Floristikkünstler Azuma Sag' es durch die Blume!

Er friert Bonsai-Bäume ein und steckt Blumen kopfüber ins Aquarium - der Japaner Makoto Azuma bezeichnet seine botanischen Installationen als Pflanzen-Haute-Couture. Jetzt sind sie sogar museumsreif: Das NRW-Forum würdigt Azuma erstmals in Deutschland mit einer Ausstellung.

Von Jenny Hoch


Für ihre grünen Daumen werden Künstler in Deutschland eher selten gerühmt. Auf der Documenta im vergangenen Jahr zum Beispiel versuchte Sanja Ivekovic, auf dem Platz vor dem altehrwürdigen Fredericianum ein Mohnfeld zu sähen. Vergeblich. Statt eines wogenden Meeres roter Blüten staken lange lediglich ein paar kümmerliche Stengel aus der karstigen Erdkruste.

Auch das Reisfeld in den Gärten von Schloss Wilhelmshöhe erwies sich als Flop. Der thailändische Künstler Sakarin Krue-On hatte es angelegt, um deutlich zu machen, dass "Verzeitlichung, Entmaterialisierung und Vernetzung einander bedingende Momente ein und desselben Prozesses sind". Doch tatsächlich standen Kunstpuristen befremdet vor den ungenügend bewässerten, schütter bewachsenen Terrassen: Natur und Kunst, das geht doch nicht zusammen, lautet die herrschende Meinung.

Makoto Azuma ficht derlei Schubladendenken wenig an. Er begreift Natur und Kunst zwar als unterschiedliche Bereiche, aber ihre Verbindung vor allem als Stärke. "Alle Pflanzen sterben irgendwann, indem ich sie zu Kunstwerken mache, werden sie unsterblich."

Der 31-Jährige ist so etwas wie der Popstar unter Japans Floristen. Ausgehend von der Jahrhunderte alten Tradition des Ikebanas, der Kunst des Blumensteckens, sind seine so extravaganten wie puristischen Kreationen auch außerhalb Japans heiß begehrt. Modehäuser wie Hermès, Maison Margiela oder Issey Miyake und Unternehmen wie Sony oder Ford geben dem Botanikkünstler seit Jahren Großaufträge. Im trendigen Pariser Luxuskaufhaus Colette durfte er seine Pflanzen-Haute-Couture im Schaufenster installieren. Und inzwischen sind seine botanischen Installationen sogar museumsreif: In der Pariser Fondation Cartier zeigte er eine Performance, in der er den Entstehungsprozess seiner grünen Werke als Schattenspiel nachstellte. Nun stellt er im Düsseldorfer NRW-Forum mit "Botanical Sculpture" zum ersten Mal in Deutschland einige seiner bekanntesten Pflanzenkunstwerke aus.

Sein Zugriff auf die Botanik ist beherzt: Azuma friert Jahrhunderte alte Bonsai-Bäume mitsamt ihrer Wurzeln in Eisblocks ein oder steckt sie in Aquarien voller Wasser. Beide Male scheinen sie wie schwerelos zu schweben, förmlich zum Bild erstarrt. Ein Kommentar auf verknöcherte, hochartifizielle japanische Traditionen? Vielleicht. Aber wer genau hinschaut, erkennt, dass die Bäume noch leben. Davon zeugen Hunderte im Eis eingeschlossene Sauerstoffbläschen, die die Blätter abgesondert haben.

Eine andere Arbeit spielt mit dem Kontrast von Technik und Natur: Unzählige feingliedrige Metallärmchen ragen in unterschiedlichen Positionen aus einer Wand hervor. Auf jeden Arm hat Azuma eine einzelne Mohnkapsel samt Stengel gesteckt. Das Ergebnis: ein merkwürdig roboterhaft anmutendes Feld - und ein ebenso ästhetischer wie subtiler Hinweis auf die längst übermächtige Beherrschung der Natur durch den Menschen.

In einem weiteren Raum duftet es herzhaft grün. Azuma hat hier unzählige Blüten - Amaryllis, Hortensien oder Chrysanthemen-Blüten - Bambusstengel, Romanesco-Kohlköpfe sowie Teebaum-, Ambrellafarn- oder Monstera-Blätter zu einem in sich verschachtelten, symmetrisch geordneten Parcours geformt. Daneben hängen Fotografien, auf denen ein Mensch fast vollständig inmitten undurchdringlicher Blätter-Büsche verschwindet. Lediglich die Beine gucken unten heraus. "Ich habe diese Bilder geträumt", sagt Azuma, "ich musste sie einfach umsetzen."

Zu seiner Blumenkunst kam Azuma eher zufällig. Eigentlich wollte er Rockstar werden, doch als der Erfolg seiner Band auf sich warten ließ, fing er an, bei einem Floristen zu jobben. 2001 machte er sich selbständig und eröffnete im angesagten Tokioter Stadtteil Ginza Jardins des Fleurs, einen Blumenladen mit einer einzigen Blume. Konsequent verfolgte er diese minimalistische Strategie bis zur Eröffnung des Complete Haute Couture Flower Shop, der bis heute besteht. Es gibt darin keine einzige Blume, der Meister fängt bei Null an, nimmt die Wünsche seiner Kunden auf und skizziert dann ein entsprechendes Pflanzenwerk. Das fertige Gesteck kostet dann leicht mal 400 Euro.

Pflanzen haben für Azuma ihren eigenen Rhythmus - so wie Rockmusik. Die Zerstörung der fragilen Gewächse ist Teil seines Konzepts: "Ich schaffe der Natur in der Kunst eine zweite Welt." Während bei uns die japanische Ikebana-Technik als dekoratives Kunsthandwerk belächelt wird, das gelangweilte Hausfrauen in Volkshochschulkursen lernen können, hat Azuma kein Problem mit zweckfreier Schönheit. Zugleich ist er, mit den Paradigmen der Postmoderne groß geworden, ein Puzzlespieler der Bedeutungen und Traditionen. "Botanical Sculpture" zeigt, dass die westliche Sehnsucht nach unberührter, wilder Natur längst zum Phantasma geworden ist - tatsächlich hat sich der Mensch tief in die Natur eingeschrieben und hat sie sich als kulturelle Kategorie einverleibt.


Makoto Azuma: "Botanical Sculpture", bis 3. August 2008, NRW-Forum Düsseldorf



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