Zustände in Zeltstädten Verbannung bedeutet Kapitulation

Ein Zeltlager in Dresden zeigt, wie überfordert Politik und Gesellschaft mit der Flüchtlingsfrage sind: Aus den Augen, aus dem Sinn? In der Rekordhitze des Sommers entscheidet sich, wie weltoffen und hilfsbereit wir sein wollen.

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Es ist heiß in Deutschland, nicht nur, weil Hochsommer ist. Es simmert und glüht nicht nur in Franken, wo am Freitag die höchste Temperatur seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen wurde. Es schwelt auch in Sachsen, in einem Dresdner Industriegebiet, wo mehr als tausend Flüchtlinge notdürftig in einem Zeltlager untergebracht wurden, weil die Landespolitik nicht durchsetzen mag, dass leerstehende Gebäude in der Stadt genutzt werden. Und es brennt bereits in Meißen oder in Freital, wo ein rechter Pöbel beklagt, dass ein ehemaliges Hotel als Flüchtlingsunterkunft genutzt wird.

Es wäre angenehm kühl in Häusern wie diesem Hotel, zahllose Plattenbauten im Osten Deutschlands stehen leer - allein in Dresden sind es fast 20.000 Wohnungen. Dort gäbe es fließend Wasser und richtige Betten, es gäbe ausreichend Duschen und Toiletten, kurzum: Die Gebäude wären menschenwürdigere Obdächer für Menschen, die eine menschenunwürdige, psychisch extrem fordernde und körperlich anstrengende Flucht aus Krisengebieten wie Syrien oder dem Nordirak hinter sich haben. Ärzte sprechen ob der hygienischen und räumlichen Situation von "kriegsähnlichen Zuständen" in dem Dresdner Zeltlager, von Verstößen gegen die Menschenwürde, von einer "humanitären Katastrophe". Nicht in Somalia oder im Kongo, nein, in Deutschland, im Sommer 2015.

"Kriegsähnliche Zustände", das ist eine empörende Formulierung, und sie mag im ersten Moment übertrieben erscheinen angesichts noch viel extremerer humanitärer Missstände anderswo auf der Welt. Ob im kleinen, wirtschaftlich schwachen Libanon, wo mehr als eine Million Flüchtlinge notdürftig untergebracht sind, oder im krisengeschüttelten Griechenland, wo allein im Juli 50.000 hilfesuchende Menschen angekommen sind. Deutschland muss bisher nur einen Teil dieser Menschen aufnehmen, und scheitert daran so eklatant, dass hierfür eine dramatische Wortwahl gerade angemessen erscheint. Der "kriegsähnliche Zustand", er herrscht ja nicht nur im Dresdner Zeltlager, er herrscht schon längst in der Mitte unserer Gesellschaft.

Schöne Freunde sind wir

Wollen wir dieses Deutschland sein, das Flüchtlinge abseits der Innenstädte in unzulängliche Zelt-Gettos verbannt, aus den Augen, aus dem Sinn? Wollen wir es zulassen, dass sich Lokalpolitiker von lautstarken und gewaltbereiten NPD- und Pegida-Anhängern einschüchtern lassen? Ertragen wir die Absurdität, dass Hunderte Wohnblöcke, nicht nur im Osten, sondern in der ganzen Republik, leer stehen und unter anderem deshalb nicht genutzt werden, weil uns rechte Demagogen weismachen wollen, dass diese Menschen, die aus blanker, existenzieller Not in Deutschland Asyl suchen, allesamt Kriminelle oder Schmarotzer sind, die nichts in der Mitte unserer Gesellschaft verloren haben?

Sind wir nicht diese lächelnde, mondäne und moderne Nation, die sich noch vor wenigen Jahren mit dem WM-Slogan "Die Welt zu Gast bei Freunden" brüstete? Schöne Freunde sind wir.

Die Zustände im Dresdner Zeltlager sind, so schlimm und erschreckend sie sein mögen, nur ein Nebenschauplatz dieses Krieges, der vor allem in den Köpfen stattfindet. In der Hitze dieses Sommers entscheidet sich, ob Deutschland, eines der reichsten und wohlhabendsten Länder der Welt, eine mitfühlende Gesellschaft ist, in der Humanität und Demokratie vor Fremdenfeindlichkeit und Ignoranz regieren.

Jeder einzelne von uns muss sich das fragen, wenn er gemütlich die Bratwurst auf dem Grill wendet oder auf dem Balkon am kühlen Drink nippt, statt auf die Straße zu gehen, um gegen soziale Kälte und Hass zu protestieren. Es geht dabei auch um Deutungshoheit: Ein Angst provozierender Begriff wie "kriegsähnlicher Zustand" kann im schlimmsten Fall zum Schlagwort für die falsche Seite werden, zum Treibstoff für noch stärkere Ressentiment und Abwehrhaltung.

Die Politik, bis hinauf zu Bundesministern und Kanzlerin, ist gefragt, in dieser Atmosphäre der Verunsicherung und Überforderung nicht opportunistisch, sondern offensiv zu agieren. Sie muss ein klares, von Stimmenfang am rechten Rand unbeirrtes Signal setzen, damit Flüchtlinge in Deutschland einen angemessenen, einen nachbarschaftlichen und komfortablen Platz in unserer Gesellschaft finden können.

Sie in beschämend schlecht versorgten Zeltlagern an den Rand zu verbannen bedeutet Kapitulation.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Andreas Borcholte ist Autor mit Sitz im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Andreas_Borcholte@spiegel.de

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Seite 1
forschung 08.08.2015
1.
Danke!
täufer 08.08.2015
2. diesem Kommentar
ist nichts hinzuzufügen. Es gibt, insbesondere in Ostdeutschland, zahlreiche Leerstände und diese sind allemal besser als die Zelte, zumindest für den Übergang. Die Flüchtlinge gehören, wenn sie integriert werden sollen, nicht an die Ränder, sondern mitten in die Wohnviertel der Städte. Vielleicht merkt dann auch so mancher rechter Schwachkopp, dass die meisten dieser neuen Menschen in der Nachbarschaft neugierig, lernwillig, fleißig und bereit sind, sich schnell zu integrieren.
seb.mazur@googlemail.com 08.08.2015
3. ich kann nur noch heulen! ich schäme mich so sehr für
mein Land. nicht gelernt aus dem 90ern.
larsmach 08.08.2015
4. Was, wenn das Ausland ebenso oberflächlich auf Deutschland sieht!?
Was, wenn die Welt auf Deutsche so schaut, wie es all die Urheber pauschalisierender Hass-Postings tun, in denen Massenabschiebungen sämtlicher Flüchtlinge verlangt werden, nachdem 6% einer Menschenmenge nach 6 Stunden Schlangestehen bei 40° ausgetickt sind? Was, wenn es dann heißt: Sieh einer an - die haben sich in ihrem Hass seit 1945 gar nicht wirklich geändert! Das wäre völlig falsch und unangemessen. Deutschland ist viel mehr als NPD und brennende Flüchtlingsheime. Doch dieser Teil ist nachdenklich, reflektierend und nicht plump verallgemeinernd. Doch der Weg zu Ächtung und Isolation ist gar nicht so weit...
mps58 08.08.2015
5. Ehrlichkeit
Es wäre ehrlicher, auch einmal zu sagen, wie denn die ganze Hilfsbereitschaft finanziert werden soll. Und bis zu welchen Grenzen wir bereit sind, auf Dauer für diese Familien komplett aufzukommen. Man muss die Bevölkerung ehrlich fragen, wieviel sie zu zu geben bereit ist. Nur pauschal Mitleid einzufordern ist nicht fair.
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