S.P.O.N. - Der Kritiker Die Stimmung wird gekippt

Moral ist der Totalitarismus des Guten. Die Flüchtlinge müssen vor ihren Beschützern gerettet werden. Denn, merke: ohne Grenzen keine Würde. Klingt irre? Ist aber real: In deutschen Redaktionen wird gerade ein absurdes Kammerspiel aufgeführt.


"Moral, Moral, Moral", brüllte der konservative Einpeitscher, in dritter Ehe verheiratet mit einer italienischen Adeligen; ein Schloss, hatte er gedacht, das passt doch ganz gut zu meiner gesellschaftlichen Einstellung: "Wenn ich Moral höre, möchte ich kotzen."

"Ruhig, Chef, ganz ruhig", sagte der klerikale Kolumnist, der sich immer Sorgen machte wegen des Blutdrucks des rotgesichtigen Tweedträgers; er hatte eigentlich einmal über die Frühaufklärung promoviert und die Frage, wie sich ein universales Konzept der Menschenrechte ausprägen konnte, aber das war ihm seit Längerem schon und speziell in diesen Tagen egal. "Es kippt gerade."

"Es kippt?", fragte der Einpeitscher, der zum Spaß ein wenig gelesenes Monatsmagazin am Rande der Hauptstadt betrieb und sich daran berauschte, dass ab und zu ein paar Textbomben im Internet explodierten. Er schaute sich besorgt um. "Was kippt?"

"Die Stimmung, Chef, die Stimmung kippt. Der Spätsommer der Menschlichkeit ist vorbei."

Moral, das klingt natürlich auch ein wenig sexuell

"Sie sollen jetzt keine Kolumnen dichten", sagte der Einpeitscher. "Und verwenden Sie nie wieder das Wort Menschlichkeit. Das verwirrt die Leute. Das verwirrt mich. Reden Sie immer von Moral, Moral, Moral. Das verstehen die Leute, das verstehe ich: Moral ist schlecht, Moral ist böse, Moral ist der Totalitarismus des Guten."

"Das ist gut, Chef", sagte der klerikale Kolumnist. "Das ist sehr gut. Moral, davor hatten die Deutschen immer schon Angst. Moral, das klingt wie eine ansteckende Krankheit. Moral, das klingt natürlich auch ein wenig sexuell. Moral oral."

"Na, jetzt beherrschen Sie sich mal", peitschte der Einweiser zurück. "Moral ist doch eher was für vertrocknete Protestanten, für Pfaffen, für all die Heuchler mit ihrem Gerechtigkeitsgedusel."

"Aber Sie sind doch selbst Katholik", sagte der klerikale Kolumnist, der bereit war, seinen Glauben jederzeit zu verleugnen, weil er im Grunde nur deshalb an Gott festhielt, weil er gemerkt hatte, dass er mit dem Honorar für seine hetzerischen Texte sehr schnell sein Haus in der Uckermark abbezahlen konnte.

"Ach was, dieser Papst ist ein Marxist", meldete sich aus seiner Ecke der Lokalpolitiker zu Wort, der nachts zu Fox-News masturbierte und die Peitschenhiebe der amerikanischen Talk-Cowboys bewunderte, für die Politik auch nur eine andere Form von Rodeo war.

Natürlich würden wir das schaffen. Aber wir wollen nicht

"Wir müssen das Christentum vor dem Papst retten, nicht nur vor den Salafisten", soufflierte der klerikale Kolumnist, der in Wirklichkeit noch nie einen eigenen Gedanken gehabt hatte und seine Formulierungen immer schon aus Texten klaute, die mindestens zwanzig Jahre alt waren.

"Wir müssen die Flüchtlinge vor ihren Beschützern retten", ergänzte der Feuilletonist, der bislang still in der Ecke gesessen hatte. "Das ist die kontraproduktive Wirkung einer zivilgesellschaftlichen Pack-an-Rhetorik, die so tut, als könnte man alle mit offenen Armen aufnehmen. Es ist dieser messianische Konstruktivismus des Neuen, der von der Kanzlerin bis zu den Bischöfen unser Land durchweht."

"Faseln Sie doch nicht so daher", brüllte der Chef, dem das alles zu vergeistigt wurde. "Darum geht es doch längst nicht mehr. Aufnehmen. Integrieren. Wir schaffen das." Er machte eine dramatische Pause. Alle hielten den Atem an. "Natürlich würden wir das schaffen. Aber wir wollen es nicht schaffen. Die Stimmung kippt. Oder wir kippen die Stimmung. Wir haben jetzt die Chance, die Macht an uns zu reißen."

"Wenn die Flüchtlinge scheitern, scheitert Merkel", sagte versonnen der klerikale Kolumnist, der an den Zwanzigerjahren so mochte, dass darauf die Dreißiger folgten; "nationale Revolution", das waren die Worte, die ihm den Schweiß auf die Stirn trieben.

"Was wir brauchen, ist eine christliche Politik, von christlichen Politikern, die sich keinen Pfifferling um die christliche Botschaft kümmern, sondern Realisten sind, Realisten mit Zäunen und Stacheldraht", rief da der ungarische Politiker, der etwas betrunken wirkte, aber das konnte auch daran liegen, dass ihm jemand einen Hitlerbart angeklebt hatte, der inzwischen etwas verrutscht war.

Und er hatte ja recht: Wenn sie es schon schafften, dass jemand wie ihr ungarischer Freund Orbán, der die Demokratie wie einen Fußabstreifer benutzte, bei der CSU als Stimme der Vernunft auftreten konnte, dann würden sie es ja wohl auch schaffen, die ehrenwerten Helfer dieser Tage wie heillose Träumer dastehen zu lassen.

Das muss man erst mal drucken

"Es ist doch eh nur das schlechte Gewissen der Deutschen", brüllte nun etwas enthemmt der klerikale Kolumnist. "Ohne den Holocaust kein Helfen!"

Jetzt gab es kein Halten mehr. "Der Kuchen wird kleiner", rief der Leitartikler, der vor dem Einschlafen immer Max Weber las und Moral für eine Charakterschwäche hielt, die bestraft werden musste: "Das gilt auch für die Gesundheitsvorsorge, die Pensionen, die private Altersvorsorge, die Betreuung durch Lehrer und Altenpfleger, die öffentliche Sicherheit, den Schutz der Grundrechte."

"Moment", unterbrach ihn der Lifestyle-Redakteur, der sich bei seinem neuen Arbeitgeber zum neoliberalen Lobbyisten gewandelt hatte. "Das hast du zwar in der 'FAZ' geschrieben, aber das ergibt trotzdem keinen Sinn."

"Egal", rief der Leitartikler weiter. "Alles egal. Da stand ja auch als Überschrift: Ohne Grenzen keine Würde. Da muss man erst mal drauf kommen. Das muss man erst mal drucken. Und dann habe ich weiter geschrieben: Das Grundrecht auf Asyl könnte ganz abgeschafft werden. Wäre das mehr oder weniger Recht?"

"Genial", rief der Chef und bestellte noch eine Runde Brennnesselschnaps aus dem Schwarzwald. "Und prost. Das wäre ja so, als würde man Saudi-Arabien zum Maßstab für Menschenrechte machen." Allgemeines Gelächter.

"Aber", sagte die hübsche brünette Praktikantin von der Konrad-Adenauer-Stiftung schüchtern, für die der Staat mehr war als nur eine Spardose der Superreichen, "ist das nicht gerade passiert, haben die Vereinten Nationen nicht eben gerade genau das..."

"Na eben", unterbrach sie der ungarische Politiker, der wie Orbán ein Propagandist der "illiberalen Demokratie" war, der den Westen verachtete und Singapur, China, Russland und die Türkei als Vorbild nahm. "Die sorgen wenigstens für Ruhe und Ordnung. Und sie hassen Juden und Schwule. Und der Westen tut nichts."

"Sag ich doch: Da kippt was", rief der Einpeitscher. "Da kippt wirklich was Großes. Die Demokratie ist in der Defensive. Weltweit. Lasst uns die Flüchtlinge benutzen, um endlich den humanistischen Ballast Europas über Bord zu werfen!"

Die bayerische Südgrenze in Ungarn

Es wurde immer toller. Die ersten stiegen auf die Tische, die Praktikantin schlich langsam zur Tür. Sie hatte gedacht, sie sei konservativ. Aber der sogenannte Realismus dieser Leute war doch nur Relativismus, eine Politik der Postmoderne, ein einziges rhetorisches "Anything goes".

Sie hörte gerade noch, wie der klerikale Kolumnist mit feuerrotem Kopf rief: "Und wisst ihr, was das Beste war in dieser verrückten Woche? Als Orbán den Deutschen moralischen Imperialismus vorwarf - und alle haben es gedruckt, alle haben es geschluckt!"

Der Saal explodierte in Applaus. Ein paar stimmten die ungarische Nationalhymne an. "Pst", unterbrach sie der ungarische Politiker, "einen habe ich noch, einen habe ich noch: Wir sichern die bayerische Südgrenze, wir sichern die bayerische Südgrenze in Ungarn! Was ist das denn für ein Spin? Crazy!"

Dann schloss sich die Tür. Draußen war es kalt. Irgendwo in der Ferne hörte die Praktikantin Sirenen. Rauch stand über der Stadt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Einweckglas 25.09.2015
1. Netter Gehirnwust!
Ändert aber an der Tatsache der derzeitigen Sachlage nichts: Nämlich das totale Versagen der GroKo auf Kosten der Bürger! Das die Stimmung kippt, ist da nur eine logische Folge und war langsam überfällig. Der Deutsche ist halt träge geworden, eingelullt von Merkels Alternativlosigkeit. Die jedoch gab es nie und das ist auch gut so!
Moloch2604 25.09.2015
2. Und ? Fertig mit
Wenn es Satire sein soll dann zu gähnen langweilig. Wenn es ironisch sein sollte - dann völlig am Thema vorbei. Für micht klingt dieser "Kommentar" nach völliger Hilflosigkeit die aktuelle Lage zu verstehen. Nach Unkenntnis die Gedanken und Empfindungen der Menschen in diesem Land zu verstehen. Die Stimmung kippt ? Nein, nur die winzige Minderheit die bisher HURRA gerufen hat begreift langsam welche Konsequenzen ihr Handeln hat. Die Medien eingeschlossen. Jetzt noch schnell Schadensbegrenzung betreiben um einen Rest Glaubwürdigkeit zu retten.
blueberryhh 25.09.2015
3. ja, leider wird es ...
irgendwann tatsächlich vorbei sein mit der großartigen Welcome Refugees - Kultur... wenn es mit spürbaren Einschränkungen für uns alle verbunden sein wird, mit den Folgen klarzukommen. Und die politische Führungen dieses Landes bzw aller betroffenen Länder in Europa versagen auf der ganzen Linie. Nur mit Zelten, dem Verteilen von Essen und von den eigenen Kindern abgelegten Kuscheltieren ist es halt doch nicht getan. Es ist zu befürchten, dass es früher oder später zum großen Knall kommt. Wie auch immer der aussieht - es folgt das große Erwachen!
Dengar 25.09.2015
4. Hmm
Ich habe eher den Eindruck, dass öffentliche Meinung und veröffentlichte Meinung gerade stark divergieren - aber eher mit umgekehrten Vorzeichen als von Ihnen beschrieben, Herr Diez.
nobody_incognito 25.09.2015
5. Moral
Es gibt versch. Stufen der Moral. Üblich ist es den Menschen und sein Leiden bzw. Ängste in's empathische Zentrum zu setzen, was eben nicht funktioniert, auch weil die emotionalen Signale so trügerisch sind. Im Zentrum kann nur die Vernunft stehen - ohne dieses Maß an Grausamkeit führt die Reise in's nirgendwo. Andererseits wird dieses Maß auch zu viel Grausamkeit führen *müssen* und zwar nicht nur dort wo man es derzeit vllt. erwartet und vermutet.
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