Geschlecht und Asyl Frauen und Kinder zuletzt

Der durchschnittliche Flüchtling kommt aus Syrien, ist jünger als 30 - und ein Mann. Das Geschlecht spielt in der Flüchtlingskrise eine unterschätzte Rolle. Wo sind all die Mütter und Töchter aus den Krisengebieten?

Flüchtlinge in München: Nur jeder dritte Asylbewerber ist weiblich
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Flüchtlinge in München: Nur jeder dritte Asylbewerber ist weiblich

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Haben Sie die Bilder noch im Kopf? Die Flüchtlingsmassen auf den Bahnhöfen von Budapest und Wien, die Asylbewerber auf den schmalen Pritschen in Zeltstädten, die abgekämpften Überlebenden an Europas Mittelmeerküsten: Väter, Söhne und Brüder auf nahezu jedem Foto, einige bringen ihre Familie mit - doch die meisten kommen allein.

Weibliche Flüchtlinge hingegen: eine Seltenheit. Als gäbe es keine Not leidenden Frauen, als wären die Bürgerkriege in Syrien oder Eritrea rein männliche Angelegenheiten. Warum kommen vor allem Männer über den Balkan und das Meer nach Mitteleuropa? Wo bleiben Frauen aus Krisengebieten? Der Überblick:

Die Krise in Europa: Eine Massenflucht junger Männer

Die derzeitige Krise in Europa kommt einer Massenflucht junger Männer gleich: Im vergangenen Jahr waren zwei Drittel der Asylanträge in Deutschland von Männern unterschrieben, mehr als 70 Prozent von ihnen sind laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) jünger als 30. Europaweit fallen die Zahlen der EU-Statistikbehörde Eurostat zufolge ähnlich aus, in der Gruppe der 14- bis 34-Jährigen waren sogar drei Viertel der Flüchtlinge Männer.

Allerdings fallen diese Zahlen je nach Herkunftsland unterschiedlich aus: Aus Syrien, Eritrea und Somalia kommen kaum Frauen, unter Balkan-Flüchtlingen ist das Verhältnis nahezu ausgeglichen. Allerdings hat der Zustrom von Migranten aus Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo und Montenegro laut der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl zuletzt deutlich abgenommen.

Weltweit ist der Trend umgekehrt: Mindestens jeder zweite Flüchtling ist laut Uno-Flüchtlingswerk UNHCR weiblich - dazu zählen jedoch auch sogenannte Binnenflüchtlinge, die ihr Heimatland zunächst nicht verlassen.

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Flüchtlinge aus Ungarn: Ein Foto von Angela Merkel im Gepäck
Gefahr in der Heimat: Flucht vor Tod und Zwangsrekrutierung

Offenbar verlassen Männer vor allem Regionen, in denen militärische Konflikte toben. "Männer wollen so vermutlich einer direkten Beteiligung am Kampfgeschehen entgehen", sagte Pro-Asyl-Chef Günter Burkhardt SPIEGEL ONLINE. Die Gefahr, getötet oder zwangsrekrutiert zu werden, sei für sie etwa im Bürgerkriegsland Syrien sehr hoch.

Dennoch bleiben die Frauen nicht einfach in den Kampfgebieten zurück: Millionen Familien sind in den vergangenen Jahren allein vor der Terrororganisation "Islamischer Staat" aus Syrien und dem Irak in die Nachbarländer geflohen - von dort haben sich dann jedoch meist zunächst nur die Väter auf die gefährliche Reise nach Europa begeben. In Italien etwa kamen im vergangenen Jahr nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex fast sieben Mal so viele Männer an wie Frauen.

Im Video: Wie Flüchtlinge in Deutschland ankommen

Die Risiken der Frauen: Gewalt, Isolierung, Hunger

Frauen sind deshalb aber keineswegs in ihren Heimatregionen sicher: "In vielen Bürgerkriegen gehören systematische Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen zur erklärten Kriegsstrategie", schreibt die Uno: "Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, leiden unter psychischen Langzeitfolgen, Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken und ihrer sozialen Isolation." In der EU können diese sogenannten Frauenflüchtlinge daher seit 1984 als eigene soziale Gruppe berücksichtigt werden, in Deutschland gibt es seit einigen Jahren Richtlinien über geschlechtsspezifische Verfolgung.

Als noch riskanter erweist sich die Flucht: Neben Hunger, Krankheiten und Tod müssten Frauen sexuelle Übergriffe fürchten, warnt die Marburger Konfliktforscherin Ulrike Krause. Das Problem ist auch ein deutsches: In Bayern etwa ist Zwangsprostitution von Asylbewerbern seit Längerem ein Thema, und der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung warnt vor der wachsenden Gefahr sexueller Übergriffe auch auf Kinder. Viele Frauen haben zudem im Krieg ihre Partner, Brüder oder Väter verloren und sind mit ihren Kindern alleine unterwegs.

Besonders gefährlich ist die Lage für alleinstehende Frauen laut UNHCR ausgerechnet in Flüchtlingslagern: Dort würden Frauen mitunter nicht einmal als Haushaltsvorstand anerkannt und erhielten daher keine Verpflegung. In Deutschland laufen weibliche Flüchtlinge Gefahr, in staatlichen Unterkünften Opfer häuslicher oder sexueller Gewalt zu werden, wie die Juristin Heike Rabe vom Deutschen Institut für Menschenrechte schreibt.

Die Entscheidung der Väter: Schutz für die Familie

Da viele Familien aus Krisengebieten sich ohnehin keine gemeinsame Flucht leisten könnten, müssen sie abwägen zwischen den verschiedenen Risiken. Viele Familienväter fällen dann laut Pro-Asyl-Chef Burkhardt eine klare Entscheidung: "Lieber gehe ich selbst das Risiko ein und bringe meine Frau und die Kinder erst mal nicht in Gefahr." Erst nach geglückter Ankunft in Europa wollen die Männer dann ihre Frauen und Kinder per Familiennachzug nach Deutschland holen - sicher und legal.

Ob dieser Plan für viele Asylbewerber aufgeht, ist ungewiss: Tausende Flüchtlinge werden wohl gar nicht erst eine längerfristige Aufenthaltsgenehmigung erhalten - die aber ist für den Familiennachzug Voraussetzung.


Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass nachziehende Familien anerkannter Asylbewerber ausreichenden Wohnraum und Lebensunterhalt vorweisen müssen - dies betrifft jedoch nur Arbeitsimmigranten. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.


Zusammengefasst: Weltweit ist jeder zweite Flüchtling weiblich - doch nach Mitteleuropa kommen derzeit vor allem Männer aus Krisengebieten. Viele beabsichtigen offenbar, nach der gefährlichen Flucht und der Bewilligung ihres Asylantrags ihre Familien nachziehen zu lassen. Sogenannte Frauenflüchtlinge sind weltweit Gewalt und sexuellen Übergriffen ausgeliefert - selbst in Flüchtlingslagern.



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