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S.P.O.N. - Oben und unten: Wie man mit der Mistgabel argumentiert

Eine Kolumne von

Seit zwei Wochen leben wir im Zeitalter des Postcolognalismus. Diese Ära hat ihre eigenen Regeln. Eine Gebrauchsanweisung.


Seit knapp zwei Wochen befinden wir uns in einem neuen Zeitalter: dem Zeitalter des Postcolognalismus. Es ist eine Ära, in der Logik nicht mehr gilt, weil sie schlicht nicht mehr angewendet wird, und Besonnenheit untergeht, weil es überall zu laut ist. Ruhig geführte Diskussionen können schön sein, allein, es ist nicht mehr ihre Zeit. Doch auch der Postcolognalismus hat seine Regeln. Hier sind sie.

  • Oberste Regel: Argumente sind nicht gut. In "Argument" steckt das Wort "arg". Daran sieht man schon alles. Weg damit. Argumente diskriminieren Menschen, die es sich nicht leisten können zu denken. Lassen Sie deswegen in Ihrer Rede sämtliche logischen Herleitungen und nachvollziehbaren Begründungen weg und gehen Sie auch nicht auf die Argumente anderer Menschen ein. Wir sind hier nicht an der Elite-Uni. Wir müssen nicht reflektieren. Im Gegenteil: Reflektieren blendet. (Reine Physik.)
  • Zweite Regel: Kennen Sie das "Prinzip der wohlwollenden Interpretation"? Nee? Egal. Es besagt, dass man Aussagen von anderen Leuten nicht durch den Dreck zieht, sondern erst mal im bestmöglichen Licht betrachtet und dann erst auf Grundlage dieser Betrachtung interpretiert und kritisiert. Aber das ist total veraltet. Irgendwelche Heiligen im Mittelalter haben sich das ausgedacht und weltfremde akademische Vögel in den Fünfzigern (!) haben das dann nachgemacht. Auf Englisch heißt es "Principle of Charity". Haha, Charity. Das ist was für reiche Promis, die Schulen für Zebras in der Sahara bauen, aber nicht für uns Otto Normalverbrauchers. Apropos: Dieses Jahr wird nach dem chinesischen Horoskop das Jahr des Affen. Benehmen Sie sich entsprechend.
  • Dritte Regel: Wenn Sie mit jemandem diskutieren wollen, lassen Sie sich nicht beirren. Es ist nicht so wichtig, ob Ihr Gegenüber das auch will. Gehen Sie Ihren Weg! Achten Sie zunächst auf äußere Merkmale: Wie sieht die Person aus? Gehört sie einer Minderheit an? Suchen Sie sämtliche potenziellen Schwachstellen, hässlichen Körperteile (gucken Sie auch hinten) und Gerüchte über die Mutter der Person zusammen. Verlieren Sie dabei nicht zu viel Zeit. Überprüfen Sie keine Vermutungen. Jede Information ist brauchbar, und Niedertracht ist ein hohes Gut. Fangen Sie an, die Person zu beleidigen. Versuchen Sie dabei, Ihr Niveau Stück für Stück zu senken, bis Sie den Boden fühlen. Ruhen Sie sich dort kurz aus. Dann fangen Sie erst richtig an. Immer drauf. Aber bleiben Sie unten! Unten ist es am sichersten.
  • Vierte Regel: Glauben Sie generell nichts, was Sie in gedruckten Medien lesen. Sobald es gedruckt ist, ist es falsch. Glauben Sie höchstens ironisch dran. Als Witz. Die heiligen drei Ausnahmen sind die Kolumnen von Harald Martenstein, die Aldi-Werbeprospekte und der "Cicero". Der Rest ist Lügenpressehaltdiefresse. Schreiben Sie Leserbriefe an die Lügenpresse - viele! Für jede Verletzung aus Ihrer Kindheit schreiben Sie zehn Leserbriefe. Am Tag.
  • Fünfte Regel: Kennen Sie Hannah Arendt? LOL, müssen Sie nicht. War nur ein Test. Ob Sie noch an Leute aus dem vergangenen Jahrhundert glauben. Glauben Sie nie an Intellektuelle! Wenn Sie schon an irgendwas glauben müssen, glauben Sie an YouTuber und die "Junge Alternative". Die haben mehr Zukunft. Es gab mal einen Typen, der hat geschrieben, "wie man mit dem Hammer philosophiert". Machen wir nicht! Wir argumentieren mit der Mistgabel.
  • Zwischendurch kurz eine Atemübung: Atmen Sie doppelt so lange ein wie aus. (Yoga-Idioten machen es andersrum, aber Sie sind kein Yoga-Idiot.) Spannen Sie dabei Ihre Kiefermuskulatur und die Kniekehlen an. Bleiben Sie so.
  • Sechste Regel: Dass Sie keine Argumente verwenden sollen, heißt nicht, dass Sprache egal ist. Weit gefehlt. Achten Sie darauf, möglichst viele kurze Wörter mit "z" zu benutzen. Das gibt Ihnen etwas Zackiges. Zensur! Hetze! Nazi! Es ist egal, wo im Wort das "z" steht. Hinten reicht. Furz, zum Beispiel. Wenn Sie Frauenschützer sind, verschaffen Sie sich eine Aura der Seriosität, indem Sie möglichst oft "Fotze" sagen. Nennen Sie sich bei Twitter ZornigerAtze3000. Benutzen Sie Großbuchstaben, Ausrufezeichen und das Bomben-Emoji, um Ihre Autorität zu unterstreichen.
  • Siebte Regel: Überhaupt, Twitter: geil. Gehen Sie da hin! Machen Sie sich am besten gleich mehrere Profile, denn viel hilft viel. Außerdem können Sie sich dann gegenseitig Like-Herzchen geben. Wenn Ihnen bei so viel Geklicke keine Zeit bleibt, ein Profilbild rauszusuchen, lassen sie einfach das voreingestellte Ei drin. Das ist sowieso am besten. Bleiben Sie ein Ei. Eier sind unangreifbar. Nehmen Sie Humpty Dumpty aus "Alice hinter den Spiegeln", oder, wie er in einer deutschen Übersetzung heißt: Plumpsti Bumsti. Ein Eiervorbild wie aus dem Bilderbuch, vor allem in Sachen Diskussionskultur. "Wenn ich ein Wort verwende", erklärt er Alice einmal, "dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes." Alice findet das merkwürdig, Humpty Dumpty nicht: "Die Frage ist, wer die Macht hat - und das ist alles." Nehmen Sie sich die Macht. Wenn Sie lieber Facebook benutzen als Twitter: kein Problem. Auch dort gelten die Regeln des Postcolognialismus. Erste Politikerinnen fangen bereits an, Netiquetten für die neue Ära zu veröffentlichen.
  • Achte Regel: Betonen Sie immer, wenn Sie etwas sagen, dass das jetzt die Wahrheit ist. Das ist wichtig. Alle, die das nicht machen, lügen. Siehe Lügenpresse. Gewöhnen Sie sich Floskeln an wie "Ich breche jetzt mal ein Tabu" oder "Mal ganz naiv gefragt" und vor allem "Das ist jetzt nicht politisch korrekt, aber...". Beenden Sie alle Monologe/Dialoge/Tage mit "Einer muss es ja sagen" oder wahlweise mit "Armes Deutschland". Vor dem Schlafengehen sagen Sie: "Gute Nacht Deutschland." Bringen Sie das auch Ihren Kindern bei.
  • Neunte Regel: Widersprechen Sie sich. Das hat was mit Dialektik zu tun. Es verwirrt Ihr Gegenüber, so gewinnen Sie Zeit. In der gewonnenen Zeit lesen Sie "Focus Online". Versuchen Sie, alles zu lesen, was auf "Focus Online" steht. Fortgeschrittene machen gleichzeitig die oben beschriebene Atemübung. (Tun Sie ansonsten nie etwas, was Ihnen von oben befohlen wird. Die da oben sind Verbrecher.)
  • Zehnte Regel: Meinen Sie nichts, wirklich nichts ironisch. (Achtung: Das widerspricht Regel vier, stört aber nicht, Widersprüche sind gut! Siehe Regel neun.) Ironie wird nicht mehr verstanden. Ironie tötet. Irgendein Trottel wird Sie immer ernst nehmen - und dann gute Nacht, Deutschland.


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 264 Beiträge
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1. Beitrag
sonnix 14.01.2016
Mal wieder kein nennenswerter oder produktiver Beitrag zur Debatte zu erkennen. Stattdessen werden die diskutierenden einfach diffamiert, vermutlich mit dem Ziel weitere Debatten zu sabotieren. Aber ein neuer Wind begeht zu Wehen.
2. Hmmm ...
brille000 14.01.2016
Ja und nun? Was will uns Frau Stokowski wohl hiermit (mit dem Artikel) sagen? ich weiss es auch nicht... .
3. der ist gut
bestrosi 14.01.2016
Lustig, Frau Stokowski, und sogar halbwegs fair nach beiden Extremen hin ausgeteilt (ich staune). Wobei, dass der gute alte Stammtisch resp. das Kaffeekränzchen jetzt auch eine digitale Fassung hat, erstaunt eigentlich nicht. Muss ja auch zu etwas gut sein, die Volksstimme.
4.
marcw 14.01.2016
Vieles geht in beide Richtungen.
5. Auch wenn ich deine Meinung nicht mag
manuelvoss007 14.01.2016
...köstlicher Beitrag! Hab mich hart weggeschmissenen. Thx!
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Margarete Stokowski
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