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S.P.O.N. - Der Kritiker: Jetzt können wir alles infrage stellen

Eine Kolumne von

Alles lässt sich in der Flüchtlingskrise hinterfragen: von der Art, wie wir leben, bis zu der Art, wie wir bauen. Wir haben SPIEGEL-ONLINE-Leser aufgerufen, Ideen und Initiativen der Flüchtlingshilfe vorzustellen. Die Reaktionen waren überwältigend.

Wenn man will, eröffnet sich gerade ein utopischer Raum, der die Veränderbarkeit dieser Gesellschaft aufs Schönste demonstriert: Die Flüchtlingskrise kann das Land zum Positiven verändern, trotz 10,5% AfD-Angsthasen und FAZ-Abschottungsfantasien.

Alles kann infrage gestellt werden: Wie wir über uns und über andere denken, wie wir leben und wie wir leben wollen, was uns wichtig ist und was nicht, wovon wir uns trennen wollen, was wir behalten und was verändern wollen, und zwar von den Winterschuhen im eigenen Keller bis zu den Bauvorschriften für Neubauten.

Es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn man etwas infrage stellt, wie nun all die Leitkulturalisten suggerieren, die fahrlässig humanitäre Notwendigkeit in Parteipolitik verwandeln und dabei das an Schönheit vernichten, was in der Politik als Idee enthalten ist.

Es ist vielmehr ein Zeichen von Stärke, von Souveränität, von "politischer Schönheit" (Philipp Ruch) eben, wenn man akzeptiert, dass die Dinge im Fluss sind und manchmal unberechenbar und dass man diese Gegenwart als Herausforderung sieht, an der man vor allem dann scheitert, wenn man sie ignoriert.

Die Gesellschaft wird sich verändern

Vor vier Wochen habe ich in einer Kolumne zusammen mit dem Kollegen Maximilian Popp dazu aufgerufen, Ideen und Initiativen vorzustellen, die exemplarisch zeigen, was das Kanzlerinnen-Wort bedeuten könnte: Wir schaffen das!

Die Reaktionen waren überwältigend. Die Vorschläge waren konkret, praktisch, inspirierend, überraschend, manche waren gewagt, manche waren verstiegen. Und aus allen Mails sprach eine gemeinsame Sehnsucht: Dass die Medien sich diesem konstruktiven Ansatz öffnen und ihren Auftrag auch so verstehen, dass es nicht immer nur um Probleme geht, sondern auch um Lösungen.

Lesen Sie hier die Vorschläge der SPIEGEL-ONLINE-Leser:

Ideenbasar
Der mediale Spin gerade ist gewaltig, und er ist angreifbar. Nach den Anschlägen von Paris werden die Fragen des Terrors mit den Fragen der Flüchtlinge auf eine Art und Weise verbunden, die geeignet ist, Hass und Vorurteile noch zu bestärken, Ausgrenzung und Stigmatisierung voranzutreiben, die Gesellschaft noch mehr zu spalten - eine Gesellschaft, die sich verändern wird, so viel ist sicher.

Und die Bestandteile des Neuen sind in den Trümmern und Ruinen des Alten erkennbar. Was bedeutet es etwa, wenn ein Leser vorschlägt, Flüchtlinge sollten - wie er selbst nach Verlust seiner Wohnung in der griechischen Finanzkrise - in umgebauten Pferdeanhängern wohnen, "voll wärmeisoliert mit fünf Zentimeter dicken Isolationsplatten, am Boden sieben Zentimeter", wie er schreibt: "Dieses "kleine Haus" ist mobil, es kann durch einen Freund oder eine Behörde an jeden Ort gezogen werden, man fühlt sich autark und hat sein eigenes kleines Reich."

Ist das zynisch? Ist die Realität zynisch? Oder steckt hier eine nomadische Utopie, die das verändern hilft, was wir mit Heim und Besitz verbinden, mit den Automatismen des Alltags und der Einfallslosigkeit gerade des sozialen Wohnungsbaus?

Architekten wie Lacaton Vassal machen sich längst Gedanken darüber, wie sich das Bauen im Zeichen des Mangels verändert. Bauvorschriften verhindern in der Flüchtlingssituation schnelle, kreative Lösungen.

Pragmatismus des Helfens

Der kamerunische Philosoph Achille Mbembe, der am Montag mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet wird, hat einmal davon gesprochen, was man von den Menschen, die in Armut leben, lernen kann - die Bastionen des Wohlstands zu verteidigen, ist oft unmenschlicher, als mit den Mitteln, die man hat, nach Lösungen zu suchen.

Und so wirkt auch ein anderer Vorschlag erst einmal grotesk: die "Bildung einer eigenen deutsch-syrischen Militäreinheit in Anlehnung an bestehende bi- oder trinationale europäische Einheiten - eine Art deutscher Fremdenlegion, bestehend aus syrischen Rekruten mit Ausrüstung/Ausbildung/Führung durch reguläre Bundeswehrkräfte", wie Johannes Höper schreibt.

Absurd? Aber warum? Wenn man den Syrienkrieg für den spanischen Bürgerkrieg unserer Zeit hält, also für einen moralischen Makel für eine ganze Generation und eine Zeitenwende, die entscheidet, wie es auf diesem Kontinent weitergeht - dann kann und muss man doch die Frage stellen, was man aus diesem Krieg lernen kann, wo Schriftsteller und Philosophen als Teil der Internationalen Brigade auf Seiten der Republik kämpften.

Der Künstleraktivist Philipp Ruch nennt das "militanten Humanismus", er will die Wohlstandsbürger aus ihrer selbstgewählten Lethargie wachrütteln. Wenn man will, dann bringt die gegenwärtige Situation das eigene Denken und das Leben in Bewegung, man kann vieles von dem, was man für sicher und gegeben hielt, hinterfragen. Das ist die positive Logik der gegenwärtigen Veränderungen, die so vielen Leuten so viel Angst machen. Eine positive Logik, die vieles möglich macht.

Es gibt einen Pragmatismus des Helfens, auf den Initiativen wie Refugee Guide, Refugeewiki, Helferwiki, Volunteer Planner, Refugee Law Clinic Cologne, Vision Education, Bellevue di Monaco oder Be an Angel verweisen.

Oder einfach das Angebot einer Deutschen aus Australien, per Skype Sprachunterricht zu geben.

Es geht immer noch vor allem darum, die Hilfe zu organisieren und zu koordinieren, und es ist inspirierend zu sehen, wie selbstverständlich und solidarisch viele Menschen handeln.

Das werden sie sich auch von Politik und Medien nicht kaputt machen lassen.

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Kolumne - Der Kritiker
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
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1. Schöne Utopie
dirk1962 29.11.2015
Sicher dürfen die Gedanken auch mal in Utopien schweifen. Leider holt einen die harte Realität immer ganz schnell wieder ein. Mal ganz vorne Anfängen. Wer sagt uns denn eigentlich, dass die Flüchtlinge sich in unsere Gesellschaft integrieren wollen? Das bedeutet immerhin nichts weniger, als einen Großteil der eigenen Identität und Kultur über Bord zu werfen. Und wer sagt auf der anderen Seite, dass die Deutsche Bevölkerung die Flüchtlinge integrieren will? Setzen wir das alles einfach voraus, nur weil Merkel und selbsternannte Experten wie KGE das so wollen? Also weiter, was genau bedeutet denn Integration. Das bedeutet die Deutsche Sprache zu beherrschen, eine selbst bezahlte Wohnung und eine Arbeit zu haben, von der die eigene Familie unterhalten werden kann. Natürlich gehören auch soziale Kontakte zu Deutschen dazu, aber das lasse ich jetzt bewusst mal weg. Ich hinterfragen mal nur die einfachen Dinge. Wie viele der Flüchtlinge sind schon in Deutschkurse? Wie sieht die Sonderförderung der Kinder aus, um einen sinnvollen Schulbesuch zu ermöglichen? Wieviele der benötigten Wohnungen sind schon in Bau? Wie ist wirklich die schulische undberufliche Qualifikation der Flüchtlinge? Auf all diese einfachen Fragen haben wir keine Antworten. Warum nicht? Weil wir es entweder nicht wissen, oder, oder nicht mal feststellen können. Wenn wir ehrlich sind, haben wir nicht einmal angefangen, ernsthaft darüber nachzudenken, geschweige denn sind Fakten geschaffen worden. Also bisher nichts als heisse Luft, oder bestenfalls Absichtserklärungen. Aber wie schon gesagt, die Gedanken sind bekanntlich frei.
2. Nicht in der Zukunft denken?
aufdenpunktgebracht, 29.11.2015
Ein Unterschied zwischen Mensch und Tier ist, daß sich der Mensch Gedanken über seine Zukunft macht. Dem Tier ist die Zukunft so ziemlich schnuppe. Das kann ein großer Vorteil sein. Es gibt keine Zukunftsängste, von denen der Mensch gerne geplagt ist und sich ständig Sorgen um darum macht. Angsthase nennt es der Autor. Sorgen machen wir uns um Familie, Job, Klima, Flüchtlingen u.v.a.m. Vom Ansatz kann es befreiend sein, sich von der Zukunft zu lösen und in der Gegenward zu denken. Das kann aber auch nach hinten losgehen und ziemlich naiv sein.
3. sinnhaftigkeit
uksubs 29.11.2015
ich denke, die hilfe, die nun angeboten wird, ist auch der weg zu mehr sinnhaftigkeit. das wurde womöglich gar nicht bewußt gedacht, ich denke aber, es ist so. sehr viele singles, sehr viel dekadenz, sehr viel unnnütze freizeitbeschäftigung, etwa die jetzigen besuche auf den weihnachtsmärkten - dagegen ist ja das, was die flüchtlinge nun hinter sich haben, existenziell, und das, was sie brauchen, ebenso. jedenfalls - es ist gut so! und eben dies könnte unsere gesellschaft tatsächlich nachhaltig positiv verändern - und das ist auch gut so!
4. Deutschland wird sich rasch verändern müssen...
eisbärchen_123 29.11.2015
...denn schließlich hat die Flüchtlingskrise genug Potential um die EU endgültig zu sprengen. Dies wird - durch die extreme Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft - die Arbeitslosenzahlen sprunghaft ansteigen lassen. Dann sind kreative Lösungsansätze gefragt, deshalb diese jetzt schon mal fleißig sammeln, Herr Diez. Viel Spaß!!
5. Positive Logik
sag-geschwind 29.11.2015
Der Verlust von Sicherheit, insbesondere sozialer Sicherheit ist keine "positive Logik", sondern ein kranker Auswuchs eines elitären Kapitalismus, der sich wieder ohne jede Skrupel gegen die Menschen wendet. Grauenhafte Wortverbiegerei!
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.


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