Florine Stettheimer Mit Champagner gemalt

Mondän, erotisch, verschwenderisch: Florine Stettheimer bannte das Leben der New Yorker Kunstschickeria zwischen den Weltkriegen auf die Leinwand. Sich selbst inszenierte sie als rätselhafte Diva.


Schon nach ihrer ersten Ausstellung im Jahr 1916 hatte die Malerin die Nase voll. Florine Stettheimer hatte ihre Bilder nicht einfach nur an die Wände der New Yorker Galerie gehängt, sie hatte sie auch in eine boudoirhafte Inszenierung eingebettet: mit Möbeln, Draperien und einem durchsichtigen Baldachin mit goldenen Fransen.

Doch die Aktion floppte, kein einziges Exponat wurde verkauft. Stettheimer war enttäuscht und beteiligte sich nie wieder an einer kommerziellen Ausstellung. Renommierte Galeristen wie Alfred Stieglitz versuchten sie immer wieder zu überreden. Sie blieb hart. Sie behielt ihre Bilder und stattete ihr Atelier und ihre Wohnräume damit aus.

Dabei war Stettheimer durchaus erfolgreich. Sie wurde immer wieder zu wichtigen Gruppenausstellungen eingeladen, an denen sie mit Einzelwerken auch teilnahm. Marcel Duchamp schätzte ihre Arbeiten und richtete 1946, zwei Jahre nach ihrem Tod, eine Retrospektive im Museum of Modern Art aus. In den Sechzigerjahren begeisterte sich Andy Warhol für ihr Werk. Später wurde sie von der feministisch inspirierten Kunstwissenschaft entdeckt. Trotzdem kennen sie hierzulande bisher nur Eingeweihte. Eine Werkschau im Münchner Lenbachhaus könnte das nun ändern.

Florine Stettheimer wurde 1871 in Rochester in eine US-Bankiersfamilie deutsch-jüdischer Herkunft geboren. Der Vater verließ die Familie, die Mutter ging mit den Kindern nach Europa. Florine wuchs in Stuttgart und Berlin auf, bekam früh Zeichenunterricht. Die Stettheimers reisten nach Bayern, Italien und Frankreich, lebten zeitweise in den USA.

Meisterin des Aus- und Überblendens

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte die Familie endgültig in die USA zurück, Florine und ihre Schwestern initiierten in ihrem New Yorker Apartment einen Salon. Bedeutende Protagonisten der Society und der Avantgarde debattierten über Tee und Madeira oder glänzten bei Dinnerpartys, die mit Champagner und Rum-Cocktails starteten. Neben Duchamp waren etwa die Malerin Georgia O'Keeffe, der Komponist Edgar Varèse, die Fotografen Edward Steichen und Baron Adolphe de Meyer vor Ort. Und im Sommer reiste man zu den gemieteten Landhäusern der exzentrischen "Stetties" am Ufer des Hudson oder an der Küste New Jerseys.

Genau dieses Leben des Luxus und der Moden ist der Gegenstand ihrer Bilder: Florine Stettheimer malte Bilder von Partys, Strandvergnügen, Gartenleben. Sie malte das Luxuskaufhaus Bendel's, wo sie sich elegant bis extravagant einkleidete und die Cathedrals genannten New-York-Panoramen. Über eines der Gemälde jubelt 1932 ein Kritiker: "Es ist cinematografisch, historisch, fantastisch, realistisch, spöttisch, liebevoll zugewandt, kalligrafisch, enzyklopädisch, proustisch und sogar unheilverkündend. Tatsächlich hat es alles und alles im richtigen Verhältnis."

Längst hatte Stettheimer sich da einen eigenständigen Stil erarbeitet, der an Miniaturmalerei, an Brueghel, an Odilon Redon und Henri Matisse erinnerte sowie an den Jugendstil, an Illustrationen aus "Harper's Bazaar" oder der "Vanity Fair". Oft malte sie einen glimmenden, weißlichen Hintergrund und setzte viele kleinteilige Figurengruppen hinein. Dabei scherte sie sich nicht um die Einheit von Zeit, Ort oder Person: Zeitlich oder räumlich Disparates ist parallel gesetzt und mancher Protagonist gedoppelt. Duchamp sprach von "virtueller Vervielfachung".

Meist fügte sie sich selbst ein in diese Tableaus, aber stets stilisiert oder "retuschiert". Selbst als sie schon auf die Sechzig zuging, imaginierte sie sich jung und schön, in eleganten Roben, auf hohen roten Absätzen, manchmal auch nackt oder den androgynen Leib von durchsichtigen Stoffen oder Folien eher betont als verborgen.

Man könnte auch sagen, Stettheimer feierte sich und ihre Welt mit dem Pinsel so, wie man es heute per Facebook tut. Und sie teilte diese Bildnisse mit genau denen, die auf ihnen zu sehen sind: Sie arrangierte sie in ihrem mit gerafftem Cellophan und Spitze gestylten Studioapartment zu einer "autoerotischen Echokammer" (so Emmelyn Butterfield-Rosen im Ausstellungskatalog) und lud von Zeit zu Zeit dorthin ein, um ihre neuesten Gemälde im erlesenen Kreis zu feiern.

So war sie zugleich Rezipientin, Sammlerin, Galeristin und PR-Frau und kontrollierte als solche auch ihr Nachbild: Im vorgerückten Alter hat sie sich nicht mehr fotografieren lassen.

Alter, Verfall, soziale und politische Probleme - in Stettheimers häufig floralen Feierbildern fehlt das Negative. Man kann das Werk der Meisterin des Aus- und Überblendens als ein Bindeglied zwischen dem erlesenen Ästhetizismus der Jahrhundertwende und dem profanen der Pop Art verstehen. Dass sich inmitten des Glanzes auch ein dunkles, narzisstisches Ringen um Identität abzeichnet, macht ihre Bilder vielschichtig und Florine Stettheimer zu einer der bedeutendsten Figuren der amerikanischen Moderne in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.


Florine Stettheimer. 27.9. bis 4.1.2015 im Kunstbau des Lenbachhauses. Katalog, erschienen im Hirmer Verlag: 34 Euro (im Museum), 39,90 Euro (im Buchhandel).



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