Politaktion Künstler holen Flüchtlingsleichen nach Berlin

Die Aktion wirkt krass und pietätlos, doch es geht um ein ernstes Anliegen: Das Zentrum für Politische Schönheit will der Toten gedenken, die auf der Flucht nach Europa ums Leben kamen - mit Bestattungen mitten in Berlin.

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DPA/ Opielok Offshore Carriers

"Die Toten kommen": Sie werden bald vielleicht in Berlin sein, in der Mitte der Macht. Was wie die Werbung für einen Zombiefilm klingt, ist die neueste angekündigte Aktion des Zentrums für Politische Schönheit - eines Kollektivs, das sich aufmerksamkeitsintensiver Aktionskunst verschrieben hat.

Die Frage, die dieser Aktion zugrunde liegt, ist einfach: Was passiert eigentlich mit den Toten, den Tausenden von Menschen mittlerweile, die entlang der Grenzen Europas sterben, ertrunken meistens im Mittelmeer, angespült, aufgefischt - und dann?

Dann werden sie, die im Leben nie die Würde gefunden haben, die ihnen als Mensch gebührt, auch im Tod misshandelt: Sie werden irgendwo zwischen Olivenbäumen verscharrt, namenlos. Sie werden monatelang in Kühlräumen gelagert. Sie werden vergessen, denn sie stören eine Politik, die schon genug damit zu tun hat, sich die Lebenden vom Leib zu halten.

Die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit will diesen Toten eine letzte Ruhestätte schenken - und ihnen ihre Sichtbarkeit zurückgeben. Es sei die bislang "radikalste" Aktion, so sagt es Philipp Ruch, der künstlerische Leiter des Zentrums für Politische Schönheit. Monatelang hätten seine Mitarbeiter recherchiert, sagt Ruch, in Italien, Griechenland, in Libyen, an den Außengrenzen der Festung Europa also.

"Die Toten kommen" klingt wie eine Art Fortführung und Umkehrung ihrer bislang medienwirksamsten Aktion, bei der sie im November 2014 die Kreuze der Mauertoten in der Mitte von Berlin abmontierten und sie an die Grenzzäune brachten, wo die, wie Ruch sagte, "Mauertoten von heute" sterben. Jene Aktion stieß damals auf Kritik, vor allem seitens der Berliner Politiker: Kai Wegner zum Beispiel, der Generalsekretär der Berliner CDU, nannte das Vorgehen des Zentrums für Politische Schönheit pietätlos; Opfergruppen dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Das Kollektiv sieht es anders: Es ging ihnen damals und es geht ihnen heute darum, die Gewissensrituale der Gesellschaft zu durchbrechen, den Panzer der politischen Rhetorik zu zerbrechen, den vorgefertigten Bildern der Nachrichtensendungen andere Bilder entgegenzusetzen. Es geht darum, so sehen sie es, eine verbrecherische Politik haftbar zu machen und die Frage der Schuld zu stellen.

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Zehn Leichen, so heißt es in der Presseerklärung des Zentrums für Politische Schönheit, haben sie bislang exhumiert, in Zusammenarbeit mit Priestern und Imamen: Die erste Beerdigung einer Frau, die als "Unbekannte Nummer 2" in Sizilien lag, soll am Dienstag dieser Woche stattfinden, auf dem Friedhofsfeld von Berlin-Gatow. Sie hätten die Identität der Toten herausgefunden, sagt Ruch, es sei eine Frau aus Syrien, im März ertrunken, als das Boot, das sie übers Mittelmeer bringen sollte, kenterte.

Ihr Mann überlebte und auch drei ihrer Kinder, die beiden Söhne, neun und sieben, und die vierjährige Tochter. Vermisst wird noch immer das zweijährige Kind, es wird symbolisch mitbegraben. Der Mann und die drei überlebenden Kinder haben sich nach Deutschland gerettet, "man hätte herausfinden können, wer diese Frau ist", sagt Philipp Ruch, "wenn man nur gewollt hätte".

Merkel und de Maizière zur Beerdigung geladen

Ist diese Aktion also krass und pietätlos, Leichen quer durch Europa zu fahren, um sie in Berlin als künstlerischen Coup zu beerdigen? Oder ist die Politik krass und pietätlos, die ganz bewusst entschieden hat, das Rettungsprogramm "Mare Nostrum" durch das Abschottungsprogramm "Triton" zu ersetzen? Und sind die Medien krass und pietätlos, die nicht in der Lage sind, den Gleichklang von Kentern, Tod und Not zu durchbrechen? Braucht es, anders gesagt, solche Aktionen, die in gewisser Weise sogar in Leerstellen des Journalismus stoßen und Arbeit machen, für die andere zu faul oder zu feige sind?

Sie sind keine Aktivisten, sagen sie selbst, sie sind Künstler. Und so haben sie eine Gästeliste für die geplante Beerdigung am Dienstag veröffentlicht, die sie als Anschauungsunterricht zur "Humanität Europas" verstehen, zu dem sie allen voran Innenminister Thomas de Maizière und Angela Merkel eingeladen haben, aber auch Staatssekretäre, Ministerialräte, Regierungsdirektoren, 39 Leute insgesamt - die "bürokratischen Mörder", so nennt sie Ruch. Zwei Reihen, die wohl frei bleiben werden am Dienstag in Berlin-Gatow.

Für Angela Merkel haben sie zwei Reden vorbereitet, falls sie kommen sollte: In der einen spielt sie routiniert auf der Freiheits-Flöte und entbindet die Politik von jeder Verantwortung - in der anderen erklärt sie ihren Rücktritt, weil die "politische Elite Europas, mit mir an entscheidender Stelle, eine ungeheuerliche Schuld trifft" und sie dabei sei, "eine europäische Idee zu verunmöglichen, die dem jahrhundertelang gewachsenen kulturellen Reichtum und den humanistischen Traditionen gerecht werden könnte".

Dieser Rücktritt wird natürlich nicht passieren, aber "die Einschläge kommen näher", wie Ruch sagt.

Wo und wann die anderen Beerdigungen stattfinden, wird erst kurz vorher bekannt gegeben, zu groß scheint die Sorge zu sein, dass die Behörden diese Aktion unterbinden. Sie wollen, wie sie sagen, "Deutschland die Toten präsentieren". Sie planen Beerdigungen bis ins Zentrum von Berlin. Sie rufen auf zum "Marsch der Entschlossenen" am kommenden Sonntag, mit einem Bagger voran, vor dem Kanzleramt soll ein "Friedhofsfeld der Superlative" entstehen: Ein großer roter Bogen soll sich über dem Gräberfeld wölben, auf dem steht "Den unbekannten Einwanderern", und über dem Eingang stünde "Die Flüchtenden werden einst wir sein".

Für ihre Aktion haben sie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, für 2500 Euro darf man den Bagger fahren, der den Platz vor dem Kanzleramt aufbrechen soll.

Diese Fragen also haben die Künstler gestellt: Wer trägt die Schuld? Was ist Würde? Wie geht Europa mit Flüchtlingen um, den lebenden und den toten? Die Antwort liegt bei uns.

  • Spanien-Marokko, Griechenland-Türkei, Ungarn-Serbien: Orte entlang dieser drei Grenzen zeigen, mit welch rabiaten Methoden sich Europa gegen Arme und Schutzsuchende abschottet. SPIEGEL-Reporter Maximilian Popp und Fotograf Carlos Spottorno reisten zu Schutzzäunen und in Auffanglager, sie begleiteten Patrouillen auf See und trafen Flüchtlinge, die alles riskieren für eine Zukunft in Europa.
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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NoTarget 15.06.2015
1. Aufmerksamkeit erst ab Südrand Mittelmeer
Den weltweit täglich mehr als 20.000 Hungertoten wird nicht mal annähernd gleiche Aufmerksamkeit zugeteilt. Erst der Versuch das gelobte Land Europa zu erreichen, macht aus toten Menschen Opfer erster Klasse. Und das nennt sich dann "politische Schönheit" - "Scheinheiligkeit" würde besser passen...
kivikova 15.06.2015
2. Pietätslos ohne Ende
Was will man mit dieser unsäglichen Aktion ausdrücken.Das D noch zu wenige Flüchtlinge/Asylantern ins Land holt.?Dümmer gehts nimmer und die Aktion muss verboten werden!!!
Schwabbelbacke 15.06.2015
3. Richtig?!
Krass und pietätlos ist das derzeitige Handeln der Politk. Zum einen steckt in der aufnahme von Asylanten das Kalkül billige "Fachkräfte" ins Land zu holen, zum anderen tragen alleine durch das Zuschauen dieser Humanitären Katastrophe bei. So manch einem wird diese Aktion der Künstler vieleicht Real klar, was sich da auf dem Meer so abspielt. Was wir für Selbstverständlich erachten, ist für die Flüchtlinge ein Paradies. Trotzdem muss an die Sache anders herangegangen werden...nähmlich die Ursachen müssen bekämpft werden - und nicht die Asylanten.
ditor 15.06.2015
4. Anklagen ist leicht
Es ist einfach den Mahner zu geben und mit den Finger auf die Bösen anderen zu zeigen. Zeigt doch mal eine Lösung auf mit der man nicht gleichzeitig auch Deutschland zu Grabe trägt.
t-o-m-k-o 15.06.2015
5. Das ist keine Kunst
Das ist einfach nur geschmacklose Politik von Alternativen. Da kann man einfach nur noch den Kopf schütteln. Auf Krampf auffallen, wenn es schon mit der eigenen "Kunst" nicht klappt.
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