Flexibles System Geldmangel bringt neue Kreativität in die Theaterlandschaft

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SO KANN DAS THEATER NICHT WEITERGEHEN. Das deutsche Stadt- und Staatstheatersystem ist in der Krise. Das ist die Diagnose des vergangenen Jahrzehnts. Das neue Jahrzehnt bringt die Lösung, hoffentlich: Der Druck auf die Riesenapparate wird durch die ständigen öffentlichen Kürzungen so groß, dass sie zusammenbrechen. Endlich hilft es nicht mehr, hier eine GmbH zu gründen oder ein paar Stellen zu streichen und dort auf eine Produktion oder gar eine ganze Sparte zu verzichten. Jemand muss das System komplett neu denken und neu aufbauen. So wie es Matthias von Hartz und Tom Stromberg skizziert haben, die künstlerischen Leiter des "Impulse"-Festivals, des nach eigener Auffassung "wichtigsten Treffens der Freien Theaterszene aus dem deutschsprachigen Raum": Nicht die Institutionen, sondern die Künstler müssen im Zentrum stehen. Schon seit Jahren sind es vor allem freie Theatermacher, die neue Ideen, Formen und Themen in die Szene einspeisen - René Pollesch und das Kollektiv von Rimini Protokoll sind die bekanntesten. Die Stadt- und Staatstheater sind schlau genug, sich die besten dieser Künstler einzuverleiben - und oft genug knirscht es dabei gewaltig, wenn hochflexible Querdenker auf hochspezialisierte Licht-, Ton- oder Textmeister treffen. Was, ihr braucht unsere Schauspieler nicht, sondern wollt lieber Laien casten? Was, das ist ein Projekt ohne Proben, und es wird auch nichts gebaut? Was wird dann aus der Bauprobe?

Das neue Theaterförderungssystem muss flexibler auf solche Künstler reagieren können - nur so kann das Theater wieder überraschend und gesellschaftlich relevant werden. Matthias von Hartz träumt von Leuten, "die ein Bewusstsein dafür haben, dass nicht alle Kunst unter den gleichen Bedingungen entsteht". Denn die Reibungsverluste, die beim Kampf mit den starren Strukturen entstehen, gehen auf Kosten der Kreativität.

Hartz plädiert für ein Modell nach belgischem oder niederländischem Vorbild: Dort erhalten Künstler eine mehrjährige Förderung, mit der sie eine Gruppe oder eine eigene Produktionsfirma finanzieren. Mit dieser Einheit können sie sich an ein Haus andocken, an dem eine Grundausstattung vorhanden ist. So entsteht für die Künstler die richtige Balance zwischen Freiheit und Sicherheit. Im Idealfall wird das Theater dadurch zwar nicht billiger, aber innovativer. Vielleicht sogar besser. Es wäre zumindest einen Versuch wert.

7. Neuromarketing

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