Flexible Stadtplanung: Freibad jetzt, teuer später

Von Ingeborg Wiensowski

Sofort lebenswert: Mit ihrem Konzept "Instant Kiez" haben zwei Stuttgarter Studenten die schonende Aufwertung eines 40 Hektar großen Geländes in Berlin-Moabit entworfen - als Zwischenlösung für die Jahrzehnte dauernde Umsetzung des Masterplans.

"Instant Kiez": Zeltplatz, Go-Kart-Bahn und Nachbarschaftsgärten Fotos
Dominik Butzmann

"Masterplan", das hören Großstadtbewohner als erstes, wenn ihre Gegend saniert werden soll. In Berlin hat das schon die halbe Stadt betroffen, erst den Osten, jetzt den Westen. Hier ist, außer Maklern und Investoren, meist kein Mensch mehr begeistert über die versprochene positive Entwicklung seines Wohngebiets. Eher sorgen sich die Bewohner darum, ob sie sich zukünftig die Mieten noch leisten und in ihrem "Kiez" bleiben können.

Das ist auch so im Moabiter Kiez, nördlich vom Hauptbahnhof. Dort soll aus den rund 40 Hektar "Europacity" werden, "ein neues Stück Berlin mit eigenem, zukunftsfähigen, städtebaulichen Erscheinungsbild, das mit neuen Bautypologien, neuen Technologien und neuen Formen des urbanen Lebens einen Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung leistet". Die Bewohner sehen das eher so: Alles wird baulich umgekrempelt, es wird schick und teuer, die Mieten werden steigen, und wenn die ersten Wohnkomplexe verkauft und Miet- in Eigentumswohnungen umgewandelt werden, dann ist der Masterplan auf den Weg gebracht.

Der beruht auf dem städtebaulichen Entwurf von KCAP/ ASTOC, die den Wettbewerb für das neue Quartier mit Kunst-Campus, einem Hafen mit Marina, Restaurants, Wohnungen und Büros gewonnen hatten. Entscheidungen über die Umsetzung treffen aber die Besitzer des Gebiets - die Immobiliengesellschaft Vivico (20 ha), die Deutsche Bahn (10 ha) und die Stadt Berlin (6 ha).

Ideen für einen städtebaulichen Leuchtturm

Damit "Europacity Berlin zu einem städtebaulichen Leuchtturm" wird, sind Ideen gefragt, deshalb hat der "Kulturkreis der deutschen Wirtschaft" jetzt einen "Architekturpreis 2010" für die Ergebnisse eines Wettbewerb vergeben, an dem Studenten von sechs Hochschulen, Kunstakademien und Fachhochschulen teilnehmen konnten. Die Aufgabe war konkret: ein Teil des Sanierungsgebiets mit der Umgebung verbinden, räumlich und architektonisch, und ein "anspruchsvolles" Gebäude mit Multinutzung für die neue S-Bahn entwerfen.

Zwei Förderpreise in Höhe von je 2000 Euro gingen an Stuttgarter Studenten, 1000 Euro Anerkennung für eine künstlerische Position bekam ein Student aus Mainz. Den ersten und mit 5000 Euro dotierten Preis vergab die Jury an die beiden Stuttgarter Studenten Felix Yaparsidi und Valentin Ott. "Instant Kiez" heißt ihr Entwurf, und den beiden kann man dazu nur gratulieren. Schon allein deshalb, weil sie sich nicht an die Wettbewerbsaufgabe gehalten haben.

Als Yaparsidi und Ott nämlich in einem Vorbereitungs-Workshop erfuhren, dass die Erfüllung des Masterplans bis zu 40 Jahren dauern kann, haben sie ein Zwischennutzungskonzept entwickelt und "Ideen als soziokulturellen Humus" für den neuen Stadtteil abgeliefert. Dafür haben die beiden auch die Voraussetzungen analysiert, die es für Gebiet und Projekt gibt: Probleme der Integration der jetzigen Bewohner in den geplanten neuen Stadtteil, eine Analyse von Nutzungsideen für Freizeit, Kultur und Wirtschaft und Finanzierungsmöglichkeiten.

Und dann haben sie ihre Erkenntnisse umgesetzt: Wo einmal laut Masterplan ein Hafenbecken am Schifffahrtskanal entstehen soll, planen sie sofort ein neues Freibad, zunächst abgetrennt vom Kanal, weil der noch keine Badewasserqualität hat. Wenn sich das ändert, kann das Becken mit dem Kanal verbunden werden. Den Zeltplatz "Tentstation" verlegen sie aus einer aufgelassenen Badeanstalt fünf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt in die Nähe des neuen Badebeckens, und für das bei den Treptowers ankernde Badeschiff, das dort weg soll, gäbe es Platz im Nordhafen.

Türme für Sprayer, zum Beten und Klettern

Außerdem planen Yaparsidi und Ott eine Go-Kart-Bahn auf einer alten Lkw-Wendeschleife, Sportplätze, Containerbauten für ein Pharma-Gründerzentrum, ein Maisfeld als temporären Irrgarten, einen "Instant Baumhain" zur Aufzucht großer Bäume in Pflanztrögen, Nachbarschaftsgärten an der Bahntrasse und Blumenwiesen auf dem Masterplan-Straßenraster.

Das "anspruchsvolle" Bahnhofsgebäude haben Yaparsidi und Ott nicht geliefert, stattdessen haben sie freistehende, einfache und später weiter benutzbare Türme entworfen, Zeichen für die Umwandlung und für die Maßstäblichkeit der Fläche. Einer der Türme könnte zum Beispiel die Grundlage für ein ruhiges Gebäude am neuen Bahnhof sein, andere sind benutzbar, für Ausstellungen, als Kletter-, Spiel- und Graffititurm, als Kapelle, als Tribünen und als Turm zum Begrünen.

Ein kreatives und intelligentes Konzept, fand die Jury, zu der auch Vertreter der Besitzer gehörten. Bleibt nur noch zu hoffen, dass die "neuen Ideen und richtungweisenden Experimente zum klugen Umgang mit wichtigen Fragen der Zukunft von Stadt" nun auch umgesetzt werden.


Preisvergabe bei der Jahrestagung des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. 15.-17.10. in Chemnitz.

Auf der Website des Kulturkreis wird in Kürze ein Film zu sehen sein.

Die Uni Stuttgart, an der die beiden Studeten Yaparsidi und Ott eingeschrieben sind, wird in ca. einer Woche auf der Website www.irge-uni-stuttgart.de auch den Wettbewerb veröffentlichen.

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