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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Der Terror der besorgten Bürger

Eine Kolumne von

Gegen Ausländerfeinde helfen keine Artikel mehr. Möglicherweise ist die Demokratie an einem Endpunkt angelangt. Das macht unendlich wütend.

Vollkommen korrekt bezeichnet Sascha Lobo den ausländerfeindlichen Mob als Terroristen. Sie selber sehen sich vielleicht als "Asylkritiker", so wie sich Antisemiten auch gerne Israel-Kritiker und Homophobe "Ehe-für-alle-Kritiker" nennen. Es wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn all die Kritiker in ihren Wohnungen ein wenig kritisierten und dabei den Kopf gegen die Wand schlügen, aber müssen sie es laut tun?

Müssen sie, denn auf der Straße, mit Brandsätzen und Steinen bewaffnet, macht es so leider mehr Spaß. Das Rudel ist hervorragend geeignet, die eigene Feigheit zu überwinden. In der Gruppe ist gut. 20 gegen einen ist klasse. Oder eine Horde gegen ein Gebäude: auch ein gutes Kräfteverhältnis.

Viele Menschen sind so wütend geworden. Weil das Leben scheinbar immer anstrengender wird, das Geld weniger, die Straßen voller, die Reichen reicher. Und es hilft nichts, dem Wütenden zu sagen, ich verstehe dich, du bist sauer, weil du sterben wirst, und du bist nur zu faul, bis zum Ende zu denken, und darum stehst du jetzt hier auf der Straße und brüllst herum. Es wird nicht besser. Nichts wird besser. Wenn keine Flüchtigen mehr kämen, käme etwas anderes. Ein entlassener Straftäter, eine Abtreibungsklinik, irgendwas geht immer. Vielleicht ist es die Ahnung, dass Europa nicht mehr sehr wichtig sein wird, in absehbarer Zeit.

Die Menschen sind müde, selbstgerecht, arrogant, und sie geraten nur noch ins Vibrieren, wenn sie andere terrorisieren können. Beeindruckend in ihrer Monothematik befeuern die Medien in unverständlicher Weise die Feindbilder der Wütenden. Nicht Großkonzern Nestlé, nicht die Verknüpfung von Wirtschaft und Macht, sondern: "der Grieche", wochenlang, "Israel", "der Islam", "der Flüchtling". Aber man sollte den Einfluss der Medien nicht überschätzen. All die entsetzten Artikel, die sich gegen den ausländerfeindlichen Teil der Bevölkerung wenden, werden nicht helfen, die Lage zu entschärfen. Ich bezweifle, dass der ob seiner generellen Machtlosigkeit wütende Rassist bzw. Asylkritiker, den Asylkritiker-feindlichen Artikel lesend, den Brandsatz zur Seite legen und murmeln wird: Alter.

Die Menschen, die wütend sind auf sich, auf die Welt, wird kein Artikel erreichen. Die LeserInnen von Artikeln, die sich mit der Herkunft des Rassismus beschäftigen, sind vermutlich nicht jene, die Juden bespucken und Notunterkünfte anzünden. Vielleicht gilt Kants Feststellung, dass selbst ein Volk von Teufeln trotz gegensätzlicher Bestrebungen ein Gemeinwohl errichten könne, nicht mehr. Möglicherweise ist die Demokratie an einem Endpunkt angelangt. Und wir haben das Pech, in der Übergangszeit zu etwas Neuem zu leben. Und das macht so unendlich wütend.

Übersichtskarte: Von Rechtsextremen verübte Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte

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Quelle: Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl / Polizei / eigene Recherchen / dpa
Stand: 7. Januar 2016

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Sibylle Berg

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