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Gereiztes Land: Kurz vorm Durchdrehen

Von Nils Minkmar

Wie in David Lynchs "Lost Highway": Die Bedrohung ist spürbar Zur Großansicht
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Wie in David Lynchs "Lost Highway": Die Bedrohung ist spürbar

Nerven liegen blank, Sprüche werden geklopft: In Deutschland herrscht "Die große Gereiztheit", wie sie Thomas Mann im "Zauberberg" beschrieben hat. Eigentlich ist wenig geschehen, doch alle drehen durch.

Eigentlich ist alles in Ordnung. Drei Mahlzeiten am Tag, immer genug zu tun, und wenn die Katze auf dem Baum sitzt, kommt die Feuerwehr. Die Renten sind sicher, Häuser und Autos glänzen prächtig, und viele denken in den dunklen Stunden des Nachmittags schon an die kommenden Sommerferien.

Und doch wirkt die Idylle des bundesrepublikanischen Alltags wie eine gepflegte Vorortsiedlung eines David-Lynch-Films: die Kulisse einer noch unbekannten, aber schon als Präsenz wahrzunehmenden Bedrohung.

Wenn man in die Ferne schaut, die zeitliche oder räumliche, sieht es dunkel aus. Wie zu viele dunkle Folien schieben sich die Krisen, die Sorgen vor jede Lichtquelle, plötzlich erscheint der Horizont beladen und beängstigend. Und wenn man darüber reden möchte, wird es schnell noch beklemmender. Jeder Smalltalk gerät zum Zank, es ist im Alltag wie auf der politischen Bühne: Nerven liegen blank, Kooperation wird gemieden, Sprüche werden geklopft. Also werden Fäuste in der Luft geschüttelt oder auf die eigene Brust getrommelt.

Es ist, als spielten alle eine berühmte Episode aus Thomas Manns "Zauberberg" nach, das Kapitel von der "großen Gereiztheit": "Was lag in der Luft? Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenslose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zum giftigen Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge." Plötzlich, beim ersten Frühstück, regt sich ein bis dahin völliger unauffälliger Patient über den Tee auf und schreit: "Sie lügen! Der Tee ist kalt", und dann steigerte er sich immer mehr und trommelte mit den Fäusten auf dem Tisch, während er abwechselnd "Ich will!" und "Ich will nicht!" schreit.

Es folgen Ehrenhändel, Raufereien, eine Patientin regt sich beim Streit mit einer Ladenbesitzerin derartig auf, dass sie zum Pflegefall wird. Die Luft war irgendwie vergiftet, der Antisemitismus machte sich bemerkbar. Die Patienten spüren, dass sich etwas verändert in der Welt, unten im Tal, aber sie haben keinen Begriff davon.

In einem schönen Artikel aus dem Februar 2013 deutet Frank Schirrmacher diese Episode als Beschreibung einer Übergangszeit, einer "sensorischen Phase, in der die Gedanken sofort die Nerven reizen". Man weiß im Berghof des Jahres 1913 noch nicht, was ein Jahr später folgt, aber dieses Kapitel dient, so empfiehlt es Schirrmacher, als "Sensibilitätsschulung für das Eintreten unerwarteter Ereignisse".

Die Sorgen werden frei importiert

Wir wissen ebenso wenig wie die von Thomas Mann so meisterlich beschriebenen Figuren, was in einem Jahr sein wird. Wir bemerken aber, von solcher Lektüre geschult, wie sich der Blick auf die Welt plötzlich verengen kann, die Kommunikation zu einem Kampf der Monologe mutiert, und wie letztlich Scheinprobleme bekämpft werden, während echte Gefahren nicht erkannt werden. Im Speisesaal geht der einst brave Schüler auf die den Tee servierende Dame los, bezichtigt sie der Lüge und droht ihr mit Schlägen.

In unserer Gesellschaft teilen sich die Rolle des Blitzableiters absurd konzipierte Kollektive wie "die Politiker", "die Presse" und vor allem die Bundeskanzlerin. An ihr arbeiten sich alle ab. Voller Angstlust wird der Putsch gegen sie beschworen, ihr Rücktritt gefordert, man droht mit Klage, prophezeit ihr Ende und schreibt ihr die Verantwortung für tatsächliche und erwartete Veränderungen zu. Aber Angela Merkel ist die falsche Adressatin. Die Flüchtlinge würden kommen, wenn der Kanzler Schäuble, Buschkowsky oder Palmer hieße. Gegebenenfalls würden sie dann illegal hier sein, in diesen so treffend "Dschungel" genannten Siedlungen wie vor Calais wohnen, aber kommen würden sie. Der Grund dafür liegt - das sollte man sich klarmachen - überhaupt nicht in der deutschen Politik. Die kann darum auch wenig tun, außer Folgen abzumildern.

Und auch der Begriff selbst muss geklärt werden: Die Flüchtlingskrise ist eine Krise im Leben dieser Menschen, für uns ist sie bloß eine Aufgabe. Dass die Flüchtlinge hier sind und auch noch weiterhin kommen werden, kann aber niemand ernsthaft begrüßen. Denn ihre Flucht ist ein Symptom dafür, dass so viele Länder auf dem Balkan, im Nahen Osten, in Nord- und Ostafrika derartig mies und korrupt regiert werden, dass die Bürger dieser Länder ihren Besitz und zu oft ihr Leben opfern, um von dort wegzukommen. Daran ist nichts erfreulich.

Man darf sich ruhig mal die Eliten jener Gegenden ansehen und zur Rechenschaft ziehen. Um dort wieder gute Verhältnisse herzustellen, ist Deutschland, ist ganz Europa überfordert. So ist es derzeit: Wir importieren auch die großen Probleme anderer Länder, die Nöte Griechenlands, Chinas - aber können wenig tun, das zu verhindern oder zu vermeiden. Die Bürger tigern in ihren zu klein empfundenen Nationalstaaten auf und ab, mit ihrem als zu klein empfundenen politischen Personal und drehen langsam durch: Die Sorgen werden frei importiert, während ein Land allein - und seine in den Abendnachrichten doch immer so wichtige Regierung - kaum noch etwas vermag.

Alle erwarten den Befreiungsschlag

Wir haben längst eine Weltinnenwirtschaft, eine Weltinnenkommunikation - aber eben noch längst nicht die einst von Willy Brandt beschworene Weltinnenpolitik.

Wir brauchen ein intellektuelles Detox-Programm. Man muss lüften, die Temperatur kühlen und bei offenen Fenstern einen Blick auf die Welt wagen. All die Sorgen, die uns jetzt begegnen, werden uns noch lange begleiten, womöglich auf Jahrzehnte. Und wir kennen ja die Mittel, aus solchen Situationen wieder herauszukommen: Kommunikation und Kooperation. Doch diese Instrumente werden gar nicht wertgeschätzt. Es ist erst wenige Jahrzehnte her, da setzte man ganz auf Verhandlungen, um Europa zu einen, den Nahostkonflikt zu lösen oder zu mildern, den Kalten Krieg zu beenden und Tarifpartnerschaften hinzubekommen. Männer wie Genscher, Schewardnadse, Gorbatschow, Mandela und Rabin standen für historische Durchbrüche, die nie absolut waren, die aber ohne Blutvergießen errungen wurden und die Geschichte zum Besseren veränderten.

Heute wollen Putin und Erdogan, Marine Le Pen und Donald Trump von solchen Vorbildern nichts mehr wissen und spielen dem Publikum vor, sie könnten sich allein mit der Stärke ihres Willens gegen die anderen durchsetzen. Donald Trump ist nur der krasseste Exponent dieses Stils, der auf der neoliberalen, digital verstärkten Gewinnerlogik beruht: Es gibt nur Sieg oder Niederlage, und der Sieger bekommt alles. Das ist die den Algorithmen der digitalen Ökonomie zugrunde liegende Formel. Kooperative Modelle, das Ideal des Kompromisses, der langfristigen Zusammenarbeit, wirken dagegen altmodisch. Der Zustand der Institutionen der internationalen Kooperation, etwa der Vereinten Nationen und ihrer Blauhelme, oder sogar der EU, ist viel zu schlecht für all die anstehenden Aufgaben. Aber interessiert das noch jemanden?

Alle erwarten oder fordern gar den Befreiungsschlag, den großen Wurf und die klare Strategie. Immer wieder wird ein medialer Trommelwirbel angestimmt, der den Leuten suggeriert, es könne sich bald alles lösen, bald wieder werden wie früher. Aber das wird nie wieder so sein. Es gibt kein Recht auf ein von der Geschichte unbelästigtes Leben. Wir können uns die medial verstärkten Trommelwirbel sparen, die Gereiztheit überwinden und ordentlich nachdenken.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Robert_Rostock 22.02.2016
"Wir haben längst eine Weltinnenwirtschaft, eine Weltinnenkommunikation - aber eben noch längst nicht die einst von Willy Brandt beschworene Weltinnenpolitik." Weltinnen?! Man kann es mit dem Gendern der Sprache auch übertreiben... Nein, im Ernst: Ein guter Kommentar, der die beängstigende Stimmung ganz treffend beschreibt. Wie es Dunja Hayali treffend beschrieb: Keiner hört keinem mehr zu. Aber alle zeigen nur immer auf den anderen. Niemand ist bereit, eigene Standpunkte zu überdenken. Jeder hat einen Universalschuldigen, wirft aber der Gegenseite vor, zu pauschlisieren und zu vereinfachen. Ich weiß nicht, wo und wie das enden soll...
2. Gute Analyse
m-berger 22.02.2016
Es geht uns hier in Europa viel besser als je zuvor in der Geschichte, trotzdem macht sich Panik breit. Ein klares Indiz dafür ist die stetig steigende Lebenserwartung. Sind wir so verwöhnt, dass wir nicht einsehen, wie gut es uns eigentlich geht? Selbst wenn unser Wohlstand etwas geringer würde, ginge es uns immer noch weit besser als sich jemand vor zwei Generationen hätte vorstellen können. Dies ist nicht das Verdienst eines starken Führers, sondern der geordneten Zusammenarbeit in verschiedensten Bereichen: Politik (Rechtsstaat, Demokratie), Wirtschaft (freie Marktwirtschaft) Wissenschaft uvm. Tragisch, dass sich soviele Leute von vermeintlich starken Führern blenden lassen.
3. Geschichte wiederholt sich offenbar immer wieder.
nichtdoch 22.02.2016
Leider lernt der Europaer nichts aus der Geschichte und wiederholt die Probleme,und wundert sich dann dass alles wieder ist wie in der unruehmlichen Vergangenheit !
4. .
karend 22.02.2016
"Eigentlich ist alles in Ordnung. Drei Mahlzeiten am Tag, immer genug zu tun, und wenn die Katze auf dem Baum sitzt, kommt die Feuerwehr. Die Renten sind sicher, Häuser und Autos glänzen prächtig, und viele denken in den dunklen Stunden des Nachmittags schon an die kommenden Sommerferien." So so. Eigentlich. Aber die Armut steigt (aber das wird seit einiger Zeit gern ignoriert) und sichere Renten waren einmal.
5. Lichtblick
stempelchen 22.02.2016
Dieser Artikel ist einer von ganz wenigen Lichtblicke in der Debatte. Ansonsten polarisieren die sog. "Gutmenschen" und "besorgten Bürger" um die Wette. Die Kunst de Kompromisses bleibt dabei außen vor. Diesr Artikel hält der Polarisierung sehr angenehm den SPIEGEL - vielleicht gar Eulenspiegel - vor.
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