1 wieder als Spielfilm-Instanz ins Gespräch bringt, trotzdem nicht genannt werden. Denn bei aller Leichtigkeit schleicht sich sehr schnell geballte deutsch-deutsche Wirklichkeit in die Handlung. Der Freikörperkult wird hier als letzter Rest von Ost-Identität in Szene gesetzt, der nun vom Westen vereinnahmt zu werden droht. Das Nudisten-Camp als gallisches Dorf.

Dass dieses Bild aufgeht, liegt auch an der Feinzeichnung der Figuren. Besonders in Vater Helmut zeigt sich, wie das Ausziehen glaubhaft zum umfassenden Lebensentwurf werden kann. Als Dissident fand er einst im Club der Nackten eine Schutzburg: SED? FKK! Im Grünen konnte man abtauchen vor den Zumutungen des verordneten Sozialismus, und die Spitzeleien des Stasi-Staates mussten offensichtlich ins Leere laufen: Wer nackt ist, hat schließlich nichts zu verbergen. Doch was passiert jetzt mit dem Erbe des FKK-Widerstands? An die Hundestrände, so wird im Film gestöhnt, hat man ihn verbannt!

Mach dich frei, zieh dich an!

Helmut aber pocht auch 20 Jahre nach dem Mauerfall auf sein Anderssein, auf seinen Dissidentenstatus, auf seinen Freigeist. Die Frage, wie viel Freigeist in einem Menschen stecken kann, der den anderen immer zwanghaft die Kleider vom Körper reißen will, stellt er sich allerdings lieber nicht.

Die Geschichte hätte leicht zur Farce werden können. Dass sie es nicht geworden ist, liegt auch an Hauptdarsteller Martin Brambach ("Die Fälscher"), ein Großer, aber leider auch ein Namenloser des deutschen Kinos. Er spielt den widerständigen Ossi in "Barfuß bis zum Hals" würdig bis in die Zehenspitzen. Dass er dreiviertel des Films nackt zu sehen ist, fällt einem gar nicht auf. Man schaut ja nicht ständig aufs Geschlecht, wenn so viel im Gesicht passiert.

Mit Gespür für die tragikomische Komponente der Story verwandelt Brambach den Generationenstreit zum Selbsterkennungstrip: Der Sohn mit seiner leidigen Textilvorliebe zwingt am Ende den manisch stofflosen Vater dazu, endlich mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Nicht, dass der Alte seine FKK-Leidenschaft aufgeben soll, aber es wäre doch schön, ab und an auch mal angezogen in die verhasste Wirklichkeit außerhalb des Nudisten-Camps zu gehen: Mach dich frei, zieh dich an!


"Barfuß bis zum Hals", 20.15 Uhr, Sat.1



insgesamt 7 Beiträge
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PML, 15.09.2009
1. Haut ...
Mit Sicherheit ein hübsches, humorreiches Beispiel für die Dynamik von Urteilen, Vorurteilen, Gruppenidentitäten Geborgenheiten, Generationenkonflikten.
wired111 15.09.2009
2. ...dann bin ich mal gespannt
Nachdem Sat1 ja in der letzten Zeit nicht gerade spannend war, werd ich mir das Programm heute Abend extra einschalten. Wir waren die letzten 2 Wochen in Kroatien wieder auf einem Naturisten-Campingplatz :-) Leider hat FKK in Deutschland einen verruchten Ruf, zu Unrecht. Ich finde wenn jemand das machen möchte, soll er es auch dürfen (und auf einem Campingplatz oder am Strand stört es auch keine Textiler). An der deutschen Küste ist es allerdings inzwischen ja echt so dass die FKK-Strände nur noch mit Hundestränden zusammen sind (toll... d.h. die "Normalen" Gäste bekommen den schönen Strand und die "Nackerten" bekommen den mit den Hundehaufen drin). Oder gleich neben alten Kasernengeländen mit Metallteilen und Betonbrocken im Sand, und zusätzlich von den benachbarten Textilern begafft werden... Solche Zustände waren Grund genug, Urlaubsmäßig ins "freie" Istrien abzuwandern wo man sich noch über die "Nudisten" (klingt wie n Schimpfwort) als Gäste freut. Wir sind noch unter 30 und haben nen kleinen Sohn - also keine Kinder der DDR - und haben diese "Art" des Urlaubs bisher als sehr frei und vor allem frei von Sexuellen Ambitionen, die damit ja so gerne verbunden werden, kennengelernt. Ich habe dort bisher noch niemals jemand mit Ständer rumlaufen sehn oder bemerkt dass Frauen etwa von den anwesenden Herren bespannt oder angebaggert werden. Und dass man als Familie, ohne einen schimpfenden Campingplatzmitarbeiter oder eine kreischende Frau, auchmal zusammen duschen gehen kann, ist ein wirklich großer Vorteil Mein Lieblingsschild im Urlaub ist immer noch das eine, das auf dem Platz an der Marina (Yachthafen) gut sichtbar hängt: "Textilgäste sind hier unerwünscht" :-)))
dent42 15.09.2009
3. Mehr unästhetisch als unanständig.
ALs Mensch mit ästhetischem Anspruch kann ich dem Nudistendasein nix abgewinnen. Seien wir mal ehrlich, Geschlechtsorgane sind normalerweise eher von geringem ästhetischen Wert, vor allem männliche, worüber mann - aufgrund der Funktionsvielfalt - gerne hinwegsieht, mal gnaz abgesehen von der noch unattraktiveren Rückseite. Wenn ich im Urlaub am Strand liege und das Panorama geniesse ist das für mich ein visueller störfaktor, wenn ich die ganze Zeit von Arschlöchern umgeben sein will kann ich auch zuhause bleiben. Das ist natürlich total subjektiv, wer gerne unten etwas freier atmen möchte, bitteschön, aber nicht in meiner Sichtlinie ;) . Das mit den Hunden ist allerdings schon unverschämt......und nicht ganz ohne Risiko, also ich würde da sehr Nervös werden was die Familienplanung angeht.
Earendil77 15.09.2009
4. Toleranz = Ertragen
Zitat von dent42ALs Mensch mit ästhetischem Anspruch kann ich dem Nudistendasein nix abgewinnen. Seien wir mal ehrlich, Geschlechtsorgane sind normalerweise eher von geringem ästhetischen Wert, vor allem männliche, worüber mann - aufgrund der Funktionsvielfalt - gerne hinwegsieht, mal gnaz abgesehen von der noch unattraktiveren Rückseite. Wenn ich im Urlaub am Strand liege und das Panorama geniesse ist das für mich ein visueller störfaktor, wenn ich die ganze Zeit von Arschlöchern umgeben sein will kann ich auch zuhause bleiben. Das ist natürlich total subjektiv, wer gerne unten etwas freier atmen möchte, bitteschön, aber nicht in meiner Sichtlinie ;) . Das mit den Hunden ist allerdings schon unverschämt......und nicht ganz ohne Risiko, also ich würde da sehr Nervös werden was die Familienplanung angeht.
Sie haben recht, das ist absolut subjektiv - und damit auch unerheblich. Ich finde auch so vieles unästhetisch, z.B. Gelfrisuren, aber deswegen erwarte ich nicht, dass diese aus meinem Gesichtsfeld verschwinden. Die Unästhetik müssen Sie dann einfach mal ertragen. Ist nicht so schwer, wenn man sich mal damit abfindet. Ich wünsche mir jedenfalls eine Welt in der jede_r so (un)bekleidet rumlaufen kann wie sie_er will, und nicht nur in Sonderzonen am Strand. Textiler ertragen Nackedeis, und umgekehrt. Dann braucht's auch keine blöde Subkultur mehr. (Welche Subkultur wäre nicht blöd?)
janka 15.09.2009
5. Einfach herrlich, wunderbar !
Was für ein herrlicher, gelungener Film ! Normalerweise schaue ich so gut wie nie Privatsender, der Spiegelartikel hatte aber mein Interesse geweckt. Ich bin kein FFK-Fan, fühle mich trotz Textilbefreiung nicht frei und gut beim FKK aber das ist nebensächlich für mich bei meiner Einschätzung dieses tollen Filmes. Viele "Nachwende-Filme" die den Osten, die ehemalige DDR und das Lebensgefühl in diesem Lande, die Kultur, das Zwischenmenschliche versuchen zu zeigen und "rüberzubringen", haben mich diesbezüglich nicht "erreicht", treffen es nicht richtig. Dieser Film sticht hier heraus. Sehr sehr schön, wunderbar. Da kommt tatsächlich viel Hauch von Lebensgefühl rüber, wie es mal war, für mich 25 Jahre lang. Mir gefällt sehr gut, dass mit einem wohltuenden Schmunzeln hier Ost- wie auch Westmentalität sehr gut gespiegelt und gezeigt wurde, sehr menschlich und rührend auch, man mag alle Beteiligten, sehr viel Sympathie entsteht. Die eingespielte, hinterlegte Musik, Puhdys, Silly, für die Ostseite...einfach ideal und sehr sehr gut ausgewählt; PASST ! Falls hier jemand von den Machern des Filmes mitlesen sollte....VIELEN VIELEN DANK, das war in meinen Augen eine wirkliche Meisterleistung. Ich werde mir diesen Film vormerken und sehr gerne wieder anschauen. Tut so gut...! Dieser Film hat meine absolute Empfehlung !!
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