Archiv für Flüchtlingserinnerungen Die eigene Geschichte neu entdecken

Über Flüchtlinge wird viel berichtet - aber bedeutet das auch, dass sie gehört werden? Das "Archivio delle Memorie Migranti" in Rom hält Erinnerungen von Geflüchteten aus ihrer Perspektive fest.

Zakaria Mohamed Ali: "Von den Toten weiß man sonst so wenig"
Hanna Gieffers

Zakaria Mohamed Ali: "Von den Toten weiß man sonst so wenig"


Kurz bevor Zakaria Mohamed Ali in Tripolis in ein Schlauchboot stieg, steckte er sein Tagebuch und ein Foto seiner Familie in eine Plastiktüte. Er schrieb darauf: "To whom it my concern", may ohne a. Und verpackte alles wasserdicht. Sollte er nicht lebend in Italien ankommen, sollte wenigstens seine Fluchtgeschichte aus Somalia nicht untergehen.

Ali überlebte, sein Boot strandete damals, vor zehn Jahren, auf der italienischen Insel Lampedusa. Für einen Film über seine Flucht kehrte der heute 31-Jährige dorthin zurück. Seine 16-minütige Doku ist heute Teil eines ungewöhnlichen Archivs, das der Verein Archivio delle Memorie Migranti (AMM) mit Filmen, Audioaufnahmen und Texten in Rom aufbaut: "Wir wollen Fluchtgeschichten von Migranten ungefiltert festhalten", sagt der Historiker Alessandro Triulzi, Präsident des Vereins.

Der drahtige 76-jährige Forscher, feine Hornbrille und Hut, hat Erfahrung mit Interviews. Als junger Mann reiste er durch Äthiopien und befragte Menschen vor Ort, um das Land besser zu verstehen. Heute will er mit seinem Archiv die Menschen entdecken, die hinter den anonymen Flüchtlingszahlen stecken.

Flüchtlingsarchiv
Hanna Gieffers

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Die Regale in seinem Büro in der römischen Innenstadt sind voller Kassetten, CDs und Platten; ein Musikarchiv ist hier auch noch untergebracht. Die Geschichten der Migranten nehmen weniger Platz ein, sie passen auf unscheinbare Festplatten, man findet sie auf den zweiten Blick in den Regalen. So wie man Flüchtlinge oft nicht in den Gassen der römischen Innenstadt findet, sondern in den Außenbezirken.

Die eigene Geschichte neu entdecken

Seit 2007 zeichnet das AMM Geschichten von Flüchtlingen auf; alles begann in einer Sprachschule, mit Gesprächskreisen, in denen Migranten und Italiener mehrere Tage lang über die Bedeutung von Heimat und schließlich auch über die Flucht diskutierten. Seit zehn Jahren drehen die 20 Freiwilligen, unter ihnen viele Wissenschaftler und Lehrer - auch Videos von und mit Flüchtlingen für das Archiv, elf Kurzfilme sind so entstanden. Ali und andere Geflüchtete zeigen ihre Filme im Netz, in Schulen und bei Konferenzen.

Heute stellt Ali seinen Film im norditalienischen Dorf Castelfranco vor. Zusammen mit der Lehrerin Monica Bandella ist er in eine Gemeindehalle gekommen. Ali, weißes Hemd unter grauem Pulli und makellose Lederschuhe, spricht in perfektem Italienisch: "Ich wollte selbst meine eigene Geschichte erzählen und dafür zurückkehren an diesen Ort."

Im Film besucht Ali die zerborstenen Wracks der Flüchtlingsboote, die auf der Insel Lampedusa verrotten. Er fragt bei seiner alten Flüchtlingsunterkunft nach verlorengegangenen Dokumenten. Er schaut sich die anonymen Flüchtlingsgräber auf dem Inselfriedhof an. Der Film folgt dabei stets Alis Sicht, unterstrichen wird die subjektive Perspektive durch eine oft verwackelte Kameraführung und das Rauschen des Windes, der sich immer wieder im Mikro der Kamera verfängt.

Sehen Sie Alis Film "To whom it may concern" hier:

Während Ali sich selbst auf der Leinwand sieht, knetet er seine Hände, sein Mund steht offen, sein Blick ist starr. Als entdecke er seine Geschichte selbst neu.

"Bei Schülern können wir viel bewirken", sagt die Lehrerin Bandella. "Sie haben noch keine vorgefertigten Meinungen über Flüchtlinge." Sie hofft, dass die Kinder auch mit ihren Eltern über die Filme reden. Bandella, Haare im Igelschnitt und langer lilafarbener Mantel, schiebt sich die Brille zurecht, die während ihres energischen Vortrags im Gemeindesaal in Castelfranco oft verrutscht. Ganz wichtig, sagt sie, sei der Perspektivenwechsel. "Denn er hilft, andere Menschen besser zu verstehen."

In Castelfranco und in den Schulklassen zeigt Bandella zum Beispiel den Film eines Flüchtlings, der erzählt, wie er an einer Bushaltestelle in Italien zusammengeschlagen wurde. Anschließend verteilt sie Zettel mit Identitäten - ein Mann mit Tochter im Bus, der an der Szene vorbeifährt. Ein Restaurantbesitzer aus der Nähe, ein Polizist, der zufällig vorbeikommt. Jeder soll sich in die zugeteilte Identität hineinversetzen und die Szene aus seiner neuen Sicht beschreiben.

Von den Toten weiß man sonst zu wenig

Ali lebt mit seiner italienischen Freundin heute in Rom; er arbeitet für eine Hilfsorganisation. In seinem eigenen Film erzählt er seine Fluchtgeschichte: In Somalia arbeitete er als Journalist, das Land rangiert im Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen auf einem der untersten Plätze. Als 2008 einer seiner Uniprofessoren ermordet wurde, floh er über Äthiopien, den Sudan und Libyen nach Italien. Während der Fahrt durch die Wüste interviewte Ali seine Mitreisenden, schrieb seine und ihre Geschichten in sein Notizbuch.

"Ich wollte den Film stellvertretend für alle machen, die es nicht über das Meer geschafft haben", sagt Ali nach der Vorführung in Castelfranco. Von den Toten wisse man sonst zu wenig.


Dieser Text gehört zur Langzeitserie "The New Arrivals", bei der SPIEGEL ONLINE gemeinsam mit "The Guardian", "El Pais" und "Le Monde" neue Perspektiven auf europäische Flüchtlingspolitik recherchiert. Das Projekt wird durch das European Journalist Center (EJC) mit Mitteln der Bill und Melinda Gates Fundation unterstützt. Hier erfahren Sie mehr.

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